Schwerpunkte

Marokko | 1,5 Grad | E-Mobilität

Bienen sterben doch durch Insektizide

Über die Ursachen des Bienensterbens streiten Wissenschaftler, Chemieindustrie und Imker seit langem. Eine Studie der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA hat nun bestätigt, dass der Einsatz von Neonikotinoiden dafür mitverantwortlich ist. Die Hersteller dieser Insektizide präsentieren sich ungerührt auf der Landwirtschaftsmesse in Berlin. Teil 4 der klimaretter.info-Serie "Wie grün ist die Grüne Woche?"

Aus Berlin Haidy Damm

Während sich die Besucher auf der "Grünen Woche" durch die Kostproben drängeln, wird die Stimmung hinter den Kulissen immer gedrückter. Die industrielle Landwirtschaft ist in Erklärungsnot, immer mehr Verbraucher hinterfragen die harmonischen Bilder, die auf der weltgrößten Landwirtschaftsmesse präsentiert werden. Erst am Wochenende zogen rund 25.000 Demonstranten durch das Berliner Regierungsviertel – unter ihnen viele Imker aus dem gesamten Bundesgebiet. Sie protestierten gegen die Ursachen für das Bienensterben, ausgelöst unter anderem durch den Einsatz von Neonikotinoiden, also Nervengifte, mit denen das Saatgut behandelt wird, um Spritzmittel zu vermeiden. Imkerverbände gehen davon aus, dass die Chemikalien den Orientierungssinn der Bienen stören können, sodass sie nicht mehr in ihre Bienenstöcke zurückfinden.


Die Pflanzenzüchterlobby präsentiert auf der "Grünen Woche" gebeiztes Saatgut als unschädlich für Bienen. (Foto: Haidy Damm)

Gestützt wird diese These jetzt durch eine Studie der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA. Im Verdacht haben die Aufseher Insektizide des deutschen Herstellers Bayer und des Schweizer Syngenta-Konzerns. Untersucht wurden die kurz- und langfristigen Folgen selbst nicht-tödlicher Mengen des Gifts für Bienenvölker. Trotz zahlreicher Datenlücken seien eine ganze Reihe von Risiken festgestellt worden, teilte die Behörde mit. Die EFSA – bisher eher für ihre Industrienähe bekannt – warnt ausdrücklich vor den Gefahren für Bienen durch die drei Insektizide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam. Bayer und Syngenta müssen nun bis zum 25. Januar eine Stellungnahme abgeben. Die EU-Kommission will das Thema anschließend mit den EU-Ländern diskutieren, ein Verbot könnte folgen.

Clothianidin wurde bereits 2008 kurzzeitig verboten. In der Region Oberrhein in Baden-Württemberg war die Maissaat mit einem Beizmittel gegen den Maiswurzelbohrer behandelt worden, das den gefährlichen Wirkstoff enthielt. Die Körner wurden nicht richtig mit Erde bedeckt. So gelangte das Mittel ins Regenwasser und auf blühende Pflanzen. Die Bienen vergifteten sich an Pollen und am Wasser – rund 11.000 Bienenvölker starben. Clothianidin wurde jedoch schon nach kurzer Zeit wieder zugelassen. Das Mittel wurde von Bayer und dem japanischen Pharmahersteller Takeda Chemical Industries entwickelt und ist in Deutschland unter dem Produktnamen Poncho zugelassen.

Sygenta und Bayer reagierten auf die EFSA-Studie skeptisch bis ablehnend. Syngenta-Geschäftsführer Theo Jachmann kritisierte, die EU-Behörde beziehe sich auf "rein theoretisch vorhandene Risiken". Die Ergebnisse aus der Praxis zeigten, dass die Technologie bei korrekter Beachtung der Anwendungsvorschriften problemlos eingesetzt werden könne. Der Chemiekonzern Bayer, gerade für den erstmals ausgelobten "CSR-Preis der Bundesregierung" nominiert, verwies auf eigene Studien und erklärte, es müsse sichergestellt werden, "dass Landwirte in Europa auch weiterhin Zugang zu Neonikotinoiden als Bestandteil des integrierten Pflanzenschutzes haben".

Unterstützt werden die Konzerne von der Organisation der Pflanzenschutzindustrie ECPA und dem Verband der Saatguthersteller ESA. Gemeinsam mit dem europäischen Bauernverband Copa-Cogeca warnen die Verbände vor Ernteverlusten durch den Verzicht auf Neonikotinoide. Sie stützen sich dabei auf eine Studie des Humboldt-Forums für Ernährung und Landwirtschaft, die von Bayer CropScience und Syngenta finanziert wurde. Nach der Studie drohen Verluste von 17 Milliarden Euro in der EU in den kommenden fünf Jahren, wenn das Insektizid verboten wird.


Bienen gelten als Frühwarnsystem für tiefgreifende Veränderungen in der Natur. (Foto: Jon Sullivan/Wikimedia Commons)

Beim Streit um das Bienensterben geht es auch um die künftige Landwirtschaft in Europa. In den kommenden Monaten wird über die EU-Agrarreform entschieden. EU-Agrarkommissar Dacian Cioloş will die Landwirtschaft ökologischer gestalten, die Agrarlobby hält dagegen. Imker warnen seit Jahren vor der Ausbreitung von blütenarmen Monokulturen, die mit hohem Pestizid- und Düngemitteleinsatz verbunden sind. Sie sehen in der zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft eine der Hauptursachen für das Bienensterben. Andere Ursachen stellt das von Bund und Ländern finanzierte Deutsche Bienen-Monitoring-Projekt in den Vordergrund: die Milbe Varroa Destructor und verschiedene Virenerkrankungen

Auch der Klimawandel macht den Bienenpopulationen zu schaffen, weil aufgrund veränderter Blühzeiten und Niederschlagsmengen die Pollen für die Bienen zu früh im Jahr fliegen – das führt dazu, dass die Bienen insgesamt weniger Nahrung finden. Doch es geht nicht nur um den Honig. "Fakt ist, dass rund 100 Nutzpflanzen für 90 Prozent der Nahrungsmittelversorgung der Welt maßgeblich sind", sagt der Direktor der UN-Umweltbehörde UNEP, Achim Steiner. "Mehr als 70 Prozent davon sind auf die Bestäubung von Bienen angewiesen."

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen