Kohlekraftwerk Walsum kommt später
Die Bundesnetz-Agentur hält es für unerlässlich, dass nach dem Abschalten der Atomkraftwerke die Neubauten von Kohleblöcken schnell ans Netz gehen. Das aber wird nicht passieren: Ein Stahl Namens T24 verzögert die Kraftwerke in Boxberg, Hamburg-Moorburg, Duisburg und Wilhelmshaven.
Es ist ein kleines Detail, aber die Auswirkungen auf die Energiewende in Deutschland sind enorm: der Stahl T24. "Wir beabsichtigen, einen Teil des Kessels auszutauschen", erklärt Alexandra Boy, Sprecherin des Evonik-Konzerns gegenüber klimaretter.info.

Auch vom T24-Problem betroffen: Baustelle des Kohlekraftwerks in Hamm. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)
Es geht um das Kohlekraftwerk in Duisburg-Walsum. Ursprünglich sollte Block 10 mit einer Leistung von 750 Megawatt in diesem Jahr ans Netz geschaltet werden. Und es schien, als sei der Zeitplan einhaltbar. Nun aber sind nach zweimonatigem Probebetrieb viele hundert Leckagen im Dampfkessel festgestellt worden, wie der Spiegel berichtet. Schuld daran: der besonders teure Hightech-Stahl T24, der im oberen Bereich des Kessels verbaut wurde. Dies werde "zu erheblichen Zeitverzögerungen führen", bestätigt die Evonik-Sprecherin, ohne allerdings konkreter zu werden. Der Spiegel spricht von zwei Jahren.
Der vermeintliche Superstahl findet sich in den Kesseln von acht Kraftwerken, die in Deutschland derzeit gebaut werden, darunter im sächsischen Boxberg (Vattenfall), in Krefeld (EnBW), das Kohlekraftwerk Neurath (RWE), Hamburg-Moorburg (Vattenfall), Hamm (RWE) und Wilhelmshaven (GdF Suez). Auch dort sind die Verzögerungen beträchtlich.
Etwa 2500 verschiedene Sorten Stahl gibt es derzeit. "Die Hälfte davon ist jünger als fünf Jahre", erklärt Beate Brüninghaus, Sprecherin des deutschen Stahl-Zentrums. Jährlich würden hunderte neue Stahlsorten entwickelt, die immer spezifischer auf ihren Einsatz ausgerichtet werden. Natürlich könnten die neuen Stähle nicht einem praktischen Langzeittest unterzogen werden, "dies wird durch Computersimulationen gewährleistet", so die Sprecherin.
Das Problem ist 'Made in Germany'
T24 ist eine deutsche Stahlentwicklung, die mehr Druck und mehr Wärme verträgt. Deshalb ist es möglich, den Wirkungsgrad der Kraftwerke um einige Stellen hinter dem Komma zu erhöhen - weshalb der Stahl auch als das Beste im Kesselbau gilt, was derzeit auf dem Markt ist.
Was bei T24 genau das Problem sei, ließe sich nicht mit Sicherheit sagen, so Brüninghaus. "Es handelt sich um ein schwebendes Verfahren, bei dem auf die Stahlhersteller Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe zukommen könnten". Prinzipiell aber kämen drei Ursachen in Frage. Erstens: Mängel bei der Verarbeitung. "Für die Schweißer ist es ziemlich ungemütlich, in einem engen Kraftwerkskessel zu arbeiten", so Brüninghaus. Zweite Fehlerquelle: das sogenannte Beizen. "Die Kessel werden nach den Arbeiten mit Säure gesäubert." Die dritte Fehlerquelle sind tatsächlich Materialfehler durch den Hersteller.
Matthias Kurth, der Präsident der Bundesnetz-Agentur, hatte im Juli vor Strom-Engpässen als Folge des Atomausstieges gewarnt: "Wir werden in den kommenden Wochen zu entscheiden haben, ob wir in den nächsten Wintern für einen stabilen und sicheren Netzbetrieb eines der abgeschalteten Kernkraftwerke in Süddeutschland benötigen." Der Neubau von fossilen Kraftwerken entspanne die Situation künftig. "Zahlreiche Kraftwerksprojekte sind auf der Zielgeraden und können hoffentlich dafür sorgen, dass jedenfalls in einer deutschlandweiten Betrachtung wieder eine etwas beruhigendere Reserveleistung verfügbar sein könnte", so Kurth.
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Das Kohlekraftwerk in Duisburg: Der Bau von Block 10 verzögert sich um zwei Jahre. (Foto: Wikipedia)
Allerdings sind die Probleme mit T24 nicht neu und auch dem Präsidenten der Netzagentur bekannt. "Wir zählen neue Kraftwerke erst zur "gesicherten Leistung", wenn sie ihren Probebetrieb erfolgreich hinter sich haben", erklärte Kurth. Bedauerlicherweise sei dies gerade in den neuen, effizienten Kohlekraftwerken mitunter ein Problem. Offenbar eines, was nun zwei Jahre andauern wird.
"Wir sind das einzige deutsche Kohleprojekt, dass nicht vom T24 Problem betroffen ist", sagt Elmar Thyen, Sprecher vom Stadtwerke-Konsortium Trianel. Der Kesselbauer habe bei Vertragsabschluss bekundet, keine Erfahrungen mit dem Stahl zu haben und darauf bestanden, bewährte Stähle zu verbauen. Ende 2012 soll das Kraftwerk mit einer Leistung von 750 Megawatt ans Netz gehen.
Derzeit wird das neue RWE-Braunkohlekraftwerk in Neurath gerade im Probebetrieb getestet. Mit größter Vorsicht, wie es heißt - auch hier ist T24 verbaut worden.
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