Atomkraftwerke bleiben aus
Die Bundesnetzagentur hat entschieden: Alle acht Atomkraftwerke bleiben ausgeschaltet. Stattdessen sollen alte Gas- und Kohlekraftwerke einspringen, falls es im kommenden Winter zu Stromengpässen in Deutschland kommen sollte: Block 3 in Mannheim, Block 2 des Kraftwerks Mainz-Wiesbaden und Block C in Ensdorf.
Alle Zeichen deuteten darauf hin, nun ist es amtlich: Die acht abgeschalteten Atomkraftwerke gehen nicht mehr ans Netz. Als Reserve für die kommenden Winter stehen stattdessen ausreichend Gas- und Kohlekraftwerke zur Verfügung - das hat die Bundesnetzagentur heute bekanntgegeben.

Soll länger laufen um Engpässe zu vermeiden: Die alten Kohleblöcke des Eon-Kraftwerks Staudinger. (Foto: Nick Reimer)
Im Atomausstiegsgesetz ist festgelegt, dass die sieben ältesten Reaktoren und zudem das pannenanfällige Kraftwerk in Krümmel sofort abgeschaltet werden. Es gibt jedoch eine Hintertür: Ein Reaktor darf dem Gesetz zu Folge noch bis März 2013 in Reservebetrieb gehalten werden. Damit wollte die Regierung vermeiden, dass es zu Engpässen kommt, wenn in manchen Winterstunden viel Strom nachgefragt wird, gleichzeitig aber nur kaum Wind weht und wenig Sonne scheint. Reservebetrieb heißt: Die Anlagen des entsprechenden Atomkraftwerks werden nicht verschrottet, sondern im "stand by" gefahren.
Die Bundesnetzagentur musste bis Ende August entscheiden, ob - und welches - Atomkraftwerk dafür in Frage kommt. In beinahe letzter Minute hat sie nun bekanntgegeben, dass die fossilen Kraftwerkskapazitäten ausreichen. Konkret nennt sie drei Kraftwerke, die seit Ende Mai ermittelt wurden: den Block 3 in Mannheim (Betreiber: Mannheim), den Block 2 vom Kraftwerk Mainz-Wiesbaden (Betreiber: die Stadtwerke der beiden Städte) und den Block C in Ensdorf (RWE). Schon vorher hatte die Agentur auch die Mineralölraffinerie Oberrhein in Karlsruhe sowie das Reservekraftwerk Freimann in München in Betracht gezogen.
Dass alle Anlagen im Süden von Deutschland liegen, hängt damit zusammen, dass dort die Gefahr eines Stromengpasses höher ist als im Rest des Landes. Als Reserve-Atomkraftwerke waren daher auch nur vier Reaktoren im Gespräch: Biblis B, Neckarwestheim 1, Philippsburg 1 und Isar 1. Die für die Atomaufsicht zuständigen Bundesländer Hessen, Baden-Württemberg und Bayern hatten sich aber gegen einen Reservereaktor auf ihrem Zuständigkeitsgebiet ausgesprochen. Die grün-rote Landesregierung in Stuttgart hatte letzte Woche gar zugesagt, das Wiederanfahren des eingemotteten Kohlekraftwerks Mannheim 3 zu genehmigen – als weniger schlimmes Übel.
Insofern ist die Entscheidung der Netzagentur nicht sonderlich überraschend. Auch weil Atomkraftwerke unflexibel sind und beim Wiederanfahren mehrere Tagen brauchen können, um stabil über Engpässe zu helfen – eine denkbar ungünstige Voraussetzung für ein Reservekraftwerk, das nur selten Strom liefern muss.
Kurth: Situation im Winter beherrschbar, aber angespannt
Laut Bundesregierung hätte eine Atomreserve ungefähr 50 Millionen Euro im Jahr gekostet, die Kohlekraftwerke dürften nun billiger kommen. Zahlen müssen die Stromnetzbetreiber, aber das nur theoretisch: Sie werden die Kosten über die Netzentgelte an die Stromkunden weiterreichen.
Mit den drei Kohlekraftwerken als Reserve könne das Stromnetz stabil gehalten werden, erklärte die Bundesnetzagentur. Präsident Matthias Kurth sagte: "Die Situation im Winter bleibt berherrschbar, ist aber nach wie vor angespannt." Die Netz seien "am Rande der Belastbarkeit", ihr Ausbau sei daher "das Gebot der Stunde". Gleichzeitig stellte Kurth aber auch klar: "Eine vollständige Absicherung gegen jedwedes Risiko ist technisch und wirtschaftlich unmöglich." Beispielsweise war es 2009 im Münsterland zu tagelangem Stromausfall gekommen, bei dem 250.000 Menschen betroffen waren.
Neben dem Ausbau des Stromnetzes empfiehlt die Bundesnetzagentur, noch weitere Kohlekraftwerke zu reaktivieren: Bis der Block 4 in Datteln fertiggestellt sei, sollten die drei anderen Blöcke am Eon-Standort weiterbetrieben werden. Um den neuen Kohleblock gibt es ein zähes juristisches Ringen zwischen Klimaschützern und Eon. Außerdem solle geprüft werden, ob das Eon-Kraftwerk Staudinger nach dem 31. Dezember 2012 noch drei Monate länger im Reservebetrieb laufen könne. Eon will hier einen neuen Block bauen und soll dafür ältere abschalten.

Zu wenig Windkraft im Winter? Alte Kohleblöcke sollen Stromengpässe vermeiden. (Foto: Paul Langrock)
Ob so viele Kohlekraftwerke wiederangefahren werden müssen, ist umstritten. Greenpeace hatte bereits in einer Studie dargestellt, dass ein Reservekraftwerk aus Sicht der Umweltorganisation "unsinnig" sei.
Am Tag der Entscheidung überwiegt bei vielen Umweltschützern aber die Freude, dass alle acht Atomkraftwerke abgeschaltet bleiben. Jochen Stay von der Initiative Ausgestrahlt sagt: "Von Anfang an haben wir in der Debatte um die Kaltreserve darauf hingewiesen, dass es ohne AKW geht. Die Bundesnetzagentur hat diese Position nun bestätigt." Heute sei "ein Tag der Freude".
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