"Pumpspeicherwerk Atdorf ist verzichtbar"
Norwegen als Ausweg: Prof. Olav Hohmeyer vom Sachverständigenrat für Umweltfragen setzt auf die Anbindung des deutschen Stromnetzes an die Speicherkapazitäten in Norwegen. Der Bau des umstrittenen Pumpspeicher-Kraftwerks Atdorf im Schwarzwald wäre dann gar nicht mehr nötig, meint der Energieexperte im klimaretter.info-Gespräch.
Aus Frankfurt/Main Joachim Wille
Der Berater der Bundesregierung, Professor Olav Hohmeyer, hält das geplante Pumpspeicherkraftwerk Atdorf im Südschwarzwald für verzichtbar. Bei einer vollen Anbindung des deutschen Stromnetzes an die großen Speichersee-Kapazitäten in Norwegen sei das umstrittene Projekt im Landkreis Waldshut am Hochrhein voraussichtlich nicht nötig, sagte Hohmeyer in einem Gespräch mit klimaretter.info. Hohmeyer ist Energieforscher an der Universität Flensburg und Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) der Bundesregierung.

Bis 2019 soll das Pumpspeicherwerk Atdorf fertig sein: So würde es dann aussehen -hier eine Simulation. (Foto: Schluchseewerk)
Hohmeyer verwies darauf, dass sich der energiewirtschaftliche Hintergrund des Projekt völlig verändert hat. Es habe ursprünglich Überschussstrom aus den nur bis zur Hälfte ihrer Maximalleistung herunterregelbaren Atomkraftwerken aufnehmen sollen, deren Laufzeit allerdings nun durch den schwarz-gelben Ausstieg bis 2022 begrenzt ist. Atdorf hätte, so die Rechnung, mindestens drei AKW vor häufiger Abschaltung in Zeiten mit hoher Wind- und Solarstrom-Einspeisung bewahrt. Ihr überschüssiger Atomstrom hätte in dem Speicher "zwischengelagert" werden können.
Da Atdorf frühestens 2019 gebaut sein könnte, die letzten AKW aber 2022 vom Netz gehen, würde des Projekt dafür nicht mehr gebraucht, so Hohmeyer. Atdorf wird von der Schluchseewerk AG geplant, deren Hauptanteilseigner die Stromkonzerne RWE und EnBW sind. Der Konzern betreibt bereits fünf Pumpspeicherkraftwerke.
In Norwegen: Stromspeichern ohne Eingriffe in die Natur
Inzwischen wird Atdorf als Teil der Energiewende präsentiert. Auch die neue grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg steht grundsätzlich dahinter. Hohmeyer räumt denn auch ein, dass Atdorf "durchaus zur Netzstabilisierung in Süddeutschland beitragen kann, wenn zum Beispiel an einem sonnigen Tag sehr viel Solarstrom anfällt, der aktuell nicht verbraucht werden kann". Es sei aber nicht unausweichlich, den Strom so zu speichern, so der Experte.
Hohmeyer plädiert für eine intensive Mit-Nutzung der vorhandenen Pumpspeicher in Norwegen. Deren Kapazitäten seien so groß, dass sie nicht nur - wie Atdorf - das Stromangebot kurzfristig ausgleichen können, sondern auch saisonale Schwankungen über Wochen oder Monate. "In Norwegen bräuchte es kaum noch zusätzliche Eingriffe in die Natur, die Speicherseen sind fast alle da." In Atdorf hingegen müsste neu gebaut werden, wogegen sich in der Region Protest erhebt.
Die Anbindung des deutschen Netzes an das norwegische würde nach dem Konzept, das der Sachverständigenrat für Umweltfragen SRU verficht, über Seekabel geschehen. "In Deutschland selbst würden die Stromleitungen mitbenutzt, die ohnehin gebaut werden müssen, um den Windstrom vom Norden in den Süden zu bekommen", erläuterte Hohmeyer.

Im Jahr 2013 soll mit dem Bau begonnen werden: Aufnahme von heute. (Foto: Schluchseewerk)
Als mögliche Alternativen zu Pumpspeichern sieht Hohmeyer zum Beispiel Druckluft-Speicher. Diese könnten in den nächsten zehn Jahren in Norddeutschland einsatzfähig werden, wo man dafür unterirdische Salzkavernen nutzen kann. "Aber sie taugen nur als Kurzfrist-Speicher. Und es müssen hier die Umweltauswirkungen geprüft werden", sagt der Experte.
Auch die "Methanisierung" sei grundsätzlich attraktiv, so der Experte. Dabei wird Überschussstrom genutzt, um das Gas Methan zu erzeugen, das man dann im Erdgasnetz speichern könnte. Besonderer Vorteil: "Das deutsche Erdgasnetz ist so groß ist, dass es auch als saisonaler Speicher fungieren kann." Allerdings sei diese Variante viel teurer als das Norwegen-Modell. "Zudem wären die Verluste dreimal höher. Statt bis zu 70 Prozent gewänne man nur 25 Prozent des ursprünglich erzeugten Ökostroms zurück."

Für den Bau würde der Hügel oben "abrasiert" und Platz zu machen für 9 Millionen Kubikmeter Wasser. (Foto: Schluchseewerk)
Hohmeyer plädierte dafür, das Atdorf-Projekt nicht übers Knie zu brechen, sondern erst ein umfassendes Energiekonzept zu entwickeln. Zunächst müssten Bundes- und Landesregierungen sich klar werden, auf welchem Weg und wie schnell die Vollversorgung mit erneuerbaren Energien erreichen werden soll. Daraus müssten sich die Konzepte für den Netz-Ausbau, die benötigten Speicher und die Auswahl der Speichertechnologien ergeben.
Der fünfköpfige Sachverständigenrat für Umweltfragen gehört zu den ersten Institutionen wissenschaftlicher Politikberatung für die deutsche Umweltpolitik. Er wurde im Jahr 1971 von der Bundesregierung eingerichtet.
Lesen Sie den Kommentar zum Thema von Hanno Böck.
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