Schwerpunkte

G20 | E-Mobilität | Wahl

Ernährung: Die Marktmacht erwacht

Immer weniger und immer größere Konzerne teilen die Macht in der Agrar- und Nahrungsmittelindustrie untereinander auf. Das hat negative Folgen für kleine Landwirte, Verbraucher, Umwelt und Klima, wie politische Stiftungen und Umweltorganisationen kritisieren.

Aus Berlin Benjamin Knödler

Im vergangenen Jahr wurde ein neuer Riese geboren. Der Chemiekonzern Bayer will den Saatgutriesen Monsanto übernehmen. Ein Trend, wie der neue Konzernatlas 2017 von einem Bündnis politischer Stiftungen und Umweltorganisationen zeigt. Von einer "beispiellosen Fusionswelle" in der Landwirtschaft ist dort die Rede, die Macht bündele sich zunehmend bei einigen wenigen Großkonzernen. Und das schade mehr oder weniger allen: den Bauern, den Verbrauchern, aber eben auch Umwelt und Klima.

BildUnmengen von Lebensmitteln gibt es in den Supermärkten – die meisten stammen jedoch von ein paar wenigen großen Konzernen. (Foto: Happy Meal/​Flickr)

Für Hubert Weiger, Chef des am Konzernatlas beteiligten Umweltverbandes BUND, steht die Konzernpolitik der Natur im Weg. "Wir wollen eine überfällige gesellschaftliche Debatte über die Frage anstoßen, wohin sich unsere gesamte Landwirtschaft entwickeln soll", sagte Weiger am Dienstag in Berlin. "Am Ende der jetzigen Entwicklung steht das Bild einer fremdbestimmten, manipulierten, von der Natur scheinbar weitestgehend unabhängigen Landnutzung", fasste Weiger das Fazit des Atlas zusammen, dessen Herausgeber neben dem BUND auch die Linken-nahe Rosa-Luxemburg-Stiftung und die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung, die Entwicklungsorganisationen Oxfam und Germanwatch sowie die Zeitung Le Monde diplomatique sind.

Dünger, Pestizide, Abholzung, Gentechnik, Monokulturen: Der Verlust fruchtbarer Böden und der Artenvielfalt und die Überdüngung der Ozeane, übersteigerter Süßwasserverbrauch und der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase gehen zu großen Teilen auf das Konto der industriellen Landwirtschaft. "Es sind völkerrechtlich festgelegte Ziele, von denen wir uns immer weiter entfernen", betonte Weiger.

Großkonzerne entlang der Lieferkette

Natürlich, heißt es im Atlas, hänge die Umsetzung sozialer und ökologischer Werte nicht zwangsläufig mit der Größe eines Konzerns zusammen – allerdings hätten Unternehmen mit großer Marktmacht eben oft auch großen politischen Einfluss. Und im großen Stil arbeiten zu können sei gerade ihr Vorteil.

Auf 50 Firmengruppen entfallen laut Konzernatlas 50 Prozent des weltweiten Umsatzes mit der Herstellung von Lebensmitteln. Es handelt sich um einen Durchschnittswert, der in einigen Fällen noch stark übetroffen wird. Beispiel Tee: Hier machen drei Konzerne – Unilever, der indische Konzern Tata und Associated British Foods– rund 80 Prozent des Welthandels unter sich aus.

Es geht aber nicht nur um die Produktion der Lebensmittel selbst, sondern auch um die Herstellung von Landwirtschaftsmaschinen und Düngemitteln oder den Lebensmittelverkauf. Wal-Mart, die größte Einzelhandelskette der Welt, macht zum Beispiel allein mehr als sechs Prozent des globalen Branchenumsatzes. Aus Deutschland sind Lidl und Aldi unter den zehn Riesen des Geschäfts. Mit Archer Daniels Midland (ADM), Bunge, Cargill und Louis-Dreyfus bestreiten gerade einmal vier Unternehmen 70 Prozent des Welthandels mit Agrarrohstoffen.

Auch den Verbrauchern schadet die Konzernmacht

Der zunehmende Einfluss einiger Großkonzerne hat aus Sicht der Macher des Konzernatlas auch sozial gravierende Folgen. Kleinen Bauern gehe es an die Existenz: Sie müssten sich von den großen Einzelhandelsunternehmen niedrige Preise diktieren lassen oder mit einer umweltfreundlicheren Landwirtschaft im Wettbewerb gegen große Agrarkonzerne den Kürzeren ziehen.

Verbraucher bekämen, so meinen die Herausgeber, keine echte Viefalt bei der Ernährung – obwohl die Supermarktregale das vorgaukelten. Wie abwechslungsreich ist aber ein Regal mit einer Unzahl von Limonaden, die zwar alle ein anderes Etikett haben – letztendlich aber nur aus einer Handvoll Fabriken derselben paar Hersteller kommen?

BildImmer weniger immer größere Konzerne organisieren die Ernährung des Planeten – mit fatalen Folgen für Menschen und Umwelt. (Foto: Roberto Fogliardi/​Wikimendia Commons)

Der Trend zur Gentechnik, warnte Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung, bevorteile schon wieder die großen Konzerne – von Umweltbedenken mal ganz abgesehen. Die Forschung an gentechnisch manipulierten Pflanzen ist teuer, das kann kein kleines Unternehmen bezahlen. Allerdings kritisiert Unmüßig nicht nur die großen Player der Ernährungswirtschaft. Es gebe noch einen Beteiligten, der für Ökologie, Klimaschutz und faire Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft sorgen müsste, sagte Unmüßig. "Für uns ist es höchste Zeit, dass die Politik auf diese Konzernmacht reagiert."

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen