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Den Biobauern stinkt es

Die Agrarindustrie bringt zu viel Dünger aus, eine hohe Belastung mit Stickstoff ist die Folge. Mitunter überschreiten die Grenzwerte für Nitrat die gesetzlichen Vorgaben. Doch die Politik duckt sich weg, statt die Massentierhaltung einzudämmen – klagt das Agrarbündnis, das am Donnerstag in Berlin den Kritischen Agrarbericht vorgestellt hat.

Aus Berlin Sandra Kirchner

Schädlich für Tier, Mensch und Umwelt, förderlich für Konzerne auf Kosten bäuerlicher Strukturen – kein gutes Haar an der heutigen Landwirtschaft lässt das Agrarbündnis aus 25 Umwelt-, Biobauern- und Tierschutzverbänden. Wenige Stunden vor Beginn der Grünen Woche stellt das Bündnis in Berlin den neuen Kritischen Agrarbericht vor.

BildPrivatisierte, überdüngte Böden, aber die Politik tut viel zu wenig: Vor zwei Jahren schüttete ein Protestbündnis einen Haufen Mist vor dem Bundestag aus. An der Mistgabel: Jochen Fritz. (Foto: Carla Constanza)

Die Ursache für die Missstände ist leicht ausfindig gemacht: Landwirte halten heute mehr Tiere, als ihre landwirtschaftliche Nutzfläche an Futter hergibt und die Böden an Nährstoffen in Form von Gülle aufnehmen können. Stattdessen werden mit Sojaimporten hierzulande massive Überschüsse erwirtschaftet. Dass die Tiere unter der Intensivbewirtschaftung leiden, wird ebenso billigend in Kauf genommen wie die gravierenden Umweltwirkungen.

Trotz der offensichtlichen Nachteile treibt die Bundesregierung den Ausbau der Fleischproduktion in Deutschland weiter voran – während der Fleischkonsum längst zurückgeht. Was bleibt, sind gewaltige Mengen an stinkender Gülle, die die Bauern wie immer auf ihre Felder ausbringen. Und dort lässt sich längst nachweisen: Stickstoff-Überschüsse sind in Regionen mit hohem Viehbestand, etwa in Niedersachsen und in Teilen Nordrhein-Westfalens, besonders hoch. "Die Hälfte der 700 Messstellen unter landwirtschaftlich genutzten Flächen weist deutlich erhöhte Nitratwerte auf, an jeder vierten Messstelle wird der Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter Wasser überschritten", sagt der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger.

Lagen die vorindustriellen Stickstoffeinträge noch zwischen einem und zwei Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr, wuchs ihre Menge mit der einsetzenden Mechanisierung und Industrialisierung in der Landwirtschaft immer weiter an. Zwischen sechs und 62 Kilogramm Stickstoff werden heutzutage pro Hektar und Jahr ausgebracht. Der hohe Stickstoff-Eintrag, kritisiert BUND-Chef Weiger, mache sich längst im Grundwasser, in Oberflächengewässern und im Trinkwasser bemerkbar.

Nur weil Strafen drohen, bewegt sich die Politik 

Doch die Politik bleibt untätig. Wegen jahrelanger Überdüngung hat die EU-Kommission im vergangenen Herbst Klage gegen die Bundesrepublik beim Europäischen Gerichtshof eingereicht. Geltende Regelungen würden einfach nicht eingehalten, moniert die Kommission. Bei einem Urteil droht Deutschland eine sechsstellige Strafzahlung – pro Tag.

Durch die Klage kommt allmählich Bewegung in die Sache. Dem Bundesrat wurde mittlerweile ein Entwurf zur Novellierung der Düngeverordnung vorlegt. Bernd Voß von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) reicht das nicht. "Nach einem Beschluss über Düngegesetz und -verordnung kann man gleich die nächste Reform angehen, weil sonst erhebliche Lücken bleiben", warnt er.

Doch nicht nur Tiere und Umwelt leiden nach Ansicht des Agrarbündnisses unter der Intensivtierhaltung und der verfehlten Landwirtschaftspolitik: Auch bäuerliche Strukturen blieben auf der Strecke. "Für Landwirte wird es immer schwerer, Pachtland zu halten oder neues zu erwerben", sagt Alexander Gerber, Vorstandssprecher beim Bio-Anbauverband Demeter. Die staatlichen Subventionen nützten den Landwirten häufig nichts, da sie direkt an die Eigentümer weitergereichtet würden. Das habe die Bodenpreise in die Höhe getrieben, die inzwischen über ihrem Ertragswert lägen.

BildIrgendwo muss die Scheiße hin. (Foto: Myriam/Pixabay)

Trotz all der Probleme setzt die Politik weiterhin auf freiwillige Vereinbarungen statt auf klare Vorgaben. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) will auf der Grünen Woche ein neues staatliches Label für mehr Tierschutz vorstellen. Eine unverbindliche Initiative reicht dem Protestbündnis, das die "Wir haben es satt!"-Demonstration am Samstag organisiert, nicht. "Wir brauchen eine verbindliche Tierhaltungs- und Herkunfts-Kennzeichnung mit klaren Kriterien und finanziellen Anreizen für tiergerechte Haltungsbedingungen", sagt Jochen Fritz, Mitinitiator der Demo. Das Bündnis erwartet, dass sich Zehntausende am Protest gegen Agrarkonzerne, Massenställe und industrielle Landwirtschaft beteiligen.

[Erklärung]  
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