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Die Wiege der Hochkulturen trocknet aus

Der Nahe Osten erlebt die schwerste Dürre seit Jahrzehnten. Der "Fruchtbare Halbmond", der vor mehreren tausend Jahren die ersten Hochkulturen hervorbrachte, droht auszutrocknen. Als ob Krieg und Terror nicht genug wären, leiden Irak und Syrien gerade unter der zweiten Dürreperiode innerhalb von fünf Jahren.

Aus Bangkok Christian Mihatsch

Seit dreieinhalb Jahren tobt der Bürgerkrieg in Syrien. Seither wurde eine Viertelmillion Menschen getötet und neuneinhalb Millionen, knapp die Hälfte aller Syrer, wurden zu Flüchtlingen im eigenen Land oder in den Nachbarstaaten. Einer dieser Nachbarn steht nun seinerseits vor dem Kollaps. Der "Islamische Staat" IS hat weite Teile Iraks unter seine Kontrolle gebracht und droht mit der Ausrottung aller Minderheiten. Doch selbst ohne diese Kriege stünde der Nahe Osten vor einem katastrophalen Jahr.

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Im 12. Jahrhundert herrschten gute Bedingungen für die Landwirtschaft im "Fruchtbaren Halbmond", wie diese Illustration in einer Handschrift aus dem heutigen Nordirak zeigt. (Foto: Bibliothèque Nationale, Paris)

Mindestens seit 1970 hat es nicht mehr so wenig geregnet wie 2014, das zeigt der Standardisierte Niederschlagsindex SPI. Betroffen sind davon Syrien, Irak, Libanon, Jordanien und die palästinensischen Gebiete. Nur Israel hat dank der Entsalzung von Meerwasser und modernen Bewässerungsanlagen keinen Wassermangel.

Dabei liegt die letzte Dürre im Nahen Osten nur vier Jahre zurück. In den Jahren 2006 bis 2010 herrschte ebenfalls Trockenheit, was über steigende Lebensmittelpreise und Landflucht zum "Arabischen Frühling" beigetragen hat. "Ich glaube nicht, dass man in den letzten hundert Jahren eine Fünf-Jahres-Periode finden kann, die so trocken war", sagt Mohammad Raafi Hossain von der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO.

Sumerer, Babylonier, Assyrer, Perser und Römer

Die Dürre trifft eine Region, die als "Fruchtbarer Halbmond" bekannt ist (siehe Karte). Dieser Niederschlagsgürtel ermöglichte vor 10.000 Jahren die neolithische Revolution, den Übergang von den Nomaden zu sesshaften Bauern, die Ackerbau und Viehzucht betreiben. In der Folge entwickelten sich im Zweistromland zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris die ersten Hochkulturen. Vor rund 6.000 Jahren bauten dort die Sumerer die Stadt Ur, erfanden das Rad und entwickelten die Keilschrift. Später kamen Babylonier, Assyrer, Perser, Alexander der Große, die Römer und schließlich das Osmanische Reich.

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Der "Fruchtbare Halbmond" zieht sich vom Nil-Unterlauf über die Länder am östlichen Mittelmeer und das Zweistromland bis zum Persischen Golf. Die schweren Dürren in den letzten Jahren sind mitverantwortlich für die Aufstände in Ägypten oder Syrien. (Grafik: Norman Einstein/Wikimedia Commons)

Alle profitierten von den fruchtbaren Böden und den großen Flüssen, die aus dem Taurus in der heutigen Türkei und dem Zagros-Gebirge in Iran sowie den Golan-Höhen im Nahen Osten gespeist werden. Diese Gebirge dienen als natürliche Wasserspeicher des Fruchtbaren Halbmonds. Die Schneemassen, die dort in den Wintermonaten fallen, tauen in der trockenen Zeit von April bis September langsam ab und füllen die Flüsse und damit die Bewässerungskanäle der Bauern.

Doch die Landschaft, die 6.000 Jahre lang eine Hochkultur nach der anderen ermöglicht hat, ist in Gefahr. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts wird es im Nahen und Mittleren Osten immer wärmer. Die diesjährigen Monate März, April und Mai waren in Irak die heißesten seit 1880.

Klimawandel trifft Übernutzung

Und der Trend dürfte sich fortsetzen, wie eine Studie der Weltbank zeigt. Die Bank erwartet für die Region eine Erwärmung um bis zu drei Grad in den nächsten 40 Jahren. Was das bedeutet, zeigt ein Niederschlagsmodell für den Fruchtbaren Halbmond: In der Südtürkei, Syrien, Israel und Libanon gehen die Niederschlagsmengen um fünf bis 20 Zentimeter pro Jahr zurück. Dadurch reduziert sich die Wassermenge im Euphrat um ein Drittel und im Jordan sogar um 80 Prozent. Die Studie kommt zu dem Schluss: "Der Fruchtbare Halbmond wird seine gegenwärtige Form verlieren und könnte sogar ganz verschwinden."

Der Klimawandel ist aber nicht die einzige Gefahr für den Fruchtbaren Halbmond. Hinzu kommen das Bevölkerungswachstum und das schlechte Management der natürlichen Ressourcen. In Jordanien, Irak und Syrien wächst die Bevölkerung um zwei bis drei Prozent im Jahr. Damit wird sie sich in diesen Ländern bis 2050 ungefähr verdoppeln.

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Die Dürren in den letzten Jahren haben über steigende Lebensmittelpreise und Landflucht zum "Arabischen Frühling" beigetragen: Tahrir-Platz in Kairo am 25. Januar 2011. (Foto: Muhammad Ghafari/Wikimedia Commons)

Dabei leben viele dieser Länder schon heute von ihrer ökologischen Substanz. So fällt in Syriens Hauptstadt Damaskus der Grundwasserspiegel um sechs Meter pro Jahr und im Osten des Landes rückt wegen massiver Überweidung die Wüste vor. Kurz, wenn dereinst die Kriege im Nahen Osten beendet sind, ist vom "Fruchtbaren Halbmond" womöglich kaum noch etwas übrig.

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