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"Das ist klassische Marktwirtschaft"

Heiko Stubner, ehemals Mitarbeiter im Abgeordnetenbüro von Hermann Scheer (SPD), leitet heute den Bereich Politik beim Bundesverband Erneuerbare Energie.

Herr Stubner, die Nachrichtenagentur Reuters vermeldet einen starken Zubau von Solaranlagen in den Monaten Juni und Juli. Allein im Juni sollen 800 Megawatt installiert worden sein - mehr Anlagen als bislang im gesamten Jahr. Woher hat Reuters diese Zahlen?

Heiko Stubner:  Das weiß ich natürlich auch nicht genau, vermute aber dass die Zahlen informell von der Bundesnetzagentur oder vom Bundesumwelt- oder Wirtschaftsministerium stammen. Es läuft so: Neue Anlagen müssen zum Netzanschluss an die Bundesnetzagentur gemeldet werden, die Agentur wertet die Zahlen aus, macht eine Plausibilitätsprüfung und veröffentlicht sie dann auf ihrer Website. 


Die Vergütung nach dem EEG erfolgt nach dem "gleitenden Deckel": je mehr Zubau, desto mehr werden die Tarife abgesenkt. (Foto: Paul Langrock) 

Die Netzagentur sagt aber auf Nachfrage, sie habe noch keine Zahlen für Juni und Juli bekannt gegeben. Warum tauchen dann vorab schon informell Zahlen auf? Wer macht damit welche Politik?

Vom Umfang her ist der jetzt gemeldete Zubau gar nicht so hoch. Es handelt sich um eine Marktreaktion, die Preise bei den Modulen sind in den letzten Monaten stark gefallen. Im ersten Halbjahr ist eher wenig passiert, weil alle Investoren darauf gesetzt haben, dass die Photovoltaik-Anlagen nochmal billiger werden. Politik können Sie mit Zubauleistungen von 800 Megawatt kaum machen, damit erschrecken Sie heute niemanden mehr.

Die Vergütung nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz erfolgt nach einem so genannten "gleitenden Deckel": Je mehr neue Anlagen gebaut werden, desto stärker wird die Vergütung im kommenden Jahr abgesenkt. Der deutschen Solarwirtschaft geht es derzeit schlecht und niedrigere Tarife im nächsten Jahr könnten jetzt noch ein Nachfragehoch auslösen. Ist das plausibel?

Der Vergütungssatz ist nur ein Faktor einer Investitionsentscheidung. Wer eine Solaranlage installieren und betreiben will, überlegt sich auch, wie viel die Module kosten, die Wechselrichter, die Handwerker, und so weiter. Daraus ergibt sich dann, ob man sagt, ja, es rentiert sich. Das ist klassische Marktwirtschaft.


Solarmodule werden immer günstiger. (Foto: First Solar)

Die neuen EEG-Tarife werden immer im Herbst für das kommenden Jahr festgelegt, beruhen also auf Schätzungen für das 4. Quartal. Die waren in der Vergangenheit regelmäßig falsch. Könnte es nicht sein, dass das jetzige Zahlen-Spiel versucht Einfluss auf die Umlage des kommenden Jahres zu üben?

Das Problem beginnt 2010. Damals hatten die Netzbetreiber die Zubaurate für Sonnenstromkraftwerke im Jahr 2011 viel zu hoch angesetzt - nämlich 9.500 Megawatt. Tatsächlich wären wir derzeit nach den Reuters-Zahlen aber bei 2.300 Megawatt Solarstrom-Leistung. Das bedeutet: Die Verbraucher werden in diesem Jahr also voraussichtlich für einige Tausend Megawatt Photovoltaik-Leistung EEG-Umlage zahlen, die gar nicht ans Netz geht. Die Umlage für 2011 ist mit 3,5 Cent pro Kilowattstunde deshalb recht hoch und müsste nach menschlichem Ermessen eigentlich im kommenden Jahr sinken.

Nun hat die FAZ aber gerade gemeldet, dass wegen des regenerativen Booms - 20 Prozent der in Deutschland verbrauchten Elektrizität aus Grünstromkraftwerken - der Prognosefehler längst wett gemacht wurde, ergo die EEG-Umlage wieder steigt. Ist die Darstellung richtig?

Es ist tatsächlich zu befürchten, dass die EEG-Umlage 2012 moderat steigt. Aber dies liegt nicht am Ausbau der Erneuerbaren, sondern an zwei Punkten des Abrechnungssystems. Das erste Problem ist der Zeitpunkt der Abschätzung: Im Herbst und Winter liegt der Stromverbrauch über dem des Sommers, die Netzbetreiber kassieren deshalb mehr EEG-Umlage. Die Kosten sind aber nicht so hoch wie im Sommer - beispielsweise weil die Sonnenintensität nachläßt. Nach unseren Berechnungen kann die Kostenbilanz sich im letzten Quartal ins Positive drehen. Weil die Tarifprognose aber schon im Oktober abgegeben wird, kommt dieses Plus beim Verbraucher nicht an. Zweitens dürfen die Netzbetreiber neuerdings eine EEG-Geldreserve ansparen: Dies dürfte die Verbraucher im kommenden Jahr mit bis 1,3 Milliarden Euro zusätzlich belasten.

Interview: Verena Kern

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