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Anbaufläche für Getreide schrumpft

Weltweit wird heute Getreide auf einer Fläche von etwa 700 Millionen Hektar angebaut. Das ist ein Minus von 32 Millionen Hektar gegenüber 1981: Damals lebten etwa 4,5 Milliarden Menschen auf der Welt, heute sind es sieben Milliarden. Zwar gab es 2010 eine Rekordernte. Trotzdem bleibt die Lage in den meisten Lagerbeständen angespannt. Eine Agrarminister- Konferenz suchte am Wochenende am Rande der Grünen Woche nach Lösungen.

Aus Washington Janet Larsen, aus Berlin Nick Reimer

Bauern haben 2011 weltweit mehr Getreide geerntet als je zuvor. Nach Angaben des US-Agrarministeriums beläuft sich die globale Getreideernte im vergangenen Jahr auf 2,29 Milliarden Tonnen - ein Anstieg um 53 Millionen Tonnen im Vergleich zu der letzten Rekordernte 2009. Da die Ernten aber in sieben der vergangenen zwölf Jahre nicht ausreichten, um die gesamte Nachfrage zu befriedigen, bleiben die Lager weitgehend leer. Wegen der spärlichen Lagerbestände ist auf den Weltmärkten mit Preisschocks zu rechnen.


China braucht davon mehr, asl es selbst herstellen kann - Getreide, hier Weizen. (Foto: Schulze von Glaßer)

Getreide deckt fast die Hälfte des globalen menschlichen Kalorienbedarfs. Erzeugnisse von Tieren, die mit Körnern gefüttert werden, schlagen ebenfalls kräftig zu Buche. Die meistverzehrten Getreidesorten sind Weizen und Reis, während Mais vor allem als Tierfutter verwendet wird. Weizen machte bis Mitte der neunziger Jahre den Großteil der weitweiten Getreideernte aus. In den folgenden Jahren zog die Maisproduktion an, weil die Nachfrage nach Erzeugnissen von mit Körnern gefütterten Tieren zunahm. In jüngster Zeit dient Mais auch der Herstellung von Bio-Sprit.

Trotz eines hitzebedingten Rückgangs bei der Ernte in den USA erreichte die globale Maisproduktion im vergangenen Jahr das Allzeithoch von 868 Millionen Tonnen. Rekordwerte wurden auch bei der Weizenernte mit 689 Millionen Tonnen und der Reisernte mit 461 Millionen Tonnen verzeichnet.

Die Zahl der Hungernden überstieg die Schwelle von einer Milliarde Menschen

Die weltweiten Lagerbestände betragen derzeit 469 Millionen Tonnen. Damit könnte nach jetzigem Stand die Versorgung für 75 Tage gesichert werden. Zwischen 1984 und 2001 hatten die Lagerbestände aber ausgereicht, um die Versorgung 100 Tagen lang zu sichern. 

2002 sank die Getreideproduktion allerdings so ab, dass damals 88 Millionen Tonnen fehlten, um die globale Nachfrage zu decken. Seitdem reichten die vom Vorjahr übernommenen Reserven nur noch für durchschnittlich 72 Tage. Damit war fast der Mindestwert zur Sicherung der Nahrungsversorgung erreicht. 2006 war mit 62 Tagen eine Talsohle erreicht, der im Zeitraum 2007 und 2008 eine Eskalation der Getreidepreise folgte. Auf den Weltmärkten schnellten diese innerhalb kurzer Zeit um das Zwei- bis Dreifache in die Höhe.

Ärmere Familien in Entwicklungsländern, die mindestens die Hälfte ihrer Einkommen für Lebensmittel ausgeben, saßen auf einmal vor leeren Tellern. In etwa 35 Ländern brachen Revolten aus, während die Zahl der Hungernden in der Welt über die Schwelle von einer Milliarde stieg.

In Berlin hat nun eine Agrarministerkonferenz am Wochenende Wege aus dem Dilemma gesucht. Die Konferenz - angedockt an die Grüne Woche - endete mit der ministeriellen Erklärung: "Über 60 Staaten bekennen sich zum entschlossenen Kampf gegen den Hunger". Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) sagte: "Die Weltbevölkerung wächst dramatisch, knapp eine Milliarde Menschen sind vom Hungertod bedroht. Ohne eine nachhaltige und produktive Land- und Ernährungswirtschaft wird der Kampf gegen den Hunger nicht zu gewinnen sein".

Verabschiedet wurde ein Kommuniqué mit dem Titel "Ernährungssicherung durch nachhaltiges Wachstum – Landwirtschaftliche Nutzung knapper Ressourcen", dass der  brasilianische Agrarminister Jorge Alberto Mendes Ribeiro in die laufenden Verhandlungen zum Rio + 20 Gipfel für nachhaltige Entwicklung im Juni 2012 einspeisen soll.

Allerdings trägt der Welthunger eine deutsche Handschrift. Eine von Miosereor, Oxfam und WEED in Auftrag gegebene Studie kam zu dem Schluss, dass die Deutsche Bank weltweit der größte Spekulant mit Nahrungsmitteln ist. Knapp 5 Milliarden US-Dollar bunkern die Bänker in 45 Agrarrohstofffonds (Stand: Ende 2010), mit der Folge, dass die Börsenpreise zwischen 2005 und 2008 bei Weizen um 127 Prozent anzogen. Bei Mais waren es sogar 300 Prozent. Ein Sprecher der Deutschen Bank sagte der taz: "Wir nehmen das Thema sehr ernst und haben zugesagt, dass wir die Vorwürfe sorgfältig prüfen". Am Samstag waren gut 20.000 Menschen in Berlin für eine bessere Agrarpolitik auf die Straße gegangen.


Weizen ist der Haupt-Kallorienlieferant der Welt. (Foto: J. Treblin)

Nach mehreren guten Ernten sanken die Getreidereserven erneut im Jahr 2010, als Dürren, Brände und Hitze die Ernten in Russland und den Nachbarstaaten dezimierten. Die betroffenen Länder stoppten daraufhin ihre Exporte. Als die Nahrungsmittelpreise wieder in die Höhe schossen, warnten Experten vor der zweiten Preiskrise binnen drei Jahren.

Nach Angaben der Weltbank drängten die Preisanstiege zwischen Juni und Dezember 2010 weitere 44 Millionen Menschen in die extreme Armut ab. Die Aussichten für die Allerärmsten bleiben düster, denn selbst die Rekordernte von 2011 reicht nicht aus, um die Lager angemessen zu füllen.

Bevölkerungswachstum mindert Erträge pro Person

Zu den Preisschwankungen und Nachschubproblemen kommt hinzu, dass für den Anbau von Nahrung pro Person immer weniger Platz zur Verfügung steht. Weltweit wird Getreide auf einer Fläche von etwa 700 Millionen Hektar angebaut. Nachdem die Weltbevölkerung 2011 die Schwelle von sieben Milliarden Menschen überschritten hat, stehen pro Person lediglich 0,1 Hektar Land für die Getreideproduktion zur Verfügung. Das entspricht in etwa der Hälfte der Fläche, die noch in den frühen sechziger Jahren bereitstand.

Nachdem die Getreidefelder 1981 ihre bislang größte Ausdehnung auf 732 Millionen Hektar erreicht hatten, sind die Flächen geschrumpft. Eine im Mai im Fachmagazin Science veröffentlichte Studie kommt zu dem Schluss, dass wegen des Klimawandels zwischen 1980 bis 2008 die globale Weizenproduktion um 5,5 Prozent gesunken ist, die Maisproduktion um 3,8 Prozent gegenüber einem Szenario ohne den antropogenen Klimawandel. Zwar hat sich insgesamt die Produktion aufgrund besserer Anbaumethoden verdoppelt. 1950 konnten Bauern pro Hektar mit einer Ernte von durchschnittlich einer Tonne Getreide rechnen. Inzwischen fahren sie die dreifache Menge ein. Insgesamt aber vernichten die Folgen der Erderwärmung bereits heute massiv Ackerland und wegen extremer Wetterereignisse zunehmend auch lokale Ernten.

Experten sehen vor allem darin ein Problem, dass die sprichwörtlichen Früchte, die am tiefsten hängen, mittlerweile gepflückt sind. Die meisten Länder mit Ausnahme von Subsahara-Afrika bauen bereits ertragreichere Getreidesorten an und setzen effizienten Dünger sowie Bewässerungssysteme ein. In einigen Ländern könnten die Ernten allerdings stagnieren oder sinken. Zwischen 1970 und 1990 stiegen die globalen Getreideernten um durchschnittlich 2,2 Prozent jährlich. In den folgenden zwei Jahrzehnten halbierten sich die jährlichen Zuwächse jedoch.

2011 produzierten drei Länder fast die Hälfte des gesamten Getreides auf der Welt: China führt die Rangliste mit 456 Millionen Tonnen an, gefolgt von den USA mit 384 Millionen Tonnen und Indien mit 226 Millionen Tonnen. In den 27 EU-Staaten wurden zusammen 286 Millionen Tonnen Getreide geerntet.

Getreideeinfuhren nehmen zu

Eine wachsende Zahl von Ländern ist auf Getreideimporte angewiesen, um den Bedarf innerhalb der eigenen Grenzen zu decken. Damit werden mittlerweile zwölf Prozent der weltweiten Ernte international gehandelt. Die USA sind mit Abstand der größte Getreideexporteur und setzten im vergangenen Jahr 73 Millionen Tonnen im Ausland ab. Dies entspricht einem Viertel des global gehandelten Getreides. Es folgen Argentinien mit 32 Millionen Tonnen, Australien und die Ukraine mit je 24 Millionen Tonnen sowie Russland und Kanada mit jeweils rund 20 Millionen Tonnen, die ausgeführt wurden.

Die USA sind auch Marktführer im weltweiten Maishandel und tragen mehr als 40 Prozent zum gesamten Angebot bei. Die Abnehmerländer sind daher darüber beunruhigt, dass ein immer größerer Anteil der US-Maisproduktion – 40 Prozent im vergangenen Jahr – für die Herstellung von Ethanol genutzt wird.

Auch Agrarriese China muss importieren

Japan steht weiterhin an der Spitze der Getreideimporteure und kaufte allein 2011 mehr als 25 Millionen Tonnen im Ausland ein. Ein Großteil davon wird als Viehfutter verwendet. Wichtige Abnehmer sind außerdem Ägypten, Mexiko, Südkorea und Saudi-Arabien, die mehr als zehn Millionen Tonnen Getreide einführen. Vor allem in den trockenen Regionen des Nahen Ostens und Arabiens ist die Abhängigkeit von Importen groß. Saudi-Arabien muss beispielsweise 90 Prozent seines Getreidebedarfs durch Einfuhren decken. Nachdem die Grundwasserreserven des Landes fast völlig erschöpft sind, können die Weizenfarmen in der Wüste nicht mehr bewirtschaftet werden.

China führte im vergangenen Jahr etwa fünf Millionen Tonnen Getreide ein. Das war die größte Menge seit Mitte der neunziger Jahre, als die Volksrepublik erklärt hatte, bei der Getreideversorgung autark zu sein. Zwar wird derzeit nur ein Bruchteil der jährlich in China verbrauchten 451 Millionen Tonnen importiert. In der Zukunft könnte das Land aber dazu gezwungen sein, mehr als bisher auf dem internationalen Markt einzukaufen.


Die USA exportieren am meisten Getreide - hier Roggen. (Foto: Schulze von Glaßer)

Mit dem weiteren Bevölkerungsanstieg und dem zunehmenden Verzehr von Fleisch, Milch und Eiern steigt auch der Bedarf des Landes an Getreide als Viehfutter rapide an. Mit 149 Millionen Tonnen Futtergetreide im Jahr 2011 steht China zurzeit weltweit an der Spitze.

Janet Larsen ist Forschungsleiterin und Mitbegründerin der unabhängigen Umweltforschungsorganisation 'Earth Policy Institute' mit Sitz in Washington. Den Text schrieb Sie als Gastbeitrag für IPS, Inter Press Service, eine internationale Nachrichtenagentur, mit der klimaretter.info zusammen arbeitet. 

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