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"Nicht-Fleischessen muss normal werden"

BildZwar sinkt der Fleischkonsum, doch nicht so sehr, wie es für Gesundheit und Klima empfehlenswert wäre. Die Politik muss endlich aktiv werden, findet Till Strecker vom Vegetarierbund Deutschland (Vebu). Es liegen viele gute Vorschläge für eine bessere Ernährung auf dem Tisch, doch Landwirtschaftsminister Schmidt hält sich mit Veggie-Würstchen auf.

Till Strecker ist Politikwissenschaftler und leitet beim Vebu den Bereich Politik.

klimaretter.info: "Jeder soll essen, was ihn glücklich macht", verkündet Bundesland­wirtschafts­minister Christian Schmidt (CSU). Das scheinen immer mehr Fertigprodukte zu sein, denn deren Konsum nimmt stetig zu. Herr Strecker, macht es sich unser Landwirtschafts­minister zu einfach?

Till Strecker: Ich finde es problematisch, wie Schmidt argumentiert. Er spielt mit dem grundsätzlichen Problem, das wir in der Ernährung haben: der enormen Angst vor Bevormundung.

Dass diese Sorge beim Thema Ernährung so groß ist, liegt vielleicht daran, dass es eine sehr persönliche Note hat und ein kultureller Akt ist. Das war vor einigen Jahren beim Autofahren ähnlich: Freie Fahrt für freie Bürger, lautete der Slogan. Das ist einfach total falsch.

Der Staat hat die Aufgabe, Regeln aufzustellen und im positiven Sinn auf das Leben der Menschen einzuwirken. Niemand verlangt ein Gesetz, das festlegt, dass nur noch sonntags Fleischessen erlaubt ist. Aber diese Angst vor Bevormundung wird schon formuliert, wenn man nur fordert, dass die Aussage "Fleisch ist eine tolle Sache" nicht mehr gemacht wird. Zurzeit haben wir durchaus eine Bevormundung im kulturellen Sinne: Politiker, die sich mit Bratwurst abbilden lassen oder beim Rundgang über die "Grüne Woche" Fleischprodukte zu sich nehmen.

Braucht es mehr Steuerung des Marktes – zum Beispiel in Form von höherer Mehrwertsteuer für Fleisch- und Milchprodukte, wie sie das Umweltbundesamt gefordert hat?

Allein aus gesundheitlicher Sicht ist es sinnvoll, weniger Fleisch zu essen. Der durchschnittliche Fleischkonsum liegt weit über den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Da muss etwas passieren.

Eine höhere Mehrwertsteuer ist ein Element, das leicht umzusetzen ist. Es würde aber nicht die große Wende bringen. Wir brauchen ein gut abgestimmtes Gesamtkonzept und einen Paradigmenwechsel in der Politik. Die Mehrheit erkennt an, dass Fleischessen auch mit Blick auf den Klimawandel problematisch ist. Aber es muss sich politisch etwas ändern. Das UBA will die höheren Einnahmen verwenden, um den Steuersatz für pflanzliche Produkte zu reduzieren. Das könnte dafür sorgen, dass sich Leute weiterhin gutes Essen und vielleicht auch hochwertigere Produkte leisten können.

Wenn das ein erster Schritt wäre, worum geht es als Nächstes?

Es braucht eine Normalisierung des Nicht-Fleischessens. Das betrifft auch andere tierische Produkte. Zu einem Gesamtkonzept gehört für uns, dass die Verfügbarkeit vegetarischer und veganer Speisen und die Aufklärung über die pflanzliche Lebensweise verstärkt werden. Das Angebot in öffentlichen Kantinen und auf Veranstaltungen der öffentlichen Hand muss verbessert werden. Auch über Ernährungsbildung kann man nachdenken. Es liegen sehr viele Vorschläge auf dem Tisch. Aber in der Hauptsache muss die Politik anfangen, aktiv zu werden.

Landwirtschaftsminister Schmidt will laut seinem Grünbuch, das er unlängst vorgestellt hat, eine nationale Nutztier-Strategie entwickeln, ein Tierwohl-Label einführen und einen Bundesbeauftragten für Tierschutz schaffen. Können wir uns bald ohne schlechtes Gewissen von tierischen Produkten ernähren?

Bei Fleisch, Milchprodukten und Eiern spielt immer der Tod des Tieres eine Rolle. Der beste Weg, Tiere vor den Grausamkeiten der landwirtschaftlichen Tierhaltung zu bewahren, ist der, kein Fleisch, keine Eier und keine Milchprodukte mehr zu kaufen und zu essen. Viele Verbraucher lehnen es ja ab, dass Tiere für sie gequält oder getötet werden. Aber es fehlt ihnen an Anreizen und Informationen, wie sie am besten auf eine vegetarisch-vegane Ernährung umsteigen. Wir arbeiten dafür, die pflanzenbetonte Lebensweise als attraktive und gesunde Alternative allen Menschen zugänglich und schmackhaft zu machen.

Die Regierungsfraktionen fordern eine Definition von vegan und vegetarisch. Hilft uns das weiter?

Weder in Deutschland noch auf EU-Ebene haben wir im engeren Sinne eine rechtsverbindliche Definition der Begriffe "vegetarisch" und "vegan". Es ist nicht geregelt, welche Produkte man vegan oder vegetarisch nennen kann. Das heißt nicht, dass man einfach ein Schweineschnitzel als vegan etikettieren darf. Es gibt aber viele Detailfragen, zum Beispiel nach der Relevanz tierischer Verarbeitungshilfsstoffe, die für eine rechtsverbindliche Regelung hilfreich und wichtig sind – für Verbraucher und Hersteller.

Auf eine sehr sinnvolle Definition von "vegetarisch" und "vegan" auf Grundlage eines Vebu-Vorschlags hat sich eine Arbeitsgruppe der Länder unter unserer Beteiligung und der der Lebensmittelwirtschaft verständigt. Diese Definition wird nun von den Lebensmittelüberwachungsbehörden angewendet und in Deutschland politisch unterstützt. Jetzt ist die EU-Kommission in der Verantwortung, aktiv zu werden und möglichst dieser Formulierung Rechtskraft zu verleihen.

Eine altbekannte Forderung macht derzeit die Runde: Was draufsteht, muss auch drin sein. Was bringt es, die Bezeichnungen Soja-Schnitzel oder Veggie-Wurst zu verbieten?

Seit Jahrzehnten gibt es Fleischalternativen auf dem Markt, die genauso benannt werden wie Fleischprodukte. Sei es ein vegetarisches Würstchen oder ein veganes Schnitzel. Vegane oder vegetarische Eigenschaften sind ein Verkaufsargument und werden von den Herstellern und Händlern auch entsprechend kommuniziert. Es gibt keinen Nachweis darüber, dass Leute in den Supermarkt gehen und aus Versehen ein fleischfreies Schnitzel kaufen, obwohl sie eigentlich eines vom Schwein kaufen wollten.

BildWenn kein Fleisch dabei ist, ist es für manchen gar keine richtige Mahlzeit. (Foto: Matthias Rietschel, Porträtfoto Till Strecker: Bjørn Fehl/Vebu)

Die Behauptung der Irreführung nicht nur von Minister Schmidt zeugt von einem Unverständnis gegenüber dem Wunsch von immer mehr Menschen nach vegetarisch-veganen Alternativen. Eine Einschränkung der Verwendung von Fleischbegriffen wäre nicht zielführend, denn diese helfen den Verbrauchern, selbstbestimmt und schnell einzukaufen.

Am Wochenende haben Sie neben Bauernverbänden für eine Agrarwende demonstriert. Dabei stehen gerechte Milch- und Fleischpreise für Landwirte im Vordergrund. Die Senkung des Fleischkonsums tritt dabei in den Hintergrund. Kein Problem für den Vebu?

Die Stärke des Bündnisses besteht darin, dass es viele Organisationen und Initiativen zusammenbringt, die sich darin einig sind, dass eine Wende in Landwirtschaft und Ernährung nötig ist. Die Tierhaltung ist Hauptverursacher von Treibhausgasen im landwirtschaftlichen Bereich. Der Vebu arbeitet daran, die Folgen unserer Ernährungsweise auf die politische Agenda zu bringen. Und eine Reduzierung des Fleischkonsums trägt zum Tierwohl und zu einem besseren Umwelt- und Klimaschutz bei.

Damit die Emissionen der Landwirtschaft sinken, müsste sich der Nutztierbestand – und damit der Fleischkonsum – halbieren. Die Politik will aber nicht an die Tierbestände ran. Wie schaffen wir die Ernährungswende?

Es ist offensichtlich, dass wir ein Problem mit dem Klima haben und dass die Landwirtschaft mit der Produktion tierischer Lebensmittel dazu beiträgt. Die Diagnose ist also gestellt. Jetzt müssen wir alle gemeinsam einen Hebel finden, wie wir das ändern können. Dafür brauchen wir staatliche Aktivität – vor allem auch auf kommunikativer Ebene.

Die Politik erklärt den Leuten, dass es wichtig ist, Häuser zu isolieren – da gibt es entsprechende Kampagnen. Sowas muss man auch für Ernährung machen. Die Politik muss das positiv kommunizieren, was für eine Menge anderer Lebensmittel es zu essen gibt und dass man nicht den ganzen Tag Tiere essen muss. Natürlich muss auch die Zivilgesellschaft mitziehen, aber dann muss sie auch in die Lage versetzt werden, das zu tun.

Interview: Sandra Kirchner

[Erklärung]  
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