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"Das Geld gegen Hunger reicht nicht"

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Die schleichenden Auswirkungen des Klimawandels auf die Welternährung werden nicht genügend wahrgenommen, sagt Ralf Südhoff, Direktor des Welternährungs­programms WFP in Deutschland. Um Menschen in Not, etwa bei Hitzewellen oder Überflutungen, besser helfen zu können, sei "Krisenhilfe ohne Krise" notwendig.

Ralf Südhoff ist seit 2008 WFP-Direktor für die deutschsprachigen Länder. Die UN-Organisation bekämpft den Hunger weltweit und half 2015 mehr als 80 Millionen Menschen. Zuvor war Südhoff bei der Weltgesundheitsorganisation WHO.

klimaretter.info: Herr Südhoff, auf der Erde gibt es etwa eine Milliarde Menschen mit Übergewicht und fast genauso viele, die unterernährt sind. Grotesk – oder?

Ralf Südhoff: Es ist grotesk, aber auch ein Skandal. Weil es nämlich beleuchtet, dass kein Mensch auf der Erde hungern müsste. Trotzdem gibt es rund 800 Millionen Menschen, die nicht genug zu essen haben. Zwar sind die Zeiten zum Glück vorbei, in denen die Butterberge wuchsen und Obst ins Meer gekippt wurde, um die Preise zu stabilisieren. Trotzdem produzieren wir heute mehr Nahrungsmittel, als wir weltweit bräuchten, um alle satt zu bekommen.

Nur: Ein Drittel der Nahrung erreicht nie den Teller. In den Entwicklungsländern gehen große Mengen verloren, weil Ernte und Logistik mangelhaft sind, und bei uns, weil so viel Essen weggeworfen wird. So gesehen, ist das Ziel der UN, den Hunger bis 2030 weltweit auszumerzen, durchaus machbar ...

... aber kaum realistisch. Warum ist es denn so schwierig, alle satt zu kriegen?

Das Thema Welternährung ist über Jahrzehnte international vernachlässigt worden. Institutionen wie die Weltbank räumen heute ein, dass sie in vielen Ländern falsche Weichenstellungen befördert haben. Ihr Konzept war: Die Grundnahrungsmittel werden schwerpunktmäßig im Norden produziert, die Entwicklungsländer importieren sie und bauen dafür Exportprodukte wie Kaffee, Kakao und Bananen an. Die Folgen dieser globalen Arbeitsteilung auf den Äckern und Plantagen waren fatal für die Ernährungssicherheit.

Wodurch?

Viele Entwicklungsländer wurden abhängig von Importen von Weizen, Mais und Reis, die damals noch billig waren. Das funktionierte eine Zeitlang. Doch dann stieg die globale Nachfrage nach Agrarprodukten, etwa nach Rohstoffen für Bioenergie, Kosmetik und Tierfutter. Die Preise für Grundnahrungsmittel explodierten. Das "moderne" Konzept, das vielfach auch von den Eliten in den armen Ländern befürwortet wurde, ging nicht mehr auf. Die Folge davon: Viele Entwicklungsländer sind heute nicht mehr in der Lage, sich selbst zu ernähren.

Die Zahl der Menschen weltweit, die hungern, ist aber doch in den letzten Jahrzehnten gesunken. Ein Erfolg.

Durchaus. Man darf diese Leistung nicht unterschätzen. Die Weltbevölkerung ist seit 1990 von fünf auf über sieben Milliarden Menschen gestiegen, gleichzeitig sank die Zahl der Hungernden von über eine Milliarde auf 800 Millionen. Der Anteil der Hungernden ist fast halbiert worden. Allerdings sind 800 Millionen immer noch 800 Millionen zu viel.

Drohen denn Rückschläge?

In der Tat. In den letzten Jahren sind die Fortschritte bereits deutlich langsamer geworden. Das Ziel der UN, die Zahl der Hungernden bis 2030 auf Null zubringen, ist mit dem bisherigen Tempo nicht zu schaffen.

Hinzu kommt, dass Konflikte und der Klimawandel die Probleme verschärfen. Laut den Prognosen könnten bereits in wenigen Jahrzehnten 100 bis 200 Millionen Menschen zusätzlich betroffen sein. Die globalen Ernten drohen um 30 Prozent zurückgehen, wenn der Klimawandel nicht gebremst wird. Dadurch könnten die Lebensmittelpreise um bis zu 70 Prozent steigen. Die Folgen wären verheerend. Deswegen ist es so wichtig, dass das Pariser Klimaabkommen erfolgreich umgesetzt wird.

Wie groß ist der Einfluss des Klimawandels bisher?

Die Zahl der Wetter-Extremereignisse – wie Dürren, Starkniederschläge, Überflutungen, Hitzewellen – hat bereits stark zugenommen. Heute müssen wir damit rechen, dass jeden Tag irgendwo auf der Welt eine Wetterkatastrophe stattfindet. Rund 40 Prozent unserer Hilfseinsätze zur Versorgung mit Lebensmitteln sind inzwischen deswegen nötig. Hinzu kommen die Großkonflikte wie Syrien, Irak, Nigeria und Jemen, die unsere Aufmerksamkeit erfordern. Ich sehe jedoch die Gefahr, dass dadurch die schleichende Verschlechterung durch den Klimawandel nicht genügend wahrgenommen wird.

Der finanzielle Bedarf für Hilfen ist in den letzten 20 Jahren angestiegen. Reichen die verfügbaren Gelder denn?

Die Regierungen stellen immer mehr Geld zu Verfügung. Die USA sind der größte Geber, Deutschland der zweitgrößte. Das ist positiv. Nur leider, die Hilfe aller Staaten reicht bei Weitem nicht, um den explodierenden Bedarf zu decken. Noch im Jahr 2000 wurden zwei Milliarden Dollar für humanitäre Hilfe gebraucht, heute sind es 20 Milliarden, und der Trend geht weiter nach oben – vor allem, wenn die genannten Großkonflikte nicht gelöst werden, und danach sieht es nicht aus. Die Finanzierungslücken haben stark zugenommen. Früher reichte das Geld, um bis zu 80 Prozent der nötigen Hilfen abzudecken, heute sind es oft nur noch 50 Prozent.

BildFeldarbeit in Somalia. Afrikanische Länder sind besonders stark vom Klimawandel betroffen. (Foto: G. D. Robinson/Wikimedia Commons)

Es sind immer wieder dieselben Regionen, in denen Sie Hilfe leisten müssen, und oft dieselben Menschen – zum Beispiel aktuell in Haiti. Was muss geschehen, um das zu ändern?

Die Hilfe muss anders organisiert werden. Am wichtigsten ist: Wir müssen Krisenhilfe leisten ohne eine Krise. Dahinter steht, dass wir Katastrophen wie in Haiti heute viel besser voraussehen können als früher. Wenn sich abzeichnet, dass in bestimmten Regionen Ereignisse wie Hurrikane, Überschwemmungen oder Hitzewellen drohen, dann starten wir die Hilfe bereits Wochen vorher. Der große Vorteil ist, dass die Hilfe dann nur ein Fünftel so viel kostet, wie wenn wir erst nach Eintritt des Desasters beginnen, und viel effizienter ist.

Wir müssen dabei das "Risiko" eingehen, dass die Katastrophe dann eventuell doch nicht eintritt – das könnte aber meist fünf- bis sechsmal geschehen, und der Einsatz wäre insgesamt immer noch billiger. Aber auch die Geldgeber und Spender sollten umdenken. Sie müssen bereit sein, Hilfe vorausschauend zu leisten, auch ohne dass Katastrophenbilder über den Bildschirm laufen.

Ohne mehr Hilfe zur Selbsthilfe bleibt es aber ein Teufelskreis.

Die Menschen in den Regionen, die besonders gefährdet sind, müssen in die Lage versetzt werden, aus eigener Kraft etwa gegen Dürren vorzubeugen. Das kann zum Beispiel durch staatlich geförderte Versicherungen geschehen, die eintreten, wenn der Krisenfall da ist. Hier gibt es gute Modelle, etwa die "African Risk Capacity", die in vier westafrikanischen Ländern solche Absicherungen für 75 Millionen Menschen leistet. Sie hat bereits 24 Millionen US-Dollar ausgezahlt, um während einer Dürre im Jahr 2015 Landwirte zu unterstützen.

Diese Ansätze müssen noch deutlich ausgeweitet werden, und sie sollten mit Verbesserungen der Infrastruktur gekoppelt werden. Ein Beispiel aus Äthiopien: Dort hat man Kleinbauen angeleitet, Bewässerungsprojekte durchzuführen, die das dort grassierende Dürreproblem mildern – und dafür erhalten sie dann einen Versicherungsschutz. Quasi "Versicherung für Arbeit".

Interview: Joachim Wille

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