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Wo Charles Bronson einst dem Zug entstieg

Heute geht das Parabolrinnenkraftwerk "Andasol 3" in Andalusien ans Netz: ein Vorbild für weitere Solarprojekte in Nordafrika und dem europäischen Süden. Ein Konsortium aus den Stadtwerken München und den Unternehmen Solar Millennium, Ferrostaal, RWE Innogy und der Rheinenergie AG hat das Kraftwerk errichtet.

Aus Andalusien Toralf Staud, aus Berlin Nick Reimer

Kahl liegt das Land und flach in der südspanischen Hochebene von La Calahorra. Die Erde ist rot, aber am Horizont schimmert es weiß. Aus der Ferne sieht es aus, als entstünden dort jene Gewächshäuser, die ringsum die Landschaft bedecken – um Tomaten oder Paprika für Europas Supermärkte zu produzieren. Kommt man aber näher, funkelt nicht Glas von Treibhäusern in der Sonne, sondern Spiegel. Hunderttausende von Spiegeln. Leicht gewölbt auf haushohe Gestelle geschraubt, recken sie sich hunderte Meter lang in den Himmel. Nicht Gemüse soll hier geerntet werden, sondern Sonne.


Parabolrinnen-Technologie: Die Spiegel übertragen die Sonnenkraft auf das Absorberrohr in der Mitte. (Foto: Paul Langrock)

Direkt an der Autobahn von Almeria nach Granada steht das leistungsfähigste Solarkraftwerk Europas. Ein Konsortium aus fünf deutschen Unternehmen hat hier heute das solarthermische Kraftwerk Andasol 3 feierlich eingeweiht. Damit sind nun auf einer Fläche von rund zwei Quadratkilometern Parabolspiegel aufgestellt. Noch läuft die neue 50-Megawatt-Anlage im Testbetrieb. Künftig soll Andasol 3 jährlich rund 165 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen und circa 150.000 Tonnen Kohlendioxid im Vergleich zu einem modernen Steinkohlekraftwerk einsparen.

Das Besondere ist neben der schieren Größe die verwendete Technologie. Nicht mit den weithin bekannten Solarzellen aus Silizium wird hier Elektrizität erzeugt, sondern in einem Parabolrinnenkraftwerk: Gekrümmte Spiegel bündeln die Strahlen der Sonne und werfen sie auf ein Absorberrohr. Darin zirkuliert Öl, das sich in der gleißenden Hitze auf bis zu 400 Grad aufheizt. Mit dieser Energie wird dann – wie in konventionellen Kraftwerken – Wasser zum Sieden gebracht, das über eine Turbine Generatoren antreibt, um Strom zu erzeugen. Der Wirkungsgrad kann bis zu 25 Prozent erreichen. Das mag wenig klingen, ist aber fast das Doppelte dessen, was heute übliche Photovoltaik-Solarzellen schaffen – bei etwa halb so hohen Kosten.

Solarzellen haben bekanntlich das Problem, dass sie direktes Licht brauchen und nur tagsüber Strom produzieren. Auch andere alternative Energiequellen wie die Windkraft sind schwankungsanfällig: Wenn Flaute herrscht und die Rotoren stillstehen, müssen konventionelle Kraftwerke einspringen. Wegen dieser mangelnden Versorgungssicherheit, so das häufig gehörte Argument, würden erneuerbare Energien immer nur einen kleinen Anteil am Strommix ausmachen. Doch Parabolrinnenkraftwerke arbeiten anders, sie liefern rund um die Uhr Elektrizität. Bei "Andasol 1" wird nämlich ein Teil der Wärme aus dem Ölkreislauf in riesigen Tanks für die Nacht gespeichert, die Generatoren brauchen deshalb niemals stillzustehen. Solarstrom wird damit das, was Energiepolitiker und Kraftwerksplaner "grundlastfähig" nennen: Sonnenenergie wird verlässlich und planbar, kann künftig Atom- und Kohlekraftwerke wirklich ersetzen.

Die Technologie ist seit 30 Jahren erprobt

Rückblick ins Jahr 2007: Über staubige Feldwege holpert das Auto von Oliver Vorbrugg von der Erlanger Solar Millennium AG zur Baustelle von "Andasol 1", der Keimzelle der heutigen Sonnenstromfabrik. Hier wurde einst der Film Spiel mir das Lied vom Tod gedreht, den alten Bahnhof von La Calahorra wählte Regisseur Sergio Leone, um seinen Helden Charles Bronson unter sengender Hitze aus dem Zug steigen zu lassen. 3.000 Stunden im Jahr scheint im andalusischen La Calahorra die Sonne, so lange wie fast nirgendwo sonst in Europa. Und weil der Ort auf 1.100 Metern Höhe liegt, ist die Strahlung besonders stark.

"Die Grundstücksfragen zu klären war das Schwierigste", erklärte Solar-Millennium-Mann Vorbrugg, denn wegen des wirtschaftlichen Niedergangs der Gegend sind viele Einwohner abgewandert, nur äußerst mühsam waren viele Landeigentümer aufzufinden. Technisch dagegen sind Parabolrinnenkraftwerke kein Problem, seit den achtziger Jahren laufen einige in der kalifornischen Mojave-Wüste im Dauerbetrieb.

Heute, vier Jahre später, geht der dritte Komplex ans Netz. Insgesamt können die drei nahezu baugleichen Andasol-Kraftwerke rund eine halbe Million Menschen mit Sonnenstrom versorgen. Präzise ist die Ausrichtung der Parabolspiegel-Reihen berechnet, genau von Nord nach Süd verlaufen sie. Dank ausgeklügelter Sensoren und computergesteuerter Hydraulik werden die Spiegel jeden Tag im Jahr exakt dem Lauf der Sonne folgen.

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Die drei Kraftwerksfelder in der Hochebene von La Calahorra.(Foto: Solar Millennium)

"'Andasol 3" ist das beste Beispiel dafür, dass wir die Energiewende auf europäischer Ebene verwirklichen müssen", erklärt heute Kurt Mühlhäuser, Chef der Stadtwerke München - neben Solar Millenium, der RWE-Tochter Innogy, Ferrostaal und der Rheinenergie AG am Kraftwerk beteiligt. Mit dem Kraftwerk komme München seinem Klimaziel näher: Bis 2025 soll ganz München ausschließlich mit Ökostrom versorgt werden - 7,5 Milliarden Kilowattstunden im Jahr. "Mit der Verzehnfachung unserer bereits realisierten und geplanten Produktionskapazitäten haben wir auf diesem Wege inzwischen beachtliche Erfolge zu verzeichnen", erklärt Mühlhäuser und verspricht, die bayerische Hauptstadt werde weltweit die erste Millionenstadt, die sich mit Grünstrom versorgt. 

Zwar gibt es auf dem europäischen Festland nur wenige Standorte, die für Parabolrinnenkraftwerke geeignet sind, neben Spanien noch in Portugal, Italien und Griechenland. Aber in Nordafrika und im Nahen Osten ließe sich ein Vielfaches des Strombedarfes der EU erzeugen. In Algerien, in der Türkei, in Jordanien oder Syrien könnte "Andasol" hundertfach kopiert werden und der so erzeugte Strom dann durch ein Netz neuer Hochspannungsleitungen ohne große Verluste nach Europa fließen.

Was sich anhört wie eine Utopie von Jules Verne ist laut Berechnungen des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) innerhalb weniger Jahre problemlos zu verwirklichen – und nicht einmal teuer. Mit einem Preis von nur fünf Cent pro Kilowattstunde wäre der Strom sofort konkurrenzfähig. Solare Importenergie, so das Fazit einer großangelegten DLR-Studie aus dem Jahr 2006, könne "in idealer Weise das Spektrum heimischer erneuerbarer Energien ergänzen" und so die Basis für "eine nachhaltige Energieversorgung in Europa" werden.

Und München setzt nicht nur auf Sonnenkraft: Ein großer Baustein des Konzeptes ist die Beteiligung an Offshore-Windparks. So beteiligen sich die Stadtwerke München etwa am Windpark Gwynt y Môr (Wind im Meer) 18 Kilometer vor der Küste Nordwales: Noch in diesem Jahr soll mit dem Bau der 160 Anlagen mit einer Leistung von insgesamt 576 Megawatt begonnen werden. innen. An Land haben die Stadtwerke zudem bereits fünf deutsche Windparks mit zusammen 25 Anlagen erworben, die weitere 40.000 Haushalte versorgen.

solarthermie
Präzise nach der Sonne ausgerichtet: die Parabolrinnen. (Foto: Paul Langrock)

"Für mich hat Andasol Vorbildcharakter für ganz Europa und ist vielleicht auch ein wichtiger Anstoß, einen europäischen Markt mit gemeinsamen Regeln für erneuerbare Energien zu entwickeln", erklärte bei der Einweihung Hans Bünting, Vorstandsmitglied der RWE Innogy. Andasol 3 beweise, "dass wir den Umbau der europäischen Stromerzeugung grenzüberschreitend wesentlich effizienter gestalten können als mit einzelstaatlichem Denken."

Vor allem aber beweist Andasol, dass bei RWE tatsächlich ein Umdenken erste Früchte trägt: Der Konzern will künftig knapp eine Milliarde Euro pro Jahr in erneuerbare Energien investieren. Auf der Prioritätenliste stehen vor allem Windkraftwerke an Land und auf hoher See sowie in Biomassekraftwerke. RWE verabschiedet sich auch davon, alles alleine machen zu wollen und Projekte zu dominieren: Man gibt sich mit Beteiligungen zu Frieden - und verteilt so das wirtschaftliche Risiko.

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