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Fleischkonsum gefährdet Einsparziel

Mit einer fleischreduzierten Ernährung ließen sich die globalen Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft beinahe halbieren und der Klimawandel abbremsen, rechnen britische Forscher vor. Doch vor allem in den Industrieländern kommt noch immer jeden Tag Fleisch auf den Tisch. Auch die Schwellenländer holen auf.

Von Sandra Kirchner

Setzt sich der Trend fort, dass die Menschen immer mehr Fleisch essen, dann wird bis 2050 allein die Produktion von Lebensmitteln so viel Treibhausgase verursachen, dass die Reduktionsziele für die globale Wirtschaft nicht mehr erreicht werden können. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler von den Universitäten Cambridge und Aberdeen in einer Studie, die sie im Fachjournal Nature Climate Change veröffentlichten. Würden die Menschen hingegen weniger Fleisch essen und weniger Lebensmittel verschwenden, könnte das den Klimawandel begrenzen.

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Wenn in den Entwicklungslängern so viel Fleisch gegessen wird wie in den Industriestaaten, werden die Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft um 80 Prozent steigen. (Foto: PublicDomainPictures/Pixabay)

Der Studie liegt ein datenbasiertes Modell zugrunde, bei dem die Forscher Faktoren wie Landnutzung oder die Eignung der Böden berücksichtigen. Zunächst berechneten sie die Auswirkungen der steigenden Nachfrage auf die Landwirtschaft. Im zweiten Schritt haben die Wissenschaftler nach Möglichkeiten gesucht, die Nachfrage nach Fleisch zu verringern. "Die Verschwendung von Lebensmitteln begrenzen und eine ausgewogene Ernährung mit einem gemäßigtem Fleischkonsum, das sind die ausschlaggebenden Maßnahmen, die wir ohne Weiteres umsetzen können", sagt die Umweltwissenschaftlerin Bojana Bajzelj von der Universität Cambridge.

Laut Bajzelj liegt der Wirkungsgrad von Pflanzen, die zur Fleischproduktion an Tiere verfüttert werden, bei weniger als drei Prozent. Wenn weltweit mehr Tiere gegessen werden, dann ist mehr Ackerfläche notwendig, um die Futtermittel für die Tiere anzubauen. Auf jeder Stufe beim Weg von der Pflanze über das Tier zum verzehrten Fleischprodukt sind die Verluste groß. "Wenn immer mehr Menschen Fleisch essen, dann wird die Umwandlung von pflanzlicher in tierische Nahrung immer unproduktiver", sagt Bajzelj. Das bestätigt auch Agrarökonom Frank Offermann vom Thünen-Institut in Braunschweig: "Um ein Kilo Fleisch zu produzieren, sind viel mehr Kalorien notwendig als bei der Produktion von einem Kilo pflanzlicher Nahrung."

Tägliche Fleischmahlzeit wird mit Wohlstand verbunden

Vor allem in Industrieländern wie Deutschland steht Fleisch häufig auf der Speisekarte. Meistens täglich. Während der Vegetarierbund von sieben Millionen Vegetariern und mindestens 800.000 Veganern ausgeht, sind die Zahlen der Universitäten Göttingen und Hohenheim deutlich zurückhaltender. Demnach verzichten gerade mal 3,7 Prozent der Deutschen auf Fleisch. Dem Statistischen Bundesamt zufolge konsumiert jeder Bundesbürger im Schnitt an die 90 Kilogramm Fleisch im Jahr. In den Entwicklungsländern essen die Menschen deutlich weniger Fleisch. Zumindest bisher, denn mit steigendem Wohlstand wächst auch hier die Nachfrage.

Doch um Millionen Menschen zusätzlich mit Fleisch zu ernähren, braucht es eben zusätzliche Flächen. "Die Abholzung von Regenwald und der Methanausstoß durch die Viehzucht nimmt dann zu", sagt Agrarökonom Offermann. Dadurch könnten die Treibhausgasemissionen in der Lebensmittelproduktion bis 2050 um fast 80 Prozent steigen, warnen die britischen Forscher. Wenn die Menschheit weiterhin viel Fleisch isst, würde der Einsatz von Dünger im Vergleich zu 2009 um 45 Prozent steigen und die Argarflächen müssten um 42 Prozent zunehmen. Ein Zehntel der heute noch vorhandenen tropischen Wälder könnte allein dafür in den nächsten 35 Jahren abgeholzt werden.

Billigfleisch aus Deutschland

Deutschland betrifft das nicht direkt, denn seine Flächen sind größtenteils schon in fester Nutzung. Allerdings haben die Entwicklungen auf dem Weltmarkt auch Auswirkungen auf die deutsche Landwirtschaft. "Die derzeitigen Rahmenbedingungen wie große Nachfrage und die vergleichsweise günstigen Lohnkosten führen dazu, dass wir in Deutschland mehr Fleisch produzieren", sagt Offermann. "Das hat schon in den letzten Jahren zugenommen, und künftig könnten die Fleischexporte noch weiter wachsen."

Doch schon die heutige Tierproduktion hat enorme Auswirkungen auf die Umwelt: Belastungen für Luft und Gewässer zum Beispiel und einen sehr hohen Energieverbrauch. "Die Lebensmittelproduktion ist der Haupttreiber für den Verlust der Biodiversität und den Klimawandel, deshalb kommt es auf die Wahl unseres Essens an", sagt Umweltwissenschaftlerin Bajzelj, die eine fleischreduzierte Ernährung fordert.

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Fleischverzehr in Maßen statt in Massen ist für die Gesundheit und für das Klima besser. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)

Mit einer ausgewogenen Ernährung, die etwa in der Woche zwei Portionen rotes Fleisch à 85 Gramm, sieben Portionen Geflügel und fünf Eier umfasst, könnten die Treibhausgasemissioen aus der Landwirtschaft im Vergleich zu 2009 fast halbiert werden – sofern die Lebensmittelverschwendung verringert und Ertragslücken in der Landwirtschaft geschlossen werden.

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