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Hungerkrise droht Afrika zu erschüttern

Das Wetterphänomen El Niño hat seinen Höhepunkt überschritten, doch die dramatischen Auswirkungen werden sich erst im Laufe des Jahres zeigen. Entwicklungsorganisationen warnen vor einer Hungerkatastrophe in Afrika – bedingt sowohl durch extreme Dürre als auch durch starke Regenfälle.

Aus Berlin Sandra Kirchner

Starke Dürren einerseits, heftige Regenfälle andererseits – das Wetterphänomen El Niño bedroht die Ernährungssicherheit in etlichen afrikanischen Staaten. Auf einen Schlag werden die Erfolge der Entwicklungsarbeit zunichte gemacht.

BildDie Lage in Äthiopien ist mittlerweile so dramatisch, dass Hilfsorganisationen die Grundsätze der Entwickungsarbeit ignorieren und Nahrungsmittel und Saatgut frei austeilen. (Foto: Ian Steele/UN Photo)

In Simbabwe zum Beispiel haben die Menschen nicht einmal mehr ihre Saat ausgebracht, berichtet Martin Groß-Bickl von Brot für die Welt auf einem Treffen von Entwicklungshilfeorganisationen in Berlin. Und die, die es getan haben, hätten kaum Chance auf Erträge, zitiert Groß-Bickl eine Mitarbeiterin aus Simbabwe. Die Einbußen bei den Ernten beliefen sich vielerorts auf mehr als 50 Prozent. So bleibe der Regierung Simbabwes wenig Spielraum. Das Land würde zwar gerne Mais importieren, aber auch die Nachbarländer hätten keine Vorräte.

Weiter nördlich ist die Lage nicht minder dramatisch: Laut Groß-Bickl befindet sich Südsudan derzeit im freien Fall. Mehr als vier Millionen Menschen sind dort von Hunger betroffen. Aber die Welt interessiere das nicht, weil die Menschen aus Südsudan nicht an den Küsten Europas angeschwemmt würden, zieht Groß-Bickl einen drastischen Vergleich. Wie viele Hungernde es in Eritrea sind, ist dagegen ungewiss. Von dort gebe es keine Daten. Lange Regenfälle haben dagegen in Kenia und Uganda schwere Überschwemmungen ausgelöst. Die enorme Dürre und die starken Regenfälle in diesen Monaten gehen auf ein gemeinsames Phänomen zurück: El Niño.

El Niño: Auswirkungen über tausende Kilometer

Üblicherweise treiben Passatwinde große Massen von warmen Oberflächenwasser über den Pazifik von Südamerika nach Südostasien. Herrschen El-Niño-Bedingungen, dreht sich die Strömungsrichtung um. Die riesigen Mengen des warmen Wassers können dann in großen Teilen der Erde Wetterextreme hervorrufen. Die Strömungsänderung tritt alle drei bis sieben Jahre auf. El Niño ist kein Phänomen der globalen Erwärmung, aber er verstärkt den Klimawandel und seine Folgen deutlich, zumindest vorübergehend.

"Das ganze Ausmaß wird erst im Mai oder im Juni ersichtlich werden", sagt Regina Feindt, Landesdirektorin der Welthungerhilfe in Simbabwe. Ein Großteil des Landes ist deutlich zu trocken. Bereits 2015 waren die Ernten um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Schon zu der Zeit hatte die US-Wetterbehörde NOAA vor einem Mega-El-Niño gewarnt. Etliche Organisationen haben aufgrund der dramatischen Zuspitzung die üblichen Grundsätze der Entwicklungshilfe bereits fallengelassen: Nahrungsmittel und Saatgut werden frei zur Verfügung gestellt.

Krisensituationen sind die Menschen in den betroffenen Regionen zwar gewohnt. Für gewöhnlich lassen sie dann Mahlzeiten ausfallen, verkaufen Eigentum oder nehmen gar ihre Kinder aus der Schule, damit die wegen der Trockenheit nötige zusätzliche Arbeit erledigt wird. Aber das gegenwärtige Ausmaß übersteigt ihre Möglichkeiten, die traditionellen Handlungsmuster reichen nicht aus, um die extreme Krise zu bewältigen.

Die Saatgut-Reserven sind erschöpft

Zwar gab die Weltorganisation für Meteorologie im Februar bekannt, dass das Wetterphänomen seinen Höhepunkt bereits überschritten habe. "Dennoch werden wir die Auswirkungen noch das ganze Jahr über zu sehen bekommen", betont Iris Menn von der Christoffel-Blindenmission. Der "Peak" von El Niño sei vorbei, aber es werde noch einiges auf die Menschen zurollen.

Besonders stark sind die Auswirkungen des El Niño auch in Äthiopien zu spüren. Das ostafrikanische Land erlebt die schwerste Dürre in den letzten 30 Jahren. 2015 blieb der Frühlingsregen aus, die Folge waren Ernterückgänge von 50 bis 90 Prozent. Mittlerweile sind die Saatgutreserven ausgeschöpft. Zu wenig verfügbares Getreide verringert auch den Tierbestand. Die Milchproduktion sinkt. Schon im April könnten mehr als zehn Millionen Menschen in Äthiopien von einer akuten Hungerkrise bedroht sein, warnt die internationale Hilfsorganisation Care.

BildErnteeinbußen von mehr als 50 Prozent müssen die Bauern in Äthiopien oder Simbabwe hinnehmen – manche verzichten bei derart schlechten Aussichten gleich ganz auf die Aussaat. (Foto: Nick Reimer)

Viel zu spät hat die äthiopische Regierung – nach Ansicht der Entwicklungshilfe-Organisationen – um Hilfe gebeten. Eigentlich will Staatschef Mulatu Teschome beweisen, dass Äthiopien die Probleme im Griff hat. Tatsächlich ist das Land am Horn von Afrika nach Ansicht der Entwicklungshilfeorganisationen besser als andere afrikanische Länder darauf vorbereitet, Nahrungsmittelengpässe zu überbrücken. Doch die gegenwärtige Dürre übersteigt auch hier die Möglichkeiten.

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