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Anpassung im Keim erstickt

Umwelt- und Bauernverbände haben in München demonstriert, um die Patentierung von Obst, Gemüse und Getreide zu stoppen. Besonders Regionen, die stark vom Klimawandel betroffen sind, leiden darunter – denn die Praxis erschwert die Anpassung an die klimatischen Veränderungen.

Von Susanne Schwarz

Am 12. Juni 2013 bekam geköpfter Brokkoli einen neuen Namen. In den Registern des Europäischen Patentamts heißt das Gemüse seither EP 1597965. Das bedeutet einfach gesagt: Die Rechte an geköpftem Brokkoli gehören Seminis, einer Tochter des großen Biotechnologiekonzerns Monsanto. 

BildNormales Gemüse patentieren lassen? Geht, hat das Europäische Patentamt befunden. (Foto: Richard Hay/​Pixabay)

Wer jetzt Saatgut, das gezogene Gemüse oder daraus hergestellte Lebensmittel nutzen will, zahlt an Seminis. Am Mittwoch hat das Bündnis "No Patents on Seeds", zu Deutsch "Keine Patente auf Saatgut", vor dem Sitz des Amts in München demonstriert. Der Initiative gehören mehrere europäische Umwelt- und Bauernverbände an, darunter Greenpeace.

Die Protestler sind empört über Beschlüsse wie die Patentierung von geköpftem Brokkoli oder der sogenannten Schrumpeltomate. Es handelt sich nämlich um Pflanzen aus konventioneller Züchtung, sie sind also über lange Zeiträume durch Kreuzung und Selektion entstanden. Nach europäischem Patentrecht darf man sich eigentlich nur die Rechte an genmanipulierten Erzeugnissen sichern, die sozusagen technischen Erfindungen gleichen. Für konventionelle Nahrungsmittel gehe das nicht, protestiert "No Patents on Seeds".

Das Europäische Patentamt und die Europäische Patentorganisation, der es untersteht, sehen das anders. Im vergangenen Jahr hat die Große Beschwerdekammer des Patentamts beschlossen, dass sie keinen Widerspruch mit dem europäischen Recht sieht. Nur die Züchtungsmethoden könne man nicht patentieren lassen, die entstandenen Pflanzen sehr wohl.

Konzerne schränken Artenvielfalt ein

Zwar ist es auch für deutsche Bauern nicht schön, wenn sie auf zuvor frei zugängliches Saatgut plötzlich Lizenzgebühren zahlen müssen, das größte Problem liegt aber im globalen Süden. "Das hat enorme Auswirkungen darauf, wie sich unser Kontinent ernähren kann", sagt die kenianische Umweltaktivistin Ruth Nyambura. Die Praxis erschwere nämlich die Anpassung an den Klimawandel massiv, warnt sie. Unter dem leiden die Länder des Südens jetzt schon besonders stark.

Das Problem: Pflanzensorten, die für die global agierenden Konzerne keine Gewinne versprechen, verschwinden vom Markt, das Wissen darüber früher oder später aus den Köpfen. "Die unterschiedlichen traditionellen Samen in Kombination mit dem Wissen um vielseitige Anbaumethoden, das die afrikanischen Bauern haben, sorgen für Biodiversität", erklärt Nyambura, die jahrelang für das African Biodiversity Network tätig war und nun für das selbst gegründete African Ecofeminist Collective arbeitet. Artenvielfalt, erklärt sie, mache ein Ökosystem anpassungsfähiger, Ernten würden so eher stabil. "Für die Anpassung an den Klimawandel brauchen wir das", sagt sie. Erst in dieser Woche ist eine internationale Studie vorgestellt worden, die das wissenschaftlich untermauert.

Außerdem könnten solche Patente, führt Nyambura aus, den afrikanischen Kleinbauern ihre Existenz nehmen – und Kleinbauern bestreiten rund 85 Prozent der afrikanischen Landwirtschaft. "Bisher konnten sie das traditionelle Saatgut sammeln und damit untereinader tauschen oder handeln", erklärt die Umweltschützerin. "Liegen plötzlich Lizenzen auf manchen Pflanzen, könnte das kriminell werden." Oder eben teuer, wenn die Lizenzgebühren bezahlt werden müssen. "Das nützt nur den großen Biotech-Konzernen und vielleicht ein paar wohlhabenden Großbauern", kritisiert sie. "Es geht nur um neue Märkte für Dünger, Herbizide und Saatgut."

Äthiopien: "Die Bauern bekommen nichts"

Endeshaw Kassa, Forst- und Landwirtschaftsexperte der evangelischen Mekane-Yesus-Kirche in Äthiopien, kennt so einen Fall. "Zwerghirse zum Beispiel haben wir in Äthiopien über Jahrhunderte gezüchtet und angebaut, das Getreide ist hier Hauptnahrungsmittel", berichtet er. Seit 2007 aber hat nun die niederländische Firma Health & Performance Food International das Patent beim Europäischen Patentamt. Für den europäischen Markt ist Zwerghirse interessant, weil sie glutenfrei ist. "Das reiche Unternehmen aus dem Westen verdient nun viel Geld damit", sagt Kassa. "Aber die äthiopischen Bauern bekommen gar nichts und haben keine Rechte an dem von ihnen gezüchteten Saatgut."

Auch Kassa sorgt sich um die Biodiversität, wenn die großen Konzerne bestimmen, was sich anzubauen lohnt und was nicht. Äthiopien leidet wegen einer Kombination aus dem kürzlich zu Ende gegangenen El Niño und dem Klimawandel unter starken Dürren und Ernteausfällen, im Frühjahr war von der größten Hungersnot seit 30 Jahren die Rede.

Bei den besonders widerstandsfähigen Sorten, für die die Biotechnologiekonzerne werben, funktioniere der Anbau nur mit teuren chemischen Düngern, berichtet Kassa. "Und spätestens nach drei Jahren ist es dann aus mit der guten Ernte und man muss neue Samen kaufen." Damit nicht genug: "Das Saatgut, das die westlichen Konzerne verkaufen, ist nicht kompatibel mit dem Klimawandel."

BildIn Äthiopien herrschen schwere Dürre und Hunger. (Foto: Ian Steele/UN Photo)

In München haben die Demonstranten von "No Patents on Seeds" eine Liste mit 800.000 Protest-Unterschriften aus ganz Europa übergeben. Dort tagte der Verwaltungsrat der Europäischen Patentorganisation, der die Anerkennungspraxis des Patentamts überprüft. Das 38-köpfige Gremium könnte also die Patentierung von konventionell gezüchteten Nahrungsmitteln stoppen.

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