Der Maispreis als Politikum

In den USA, dem weltgrößten Getreideexporteur, verdorrt der Mais, die Viehzüchter verfüttern nun Weizen an ihre Tiere. Als Folge ist ab Mitte September mit einem neuerlichen Preisschub bei Lebensmitteln zu rechnen, vor allem in Entwicklungsländern. Abhilfe könnte eine Lockerung der US-Agrosprit-Quote schaffen. Doch wahltaktische Überlegungen dürften das verhindern.

Aus Bangkok Christian Mihatsch

Die arabischen Diktaturen fallen wie Dominosteine. In anderthalb Jahren wurden drei Regierungen hinweggefegt und in Syrien tobt ein Bürgerkrieg, der mittlerweile 23.000 Tote gefordert hat. Einer der Gründe für den Arabischen Frühling war der Anstieg der Lebensmittelpreise im Jahr 2010. Wegen einer Hitzewelle und Ernteausfällen hatte die russische Regierung ein Exportverbot für Weizen erlassen. An den Märkten herrschte Panik, da Importländer verzweifelt versuchten, genügend Getreide für ihre Bevölkerung zu kaufen. Und dabei ist Russland nur der drittgrößte Weizenexporteur der Welt.


US-Bundesstaat Iowa, Oktober 2011: Trocken, aber noch nichts im Vergleich zur diesjährigen Trockenheit. (Foto: Carl Wycoff/Wikimedia Commons)

Dieses Jahr wird der größte Exporteur von Mais, Sojabohnen und Weizen von einer Hitzewelle und Dürre heimgesucht: die USA. Knapp zwei Drittel der US-Farmen sind von der schlimmsten Dürre seit mehr als 50 Jahren betroffen, die US Regierung korrigiert ihre Schätzungen für die diesjährige Ernte immer weiter nach unten. Dies schlägt sich im Preis nieder. Im Juli ist der Nahrungsmittelpreisindex der Nahrungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO um sechs Prozent im Vergleich zum Juni gestiegen.

Unter schlechtem Wetter haben auch andere große Lebensmittelproduzenten zu leiden

Hinter dieser harmlos erscheinenden Zahl verstecken sich stabile Preise für die meisten Lebensmittel und deutlich gestiegene Getreide- und Zuckerpreise: Mais plus 23 Prozent, Weizen plus 19 Prozent und Zucker plus 12 Prozent. Dabei zeigt sich, dass nicht nur die US-Farmer unter schlechtem Wetter zu leiden haben. Auch Russland leidet unter Trockenheit, was die erwartete Weizenernte um 20 Prozent schmälert, und in Brasilien hat Regen im Juli zu einer Verzögerung der Zuckerernte geführt.

Wegen der angespannten Lage auf dem Weltmarkt für Getreide könnte zum ersten Mal das G20 Rapid Response Forum zum Einsatz kommen: Das erst letztes Jahr geschaffene "schnelle Reaktionsforum" könnte helfen, die Massnahmen von Getreideimporteuren und -exporteuren zu koordinieren. Exporteure sollen von Exportverboten abgehalten werden und Importeure vom Hamstern. Doch ob das Forum tatsächlich zusammenkommt, ist noch unklar. Ende August soll bei einer Telefonkonferenz dessen Einberufung diskutiert werden. Bis das Forum tatsächlich zusammenkommt, dürfte ein weiterer Monat vergehen. Dann könnte es bereits zu spät sein.


So sehen die Maisfelder im US-Bundesstaat Ohio normalerweise aus – sofern man Gentech-Monokulturen als normal bezeichnen mag. (Foto: Greylight/Wikimedia Commons)

Die Preise an den Weltmärkten steigen seit Mitte Juni. Drei Monate später, also Mitte September, erreichen die gestiegenen Preise dann auch die lokalen Lebensmittelmärkte in Entwicklungsländern. Hinzu kommt, dass die G20 nur Empfehlungen aussprechen kann. "Abgesehen von Worten, sollte man wenig von der G20 zu den steigenden Lebensmittelpreisen erwarten", sagt Simon Evenett von der Universität St. Gallen.

Bleiben die Preise hoch oder steigen gar noch weiter, trifft dies zuerst die Ärmsten. Im Jahr 2008 wurden 100 Millionen Menschen durch den Preisschub bei Lebensmitteln in den Hunger getrieben, im Jahr 2010 waren es 44 Millionen Menschen.

Besondere Sorge bereitet der Preisanstieg zudem dem Welternährungsprogramm WFP. Die UN-Organisation ernährt 90 Millionen Menschen in 73 Ländern von Nordkorea, das dieses Jahr unter Überschwemmungen leidet, bis Niger in der Sahelzone, wo die von Dürre geplagten Bauern zusätzlich mit einer Heuschreckenplage zu kämpfen haben. Steigen die Preise, kann das ausschließlich mit Spenden finanzierte UN-Hilfswerk weniger Nahrungsmittel kaufen und verteilen. Dabei bedeutet WFP für Millionen Menschen den Unterschied zwischen Leben und Tod.

40 Prozent der Maisernte werden für Agrosprit verwendet

Abhilfe schaffen kann in dieser Situation nur die US-Regierung. Dieses Jahr muss dem Benzin in der Vereinigten Staaten 9,21 Prozent Ethanol beigemischt werden. In einem normalen Jahr bedeutet dies, dass 40 Prozent der US-Maisernte für die Agrospritproduktion verwendet werden. Doch wenn die Ernte geringer ausfällt, steigt dieser Prozentsatz, denn der Benzinverbrauch ist von der Maisernte unabhängig.

Rund ein Drittel der US-Parlamentarier setzt sich daher für eine Reduktion der diesjährigen Agrospritquote ein. Sie erhoffen sich davon sinkende Maispreise für ihre Viehwirtschaft. Umgekehrt verlangen Parlamentarier aus Mais produzierenden Bundesstaaten, dass die Ethanolquote beibehalten wird.

In dieser Lage werden die Wahlen im November den Ausschlag geben, oder genauer: die Wünsche der Bauern in den Swing States, den Bundesstaaten, die einmal links und einmal rechts wählen. In der Hoffnung, Mais produzierende Swing States wie Iowa oder Ohio zu gewinnen, hält die Obama-Regierung bislang an der Agrospritquote fest. Das Drängen der UNO auf eine Lockerung der Quote zählt da nur wenig.

Der zweite Preisschub innerhalb von fünf Jahren steht bevor

Somit könnte die Agrospritindustrie bereits den zweiten Preisschub bei Lebensmitteln innerhalb von fünf Jahren auslösen. Das International Food Policy Research Institute Ifpri, ein Think-Tank, hat ausgerechnet, dass an der Nahrungsmittelkrise 2008 neben der gestiegenen Nachfrage nach Lebensmitteln in Asien vor allem die Agrospritproduktion schuld war.


Hier geht nichts mehr: ausgetrockneter Boden. (Foto: Johanna Treblin)

Paradoxerweise verschärft die Agrospritproduktion außerdem das Problem, zu dessen Lösung sie beitragen – den Klimawandel. Da in den USA und Europa immer mehr Energiepflanzen angebaut werden, kommen andernorts Brachen oder Wälder unter den Pflug. Eine Studie der Universität Minnesota kommt zum Schluss, dass durch diese veränderte Bodennutzung 17 bis 420 Mal mehr Kohlendioxid freigesetzt wird, als durch die Verwendung von Biosprit eingespart wird. Im schlimmsten Fall muss man also 420 Jahre lang warten, bis der Anbau von Energiepflanzen tatsächlich einen positiven Einfluss auf das Klima hat.

Für die Bauern in den USA kommt das zu spät. Die diesjährige Hitzewelle entspricht genau den Vorhersagen der Klimakundler über die Folgen des Klimawandels. Auch der trifft vor allem die Ärmsten.

[Erklärung]  
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