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"Privatinteressen verhindern Bodenschutz"

BildBodenschutz kann den Klimawandel abmildern. Doch eine profitorientierte Landwirtschaft laugt vielerorts die Böden aus und verschlimmert die Bodendegradation. Der Agronom Hans Herren erwartet aber von der Politik keine Lösungen, da diese zu sehr mit Privatinteressen verflochten sei.

klimaretter.info: Herr Herren, warum sind fruchtbare Böden für das Klima wichtig?

Hans Herren: Fruchtbare Böden mindern den Klimawandel, weil sie viel Kohlenstoff aufnehmen und ihn auch für lange Zeit speichern. Das setzt aber voraus, dass die Böden nicht gepflügt werden und nach Biolandbau-Methoden bebaut werden. Das heißt auch längere und diverse Fruchtfolgen, die es ermöglichen, organische Substanz aufzubauen und in den Boden einzufügen.

Böden speichern Kohlenstoff, aber erst 2015 rufen die Vereinten Nationen das "Internationale Jahr des Bodens" aus. Wurden Böden zu lange vernachlässigt?

Ja, das ist ein bisschen spät. Aber es ist nie zu spät, um etwas Gutes zu tun. Vor allem nach dem internationalen Jahr der Kleinbauern und Familienbauern passt das ganz schön zusammen.

Am Freitag, dem Weltbodentag, haben Sie in Berlin vor Experten und Entscheidungsträgern im Bundesumweltministerium gesprochen. Was kann eine solche Konferenz überhaupt für den Bodenschutz leisten?

Es ist immer wichtig, die Leute zusammenzubringen und über Wissenschaft und Politik zu diskutieren. Wir wissen, wie Bodenschutz aussehen sollte. Wir kennen die Probleme und auch die Lösungen. Doch wir müssen uns fragen, was der Umsetzung im Wege steht. Beim Bodenschutz sind das vor allem die Privatinteressen und die Konsumenten, die nicht bereit sind, einen angemessenen Preis zu zahlen.

Was ist das Problem mit dem Privatsektor?

Die Privatinteressen gehen nicht in dieselbe Richtung wie die gesellschaftlichen Interessen. Bei den Böden geht es darum, immer mehr auf weniger Böden zu produzieren. Das heißt, man muss mehr Düngemittel und Chemie einsetzen und man braucht auch mehr Wasser. Und das geht alles in die falsche Richtung.

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Die Böden müssen geschützt werden – von ihnen hängt nicht nur unsere gesamte Ernährung ab, sondern auch das Gelingen von Klimaschutz. (Foto: Eva Mahnke)

Einerseits will man billiger produzieren, weil die Konsumenten billige Nahrung haben und wenig bezahlen wollen. Auf der anderen Seite hat man die externen Kosten, die dann auf die Gesellschaft verteilt werden müssen. Aber die Industrie wird größer und größer und streicht immer höhere Profite ein. Der große Elefant im Zimmer ist immer der Privatsektor, der so viel Gewinn wie möglich herausholen will.

Dann muss sich die Politik stärker für Bodenschutz einsetzen, um die Gewinnorientierung auf Kosten der Böden zu begrenzen?

Wir müssen einen ganzheitlichen Ansatz für den Boden finden, weil so vieles mit dem Boden zusammenhängt. Aber die Politik ist zu sehr vom Privatsektor beeinflusst, da muss man eine Entkopplung vornehmen. Das ist unbedingt notwendig. Es braucht Leute, die nicht nur bis zur nächsten Wahl sehen. In vier oder fünf Jahren erreicht man nichts, man muss viel weiter nach vorne schauen. Vielleicht kann man das über die Konsumenten erreichen. Denn sie entscheiden, wofür sie ihr Geld ausgeben.

Sie vertrauen auf die Macht der Konsumenten, die sich im Supermarkt für billiges Fleisch statt für Biofleisch vom Bauern aus der Region entscheiden?

Die Leute kennen nicht die Konsequenzen von billiger Nahrung. Sie wissen nicht, dass die Böden zerstört werden, wenn man immer mehr rausholt als man reinbringt. Sie wissen nicht, was das mit der eigenen Gesundheit und der Umwelt zu tun hat. Deshalb muss man mehr über die Auswirkungen informieren. Man muss in die Schulen gehen. Aber auch die Eltern müssen informiert werden. Sie müssen verstehen, was das Problem mit dem billigen und schlechten Essen ist.

Dann reicht es, die Verbraucher aufzuklären, um die Böden langfristig zu erhalten?

Nicht ausschließlich. Aber der einzige Punkt, wo man mit den Konsumenten in Kontakt kommt, ist der Preis. Wenn man die wahren Preise für Fleisch aus Brasilien oder Argentinien zahlt, mitsamt der Kosten durch soziale, ökologische und wirtschaftliche Schäden, dann würde das Fleisch viel teurer werden. Wenn man die Produkte mit allen Kosten darstellt, dann hört das alles automatisch auf. Ich bin sicher, wenn es nicht über das Portemonnaie gemacht wird, dann funktioniert die Transformation der Landwirtschaft nicht.

Lassen sich Bodenschutz und Landwirtschaft überhaupt vereinbaren?

Ja! Bodenschutz funktioniert mit einer angepassten Landwirtschaft. Mit Prinzipien der Agrarökologie oder des Biolandbaus kommt man zu einem guten Boden. Bei jedem Zyklus baut man mit Fruchtfolgen die Bodenfruchtbarkeit auf. Außerdem müssen wir auch anders – diverser – essen. Man kann nicht nur Mais, Kartoffeln oder ein bisschen Weizen produzieren.

Wir müssen endlich aufwachen. Man muss die Tiere aus den Fabriken holen und wieder auf den Bauernhof bringen. Über eine angepasste, nachhaltige Landwirtschaft hat man die Böden automatisch restauriert und beendet die ganze Bodendegradation. Das geht nicht über Nacht. Aber in Afrika haben wir gezeigt, dass man schon in drei bis fünf Jahren mit nachhaltiger Landwirtschaft die Qualität der Boden verbessern kann.

 
Der Agronom Hans R. Herren promovierte über biologische Schädlingsbekämpfung. In Afrika gelang es dem Schweizer, die grassierende Maniok-Schmierlaus mit Wespen und Marienkäfern erfolgreich zu bekämpfen – Herren erhielt 1995 dafür den Welternährungspreis. Mit dem Preisgeld gründete er die Stiftung Biovision zur Verbreitung und Entwicklung ökologischer Anbaumethoden in Afrika. Als Kovorsitzender und Mitautor des Weltagrarberichts forderte er eine Abkehr vom industriellen Weg. Im vergangenen Jahr erhielten Herren und seine Stiftung den alternativen Nobelpreis.

Interview: Sandra Kirchner

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