Das AKW der Vergesslichen
Ein vergessener Staubsauger verursacht einen Brand im Atomkraftwerk Ringhals. Und Schäden in Millionenhöhe. Es ist nicht die erste Panne in dem südschwedischen Reaktor. Schon seit 2009 steht die Anlage unter "verschärfter Aufsicht". Jetzt droht Vattenfall der Entzug der Betriebserlaubnis.
Aus Stockholm Reinhard Wolff
Es ist vermutlich der teuerste Staubsauger, den sich Vattenfall je angeschafft hat. Vergessen im Reaktordruckbehälter des AKW Ringhals verursachte dieser Industriestaubsauger nämlich einen Brand, der die Reaktorbetreiber – neben dem Staatskonzern Vattenfall ist das mit einem 30-Prozent-Anteil die schwedische Eon-Tochter - am Ende mehrere Hundert Millionen Euro kosten dürfte. Der Vorfall zeigt erneut, dass Vattenfall damit überfordert ist, seine Atomreaktoren vorschriftsmäßig zu betreiben.

Ein Staubsauger ist harmlos, solange man ihn nicht bei der Druckprüfung eines Atomreaktorbehälters liegen lässt und es zum Kurzschluss kommt. Hier im Bild ein ganz harmloser Haushaltssauger. (Foto: Ellywa / Wikimedia Commons)
Am 10. Mai war im Reaktor 2 des nahe Göteborg liegenden AKW Ringhals ein Brand ausgebrochen. Dessen Ursache machte erst ein Bericht der Atomaufsichtbehörde ("Strålsäkerhetsmyndigheten", SSM) in der vergangenen Woche bekannt: Um Geld zu sparen, war eine geplante Druckprüfung des Reaktorbehälters um drei Tage vorverlegt worden. Eine Anweisung an das Personal, vorher alles herauszuräumen, was dort nichts zu suchen hatte, wurde vergessen. Und bei einer speziellen Inspektion vor dem Test wurden sowohl Staubsauger wie andere Plastikteile, die dort herumlagen, übersehen. Als der Druck erhöht wurde, schloss der Staubsauger kurz, fing Feuer und setzte die herumliegenden Plastikgegenstände in Brand.
Die Sanierungsarbeiten im Reaktor sind äußerst aufwändig, dauern seit Mai an und sollen bis Mitte Dezember abgeschlossen sein. Sie und der mindestens siebenmonatige Ausfall der Stromproduktion von Ringhals 2 werden voraussichtlich Kosten von mehr als 200 Millionen Euro verursachen. Damit nicht genug: Bei den Aufräumarbeiten nach dem Brand wurden in Rohren des Notkühlsystems dieses 36 Jahre alten Reaktors Hinterlassenschaften von Schweißarbeiten aus den 1980er Jahren entdeckt. Dichtungen waren damals in den Steigrohren vergessen worden und behinderten den ordnungsgemäßen Wasserdurchfluss. Was erstaunlicherweise bei keiner Inspektion der letzten drei Jahrzehnte entdeckt worden war.

Inmitten von Kuhweiden und unter einem sehr blauen Himmel liegt idyllisch das AKW Ringhals. Tatsächlich aber steht die Anlage aufgrund einer Pannenserie sei 2009 unter "verschärfter Aufsicht" der Strahlenschutzbehörde. (Foto: Tubaist / Wikimedia Commons)
Die Strahlenschutzbehörde ordnete daraufhin die Abschaltung und Überprüfung aller vier Ringhals-Reaktoren an. Zwei sollen in der kommenden Woche wieder ans Netz gehen. Doch Ringhals bleibt, so beschloss SSM in der letzten Woche ausdrücklich, weiterhin unter besonderer Behördenaufsicht. Diese "verschärfte Aufsicht" – der letzte Schritt vor Entzug der Betriebserlaubnis - war Mitte 2009 verhängt worden. Begründung: Eine mehrjährige Pannenserie in Ringhals, die beweise, dass der Betreiber die Sicherheit nicht ausreichend im Griff habe. Der eigentliche Auslöser damals: Die Schnellabschaltautomatik des Reaktors war monatelang außer Funktion. Sie nach einem Störfall wieder zu aktivieren hatte man – vergessen.
Nach dem Staubsaugervorfall machte SSM klar, dass ihre Geduld mit dem Reaktorbetreiber Vattenfall begrenzt ist. Und kündigte am Montag erstmals öffentlich an, dass die Pannenserie zu einem Entzug der Betriebserlaubnis führen könne. "Es kann eine Situation kommen, in der wir ganz einfach kein Vertrauen mehr haben", erklärte Leif Karlson, Abteilungsleiter der Aufsichtsbehörde: "Und dann dürfen sie das nicht weiterbetreiben." Ein solcher Beschluss wäre bislang einmalig in Schweden.
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