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Industriestrompreis: Kritik an EU-Statistikern

Die europäische Statistikbehörde Eurostat weist die durchschnittlichen Industriestrompreise für deutsche Unternehmen als zu hoch aus. Dieser Ansicht ist das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS). Statt 10,6 Cent pro Kilowattstunde, wie von Eurostat angegeben, hätten die Unternehmen im vergangenen Jahr durchschnittlich nur rund 4,8 Cent pro Kilowattstunde zahlen müssen, kritisiert das FÖS. Die Zahlen gehen aus einer Studie hervor, die das FÖS im Auftrag des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) erarbeitet hat. Im laufenden Jahr werde dieser Wert durch die sinkenden Börsenstrompreise wahrscheinlich sogar auf 4,1 Cent pro Kilowattstunde sinken, so die FÖS-Experten.

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So haben sich die Industriestrompreise für Unternehmen mit einem Jahresverbrauch von 70.000 bis 150.000 Megawattstunden seit 2007 entwickelt, wenn man Steuern und Abgaben abzieht (Grafik vergrößern). Deutlich zu sehen: Die deutschen Preise (blau) liegen seit 2012 unter dem EU-Durchschnitt (rot). (Grafik: FÖS, nach Daten von Eurostat)

"In der vorliegenden Arbeit zeigen wir, dass oft zitierte Durchschnittswerte die tatsächlich gezahlten Strompreise systematisch überschätzen", schreiben die Autoren der Studie Swantje Küchler und Rupert Wronski. Die genauere Betrachtung der Daten zeige, dass die individuellen Preise für Großverbraucher in der Regel stark von den Durchschnittswerten abweichen. Das berücksichtige Eurostat nicht ausreichend. Vor allem die energieintensive Industrie profitiere von zahlreichen Vergünstigungen und Ausnahmen. Insgesamt belaufen sich die Industrieausnahmen bei EEG-Umlage, Kraft-Wärme-Kopplungs-Umlage, Netzentgelten und Stromsteuer für das vergangene Jahr auf 14,8 Milliarden Euro. Für das laufende Jahr wird dieser Wert voraussichtlich auf 16,2 Milliarden Euro steigen.

Als Grund für die Diskrepanz zu den Eurostat-Werten verweist das FÖS insbesondere darauf, dass die Statistiker die EEG-Umlage viel zu hoch ansetzen, die Unternehmen im Durchschnitt zahlen müssen. Eurostat rechnet hier mit vier Cent je Kilowattstunde. Tatsächlich aber dürfte dieser Wert unter 2,8 Cent je Kilowattstunde liegen – so viel EEG-Umlage zahlt das "produzierende Gewerbe" nach Berechnung des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos im Durchschnitt. Die FÖS-Experten gehen davon aus, dass dieser Wert durch die Industrieausnahmen noch deutlich geringer ausfällt. Zudem berücksichtigen die Eurostat-Daten nur die Preise für den Einkauf von Strom, den sogenannten Fremdstrombezug. Viele Großverbraucher haben aber mittlerweile ihre eigenen Kraftwerke, für die die Abgaben und Steuern fast vollständig entfallen. 2013 musste die Industrie auf ein Fünftel ihres Stroms deshalb keine EEG-Umlage zahlen.

Untersucht hat das FÖS auch Strompreisdaten aus den USA, die von der energieintensiven Industrie oft zum Vergleich herangezogen werden, um die angeblich überteuerten Strompreise in Deutschland anzuprangern. Das FÖS verweist darauf, dass man die Daten kaum vergleichen könne, weil sich diese an unterschiedlichen Kriterien wie der Leistung, dem Verbrauch, dem Lastprofil und der Spannungsebene orientieren. Wage man dennoch einen Vergleich, sehe es für deutsche Industrieunternehmen nicht eben schlecht aus: Zwischen den Strompreisen in den Bundestaaten Texas und Pennsylvania, die eine ähnliche Industriestruktur haben wie Deutschland, und den Preisen hierzulande ergibt sich demnach keine große Differenz: In den beiden US-Bundesstaaten zahlen die Konzerne 3,7 bis 5,4 und 5,7 bis 7,0 Cent je Kilowattstunde. In Deutschland sind es 4,8 Cent.

klimaretter.info/em

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