Anzeige

"Sie konservieren die Vergangenheit"

Die Chefin der Energieabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Claudia Kemfert hat die anstehende EEG-Novelle scharf kritisiert. Die Gefahr sei "groß", dass damit die Energiewende in Deutschland "ausgebremst wird", sagte Kemfert letzte Woche in einem Interview mit dem Fachblatt VDI-Nachrichten. Bürgerenergiegenossenschaften seien die "großen Verlierer der Reform". Sie kämen kaum noch zum Zug, dadurch sei die "Akteursvielfalt" der Energiewende "bedroht".

BildWirbt für eine "kluge Energiewende": DIW-Expertin Claudia Kemfert. (Foto: Stanislav Jenis)

Zudem seien die erklärten Ziele der Großen Koalition – nämlich Kosteneinsparungen durch komplette Umstellung auf Ausschreibungen und genaue Einhaltung vorgegebener Ausbaukorridore – mit der geplanten Reform nicht zu erreichen, mahnte die Energieexpertin. "Zum einen vermindern Ausschreibungen die Planungssicherheit und erhöhen die finanziellen Risiken für Investoren", betonte Kemfert. "Die entsprechenden Risikoaufschläge machen die Energiewende teurer, als wenn man bei einem festen Vergütungssatz bliebe." Zum anderen würden die Ausbaukorridore verfehlt, "wenn Unternehmen eine Ausschreibung gewinnen, aber aus vielfältigen Gründen den Baubeginn verzögern." Faktisch bedeute die EEG-Novelle "mehr Planwirtschaft".

Energieerzeugern und Politik warf Kemfert vor, die Vergangenheit "konservieren" zu wollen. Dabei seien die Zeiten vorbei, "in denen große Energiekonzerne gigantische Oligopolgewinne mit abgeschriebenen und subventionierten Kohle- und Kernkraftwerken machen". Die neue Energiewelt habe nichts mehr mit der alten zu tun. Sie sei "dezentraler, kleinteiliger, dienstleistungsorientierter, flexibler, intelligenter und dynamischer". Nun seien völlig neue Geschäftsmodelle gefragt. Statt "Besitzstandwahrung" brauche man "innovatives Management".

Doch "leider" seien die Konzerne "recht erfolgreich" damit, die Vergangenheit zu konservieren. "Wir haben nun eine Braunkohlereserve, die niemand braucht. Sie ist überflüssig, ineffizient und teuer", kritisierte Kemfert. "Wir haben bereits zahlreiche Kapazitätsreserven: Netzreserve, Klimareserve, systemrelevante Gaskraftwerke, Sicherheitsbereitschaft für Braunkohlekraftwerke, abschaltbare Lasten sowie Stilllegungsverbote." Das seien alles "mehr oder weniger gut versteckte Subventionen".

Kemfert warb dafür, das "vorherrschende Überangebot an Kohlestrom" abzubauen. 45 Prozent des Stroms würden in Deutschland noch immer aus Kohle gewonnen. "Dann wären auch die Stromnetze weniger belastet", sagte Kemfert. Auf diese Weise könne man auf einen "überdimensionierten Netzausbau" verzichten und stattdessen auf "dezentrale, intelligente Netze samt Lastmanagement und mittelfristig mehr Speicher" setzen. Gerade im Bereich der Speichertechnologien seien die wirtschaftlichen Chancen "riesig".

Redaktioneller Hinweis: Claudia Kemfert ist Mitherausgeberin von klimaretter.info

klimaretter.info/vk

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen