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Klimasmarter Anbau sorgt für Streit

BildEine Allianz für "klimasmarte" Landwirtschaft hat sich beim Ban-Ki-Moon-Gipfel in New York gegründet. Während sich Wissenschaftler einig sind, dass eine halbe Milliarde Bauern neue Anbautechniken lernen müssen, warnen Umwelt-, Biolandbau- und Hilfsorganisationen vor einem Trojanischen Pferd für Agrarchemie und Gentechnik.

Aus New York Thalif Deen (IPS)

Sie will eine halbe Milliarde Bauern vor den Folgen des Klimawandels schützen: Die neu gebildete Globale Allianz für Klimasmarte Landwirtschaft stellte vergangene Woche am Rande des UN-Klimagipfels in New York ihre Pläne für "einen nachhaltigen und fairen Anstieg von Agrarproduktion und Einkommen" vor. Die Ankündigung der Allianz, der mehr als 20 Regierungen, 30 Organisationen und Unternehmen wie McDonald’s und Kellogg angehören, rief allerdings auch Kritik hervor.

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Mindestens 500 Millionen Bauern benötigen Unterstützung, um mit dem Klimawandel fertigzuwerden: Kleinbauer in Simbabwe. (Foto: Nick Reimer)

Einig sind sich weltweit führende Agrarexperten darin, dass sich die Destabilisierung einiger Weltregionen durch den Klimawandel nur begrenzen lässt, wenn mindestens eine halbe Milliarde Bauern, Fischer, Hirten, Viehzüchter und Waldbewohner Hilfe erhält. Darauf weist die Konsultativgruppe für internationale Agrarforschung (CGIAR) mit Sitz in Washington hin. Diesen Bevölkerungsgruppen müssten das nötige landwirtschaftliche Wissen vermittelt und die entsprechenden Technologien an die Hand gegeben werden, damit sich ihre Produktionsbedingungen verbessern und gleichzeitig ihr Beitrag zum Klimawandel sinkt.

Klimasmarte Dörfer als Versuchsanstalten

CGIAR zufolge arbeiten Wissenschaftler bereits mit Farmern in Subsahara-Afrika und Südasien zusammen, um in Freiland-Laboren, sogenannten klimasmarten Dörfern, neue klimagerechte Techniken zu entwickeln. Dieser Ansatz habe sich für alle Beteiligten als extrem erfolgreich herausgestellt, sodass der 112 Millionen Einwohner zählende indische Bundesstaat Maharashtra nun gleich tausend solcher Dörfer gründen wolle.

Wie Bruce Campbell vom CGIAR-Forschungsprogramm für Klimawandel, Landwirtschaft und Ernährungssicherheit (CCAFS) in Dänemark erläutert, sind die Tropen besonders anfällig für Klimaanomalien. Besonders den unterentwickelten Ländern fehlten die Ressourcen, um sich an Klimaveränderungen und Wetterextreme anzupassen. Betroffen seien die Staaten der afrikanischen Sahelzone, Bangladesch, Indien und Indonesien sowie lateinamerikanische Länder, so Campbell. Es gebe einzelne hoffnungsvolle Erfolge wie die Wiederaufforstung von fünf Millionen Bäumen in Niger, doch im Großen und Ganzen sei die Lage schwierig.

Konzerninteressen statt Klimaschutz

Aus noch ganz anderen Gründen besorgt ist ein internationales Bündnis aus mehr als hundert Nichtregierungsorganisationen. "Die Globale Allianz für klimasmarte Landwirtschaft wird nicht die Lösungen bringen, die wir so dringend brauchen", warnen die NGOs in einer gemeinsamen Erklärung. "Stattdessen bietet die klimasmarte Landwirtschaft den Konzernen eine gefährliche Plattform, um all das durchzusetzen, was wir ablehnen."

Am Werk seien hier die größten Klimazerstörer aus dem Agrobusiness, unterstreicht das Bündnis. Die geplanten Aktivitäten würden dabei genau die Ziele unterwandern, die die Allianz vorgeblich anstrebe. Dem Bündnis gehören 107 nichtstaatliche Organisationen an, darunter Schwergewichte wie Actionaid, Friends of the Earth, die weltweite Ökolandbau-Vereinigung IFOAM und das Third World Network.

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Auch Hilfsorganisationen fordern Anpassungshilfen für Bauern im Klimawandel, meinen aber etwas anderes als die Agrarindustrie: Frauen in Bangladesch besuchen eine Landwirtschaftsschule von Care. (Foto: APB-CMX/Wikimedia Commons)

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erteilte der Globalen Allianz dennoch seinen Segen: "Ich bin froh über Aktivitäten, die die landwirtschaftliche Produktivität steigern, den Bauern zu Resilienz verhelfen und die CO2-Emissionen verringern", sagte er auf dem von ihm initiierten Klimagipfel. Durch solche Bemühungen lasse sich die Ernährungssicherheit von Milliarden Menschen verbessern. Angesichts eines Nahrungsmittelbedarfs, der den Prognosen zufolge bis 2050 um 60 Prozent ansteigen werde, müssten sich auch die landwirtschaftlichen Praktiken verändern, erklärte Ban.

Wie das kritische Bündnis betont, haben sich einige Gruppen konstruktiv und in gutem Glauben über mehrere Monate für die Globale Allianz engagiert, um ihre Bedenken vorzubringen, die jedoch allesamt übergangen worden seien. Stattdessen sei die Allianz so strukturiert worden, dass sie den eigennützigen Interessen der beteiligten Konzerne diene und nicht dem Kampf gegen den Klimawandel.

"Weder innovativ noch das, was wir brauchen"

Inzwischen präsentierten sich selbst solche Unternehmen als "klimasmart", die mit ihrer Firmenpolitik Bauern und lokalen Gemeinschaften große soziale Probleme bereitet hätten, empört sich das Bündnis. Diese Firmen hätten beispielsweise Land Grabbing oder die Verbreitung von genmanipuliertem Saatgut zu verantworten. Tatsächlich sind in der Globalen Allianz der weltgrößte Düngemittelhersteller Yara, der Schweizer Gensaatgutproduzent Syngenta sowie McDonald’s und Walmart anzutreffen. Das kommentieren die NGOs so: "Die klimasmarte Landwirtschaft dient dazu, den schlimmsten Sozial- und Umweltsündern aus der Landwirtschaft mehr Raum für ihre PR-Aktivitäten zu verschaffen."

Die Globale Allianz sei offenbar "eine weitere Strategie einflussreicher Protagonisten für eine industrielle Landwirtschaft, die das grundlegende Menschenrecht auf Nahrung torpediert", resümieren die 107 Organisationen. "Sie ist weder neu und innovativ noch das, was wir brauchen." Unterstützung erhält das Bündnis auch von der Heinrich-Böll-Stiftung. Doreen Stabinsky, Professorin am College of the Atlantic in den USA, warnt in einem Papier der Grünen-nahen Stiftung, die Globale Allianz sei ein "Trojanisches Pferd" zur Verbreitung von gentechnisch veränderten Sorten und chemischen Düngemitteln.

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Die Konzerne, die den Agrochemie- und Biotech-Markt beherrschen, wollen mit der "klimasmarten" Allianz ihre CO2-intensiven industriellen Anbaumethoden retten. Das sagen jedenfalls ihre Kritiker. (Foto: Patrick Burnett/IPS)

Dabei wird der globale Agrochemie- und Biotechnologiemarkt von nur einer Handvoll Unternehmen dominiert, wie Meenakshi Raman vom Klimaprogramm des Third World Network in Malaysia erläutert. Diesen Konzernen sei an der Beibehaltung des monokulturellen Anbausystems gelegen, das energie- und ressourcenintensiv sei und für hohe CO2-Emissionen sorge. "Sie tun alles, was in ihrer Macht steht, um ihre Marktposition auszubauen und zu verhindern, dass sich ein nachhaltiger Anbau in den Ländern durchsetzt", warnt Raman. Solche Oligopole müssten international verboten werden. "Es besteht die Notwendigkeit, das heutige unfaire System von Grund auf zu reformieren."

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Alle Beiträge zum Ban-Ki-Moon-Gipfel finden Sie in unserem New-York-Dossier

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