Ein Jahr in der Vorhölle
Die deutsche Solarindustrie ist nach glänzenden Jahren in der Krise. Aber vielleicht lohnt der Gang ins Ausland - in die großen Wachstumsmärkte USA, China, Indien und Kanada? Ein Nachschlag vom "Forum Solarpraxis" in Berlin. Teil 2: Nordamerika - über die ewigen Hoffnungen auf demokratische US-Präsidenten und das Solarwunder Ontario.Aus Berlin Martin Reeh
Vielleicht helfen, wenn man über die Zukunftsaussichten der Solarindustrie diskutiert, zunächst einmal Zahlen: nämlich die der bisher installierten Gigawattzahlen Solarstromleistung. Nur in zwei Ländern erreicht diese bisher zweistellige Werte: in Deutschland 22 Gigawatt, in Italien zwölf. In Deutschland werden mit diesen 22 Gigawatt gerade einmal drei Prozent des Stromverbrauchs produziert. Potenzial nach oben gibt es - gerade in den großen Ländern USA, China, Indien. Zumindest in der Theorie. Aber in der Praxis?

It never rains in Southern California - und deshalb lohnen sich Solaranlagen: hier auf dem Walmart in Palm Desert. (Foto: BP Solar)
Für die Praxis 2012 in den USA zitierte Rudy Vetter, der für den Greater Phoenix Business Concil in Arizona Investoren in die Wüste locken soll, auf dem "Forum Solarpraxis", dem herbstlichen Treff der Branche in Berlin, den Begriff "a year in limbo". Was man einfach mit "einem Jahr in der Schwebe" übersetzen kann. Aber weil "limbo" vom lateinischen "limbus" stammt, bedeutet es zugleich die "Vorhölle", eine Interpretation, die Vetter vermutlich nicht gefallen dürfte. Vetter, der seine Karriere in Deutschland bei Reader's Digest und dem Waschmittelhersteller Henkel begann, verbreitete lieber amerikanischen Optimismus: Bis zu den Präsidentschaftswahlen dürfte in den USA kein großer Solarboom mehr ausbrechen, aber danach, in seiner zweiten Amtsperiode, würde Barack Obama endlich den Klimaschutz zum zentralen Thema seiner Agenda machen. Jetzt, so Vetter, käme es darauf an, sich auf den Markt vorzubereiten.
Hoffnung auf eine Öko-USA - wenn man das Thema nicht gleich auf Jimmy Carter zurückführen will, der als erster US-Präsident vom Energiesparen sprach und sich eine Solaranlage aufs Weiße Haus bauen ließ, dann mindestens auf die Präsidentschaft Bill Clintons mitsamt seinem Vizepräsidenten Al Gore. Passiert ist jeweils nicht viel: Waren die Präsidenten willig, scheiterten schärfere Maßnahmen am Kongress - und dort auch an den eigenen demokratischen Parteifreunden. Auch Obama fehlte in seinen ersten Amtsjahren die Unterstützung rechter Demokraten aus den Kohlestaaten der USA. Den Rest besorgte das blockierte politische System: Im Senat werden 60 der 100 Senatoren für eine Mehrheit benötigt. Ansonsten können Minderheiten mit dem Filibuster, also endlosen Debatten, alle Vorschläge blockieren.

Solyndra-Hauptquartier in Kalifornien: Abschreckendes Exempel. (Foto: Solyndra)
Derzeit spricht wenig dafür, dass Obama nach den nächsten Wahlen auf eine komfortablere Mehrheit im nächsten Senat zurückgreifen kann. Und selbst wenn: Würde er wirklich einen besseren Klimaschutz wollen - und wagen? Nach der Pleite des US-Herstellers Solyndra, der den Republikanern aufgrund eines staatlichen halbe Million-Dollar-Darlehens als perfekter Beweis für die Schädlichkeit der Staatswirtschaft gilt, ist Solar zum Verliererthema für Demokraten geworden. Auch Vetter relativierte seinen eigenen Optimismus: "Einen nationalen Einspeisetarif wird es nicht geben." Die Vorhölle könnte sich für Investoren schnell zur Hölle entwickeln - einer Fehlinvestition in eine solarfeindliche Umgebung.
Wenn es dennoch eine Hoffnung für den Solarmarkt in den USA gibt, dann liegt er in der Zersplitterung der Förderpolitik. 3.000 Energieversorger gibt es - jeder hat sein eigenes Programm, oder auch keines: "Keiner macht es so, wie der andere", so Vetter. Vetter empfiehlt Investoren einen regionalen Fokus. Im Südwesten baut man eher große Freiflächenanlagen, im Nordosten auf Dächern. Nach Angaben des Branchenanalysten iSuppli werden die Installation in den USA 2011 um 166 Prozent wachsen. In der Rangfolge der installierten Kapazitäten liegt Kalifonien (975 Megawatt) vor New Jersey (250 Megawatt) und Arizona (240 Megawatt). Ausgerechnet die große Wirtschaftskrise sieht Vetter als Chance: "Inzwischen bleiben die Leute länger in ihren Häusern und ziehen nicht mehr so oft um." Die Frage sei dann, wie man den Wert des eigenen Hauses gesteigert bekomme - eine Solaranlage biete sich an. "Irgendwann werden die USA ein großer Markt", zitierte Vetter die seit Jahren gängige Analyse der Chancen des US-Solarmarktes: "Wir wissen nur nicht, wann."

Auf dem Dach: Photovoltaikanlage in New Jersey. (Foto: Solar Panels - Green Power)
Als solares Wunderland gilt heute schon Ontario im Nachbarland Kanada. Die Provinz, die bei deutschen CDU- oder FDP-Politikern vermutlich als zu nördlich für die Nutzung von Solarstrom gelten würde, hat ein viel beachtetes Förderprogramm aufgelegt. Laut Green Energy Act wird die Kilowattstunde Solarstrom mit umgerechnet zwischen 32 und 59 Eurocent vergütet - ein auch im Vergleich mit Europa üppiger Wert. Die Besonderheit: Ein Anteil von mindestens 60 Prozent der Projektkosten muss in Ontario selbst generiert werden. Zahlreiche Hersteller haben sich deshalb dort angesiedelt, die EU läuft allerdings Sturm gegen die Regelung und hat die Welthandelsorganisation WTO wegen eines Verstoßes gegen das GATT-Abkommen angerufen, nachdem eine Bevorzugung der einheimischen Industrie nicht zulässig sei.
In der Praxis ist das Programm bisher allerdings nicht sehr erfolgreich. Bei über 9.000 Anträgen für die Errichtung von Photovoltaik-Anlagen nach dem Green Energy Act wurden erst 2.442 Genehmigungen gewährt - und erst 100 Projekte mit 25 Megawatt ans Netz geschlossen. Antonio Antonopulos vom Projektentwickler Carbonfree Technology machte für dafür einerseits fehlende Genehmigungen "wegen massiven Verspätungen bei der Antragsbearbeitung" verantwortlich - und andererseits die abwartende Haltung derjenigen, die die Genehmigung schon haben. "Die hoffen auf weiter fallende Modulpreise", so Antonopoulos. Die Genehmigungen sind nämlich weder mit einer Befristung verbunden noch sinkt der Einspeisetarif bei einem späteren Anschluss, so dass Abwarten belohnt wird.

Schweinekalt, aber trotzdem sonnig: Photovoltaikanlage in Ontario. (Foto: Guide Me Green)
Dennoch gebe es Licht am Ende des Tunnels, sagt Antonopoulos. Im Januar sollen erste Eckpunkte für neue Tarife bekanntgegeben werden, die Einspeisetarife sollen sinken. Die schleppende Antragsbearbeitung, für die auch zahlreiche Anträge für ein älteres Förderprogramm verantwortlich waren, soll beschleunigt werden. Und nicht zuletzt wurde im Oktober Premierminister Dalton McGuinty wiedergewählt, der die Weiterführung des Green Energy Act versprochen hatte.
Lesen Sie auch Teil 1: Photovoltaik-Markt: Planer und Chaoten. Der Markt in China und Indien
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