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"Voraussagen bis 2050 sind schwierig"

BildMit Verboten und ökologischem Landbau kann die Landwirtschaft nicht "dekarbonisiert" werden, sagt Christian Schmidt (CSU), Bundes­landwirtschafts­minister und scharfer Kritiker von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Dafür brauche es mehr Effizienz und technischen Fortschritt. Ob Deutschland seine Klimaziele 2050 wirklich erreicht, sei noch nicht abzusehen.

klimaretter.info: Herr Schmidt, der nun auch von Ihnen bewilligte "Klimaschutzplan 2050" der Bundesregierung sieht vor, den Treibhausgasausstoß um bis zu 95 Prozent runterzuschrauben. Die Landwirtschaft muss mit acht Prozent zu dieser Dekarbonisierung beitragen. Ist das mit den von Ihnen eingebrachten Vorschlägen zu schaffen?

Christian Schmidt: Ob wir das bis zum Jahr 2050 – also in den nächsten 30 Jahren – erreichen, ist mit Unwägbarkeiten behaftet. Wir wissen nicht, wie sich die Technik weiterentwickelt, und deshalb müssen Ziele immer wieder neu angepasst werden.

Bei der Vermeidung von Methan ist die Forschung schon sehr weit. Der Ausstoß bei Wiederkäuern kann durch eine andere Zusammensetzung des Futters um bis zu 30 Prozent gesenkt werden. Wenn wir die Effizienzgewinne durch verbesserte Technik sehen, dann bin ich zuversichtlich, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Im neuen Entwurf steht, dass Sie die Emissionen bis 2030 von heutigen 72 auf 58 bis 61 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent senken wollen. Das ist aber nur eine effektive Senkung um rund 15 Prozent. Dann muss der große Brocken erst nach 2030 angepackt werden?

Mit neuen technologischen Entwicklungen, beispielsweise einer präziseren Nutzung von Düngern, können wir schon vorher zu einer Verbesserung kommen. Da wir nicht wissen, was technisch möglich ist, ist eine Voraussage bis 2050 so schwierig. Der Pfad zur Dekarbonisierung muss in den nächsten Jahren noch im Detail weiterentwickelt werden.

Warum wurden zentrale Punkte wie die Reduzierung des Fleischkonsums wieder aus dem Plan rausgestrichen? Die Tierhaltung trägt entscheidend zum Treibhauseffekt bei.

Auf der Welt werden 2050 an die zehn Milliarden Menschen leben und in den UN-Nachhaltigkeitszielen haben wir uns auf Ernährungssicherheit und Hungerbekämpfung geeinigt. Deshalb sind solche Vorstellungen zu kurz gegriffen. Landwirtschaft ist kein Schadensfall der Ökologie, sondern die Grundlage für die Ernährung. Wir müssen bis 2050 die wirtschaftlichen und ökologischen Aspekte mit den Ansprüchen des Klimaschutzes verbinden.

Was haben Sie sich denn konkret vorgenommen?

Wir müssen mit den Ammoniak-Emissionen runter. Aber ich bin froh, dass die neue Version des Klimaschutzplans klarmacht, dass Land- und Forstwirtschaft nicht das Problem, sondern vielmehr Teil der Lösung sind. Es gibt Potenziale bei der Bindung von Emissionen, beispielsweise in der Forstwirtschaft. Dort wird CO2 aus der Atmosphäre herausgeholt. Um möglichst viel CO2 zu binden, muss Wald auch professionell bewirtschaftet werden. Wichtig sind auch der Erhalt von Humusschichten und die Fruchtbarkeit der Böden.

BildNicht mehr als einmal in der Woche Fleisch empfehlen Ernährungsberater und Klimaschützer: Das sei besser für die Gesundheit und den CO2-Fußabdruck. (Foto: L. W. Yang/Flickr; Porträtfoto Christian Schmidt: Stagiaire/MGIMO/Wikimedia Commons)

Neben der Emissionsreduktion in der Produktion geht es auch um CO2-Senken wie Moorböden. Durch die wirtschaftliche Nutzung entstehen jedes Jahr Millionen Tonnen Emissionen. Wäre es da nicht sinnvoll, klimaschädliche Praktiken wie das Torfstechen zu verbieten? Da ist der Klimaschutzplan wenig ehrgeizig.

Sicher müssen wir nach Alternativen beim Torfabbau, etwa für die Gartennutzung, reden. Der Umgang mit Moorböden muss auf jeden Fall verändert werden. In Zeiten des Alten Fritz wurden noch ganze Regionen wie das Oderbruch trockengelegt. Die Art der Flächengewinnung kann man heute nicht mehr zulassen. Trotzdem kann die Nutzung von Mooren nicht von heute auf morgen verboten werden. Das muss auch mit den Betroffenen zusammen entwickelt werden.

Wäre die Stärkung der ökologischen Landwirtschaft nicht ein guter Weg zu mehr Klimaschutz? Derzeit macht Bio-Landbau in Deutschland nur sechs Prozent der landwirtschaftlichen Fläche aus.

Ökologische Landwirtschaft ist nicht per se besser für den Klimaschutz, auch weil dafür mehr Fläche benötigt wird. Aber natürlich gibt es auch dort Klimaschutz-Potenziale. Ich habe eine Sympathie für den Ökolandbau, weil er mit der Umwelt schonend umgeht. Deshalb wollen wir den Prozentsatz auf 20 Prozent der Fläche steigern. Der Biomarkt ist ein Wachstumsmarkt, aber leider brauchen wir in Deutschland immer noch Importe, um die Nachfrage zu bedienen – das will ich ändern.

Nach der Zustimmung zum Klimaschutzplan sind Sie gleich zur Klimakonferenz nach Marrakesch weitergereist: Wie will Deutschland beispielsweise ärmere Länder bei der Landwirtschaft unterstützen?

Wir investieren zum Beispiel in die Analyse von Landnutzungsänderungen. Anhand von Satellitendaten können Behörden in Entwicklungsländern damit abschätzen, wie wertvoller Boden genutzt wird. Ein besonders eklatantes Beispiel ist Palmöl. Auf den Plantagen in Indonesien kann man eindrücklich sehen, wie wertvoller Wald zugunsten von Landwirtschaft abgeholzt wurde. Mit genauen Daten kann eine Kontrolle besser gelingen.

Interview: Susanne Götze und Christian Mihatsch

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