Fessenheim: Europas wunder Punkt
Das Atomkraftwerk Fessenheim am Oberrhein kann laut französischer Sicherheitsbehörden noch 10 Jahre weiterlaufen. Das 34 Jahre alte AKW an der Dreiländergrenze zu Deutschland und der Schweiz soll durch Umbauten in Millionenhöhe wieder fit gemacht werden. Doch das AKW im Herzen Europas bleibt auch weiterhin ein unberechenbares Risiko.
Aus Paris Susanne Götze
Umweltschützer und Anwohner hatten es befürchtet: Diese Woche gab die für die Sicherheit der französischen Atomkraftwerke zuständige Autorité de sûreté nucléaire (ASN) bekannt, dass der Reaktor I des AKW Fessenheim weitere 10 Jahre lang am Netz bleiben könne. Thierry Rosso, Direktor von Fessenheim wars denn auch zufrieden und beeilte sich zu versichern, dass man die technischen Verbesserungen natürlich problemlos umsetzen werde. Diese kosten den Stromkonzern EDF an die 100 Millionen Euro. Zudem wird es das erste Mal sein, dass eine Zentrale derart umgebaut wird: Diese Baustelle werde eine „Premiere“ in Frankreich.

Die Sicherheitsbehörde fordert eine Verstärkung der nur etwas über einen Meter dicken Betonplatte unter dem Reaktor. Im Falle eines Unfalls soll so ein Durchbruch der radioaktiven Flüssigkeit verhindert werden. Doch selbst wenn die Betonplatte an die zwei bis drei Meter dick sein wird: In Fukushima hielten die bis zu vier Meter dicken Platten das Kühlwasser auch nicht ab und verseuchte das Trinkwasser der Millionenmetropole Tokio. „Verbessert“ werden soll auch das Kühlsystem, vor allem hinsichtlich eines möglichen Stromausfalls.
Das AKW Fessenheim gehört zu den Ältesten in ganz Europa und wurde 1978 in Betrieb genommen. Es liegt im Elsass nahe der Dreiländergrenze zwischen der Schweiz, Frankreich und Deutschland. Immer wieder kam es in den letzten Jahren zu Störfällen, bei denen teilweise auch radioaktive Stoffe entwichen. Zuletzt kam es am 3. April zu einer automatischen Abschaltung durch einen Bedienungsfehler. Umweltschutzverbände warnten vor erhöhten radioaktiven Werten in der Umgebung. Umweltschützer befürchten, dass das AKW nicht genügend vor einer möglichen Überschwemmung gesichert sein und so den Rhein bis in die Niederlanden hinein verseuchen könnte.
Zudem Fessenheim liegt in der Erdbebenzone des Oberrhein. Sogar die französischen Atomaufsichtsbehörde Autorité de sûreté nucléaire (ASN) gab offen zu, dass die Sicherheit des AKW bei einem stärkeren Erdbeben nicht gewährleistet sei. Die französische Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet weiß es allerdings besser und betonte kürzlich, dass ein Erdbeben keine Gefahr darstelle: In Fukushima sei ja auch der Tsunami schuld an der Katastrophe gewesen, nicht das Erdbeben...

Anti-Fessenheim Protest über Ländergrenzen hinweg (Foto: BUND)
Eine Verlängerung der Laufzeiten von Fessenheim war schon vor Fukushima in der Diskussion. Derzeit werden alle 58 Atomkraftreaktoren nacheinander sogenannten nationalen Widerstandstests unterzogen – das findet in Frankreich alle zehn Jahre statt. Erst letzten November gab die Agentur Grünes Licht für weiter zehn Jahre für das ebenfalls umstrittende AKW Tricastin.
25 Kilometer von Freiburg entfernt...
Normalerweise ist eine Laufzeitverlängerung eines französischen AKW den Medien nicht einmal eine Nachricht wert – Fessenheim jedoch ärgert nicht nur französische Umweltschützer, sondern vor allem auch die atomkritischen Nachbarn Deutschland. 25 Kilometer weiter liegt die Stadt der Solar-Pioniere Freiburg – ein Hort für Ökos und Kämpfer der Energiewende. Schon 2008 verkündeten die Freiburger stolz, nun atomstromfrei zu sein. Ein gutes Beispiel schützt jedoch vor der Risikofreudigkeit der Nachbarn nicht.
Erst vor einigen Wochen protestierten hunderte Menschen gegen die mögliche Verlängerung von Fessenheim. Der Trinationale Atomschutzverband (TRAS) hat bereits mehrmals versucht gegen den Betrieb des AKW zu klagen und eine Stilllegung auf rechtlichem Weg zu erzwingen – bis jetzt jedoch ohne Erfolg. Die Ergebnisse der Untersuchung von ASN beweisen abermals, dass das Werk entscheidende Sicherheitsmängel aufweise und Fessenheim unverzüglich abgeschaltet werden müsse, hieß es in einer Erklärung.
Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen
Allerdings ist das letzte Wort in Sachen Verlängerung auch noch nicht gesprochen. Denn neben den Routine-Checks der französischen Regierung laufen noch die von der EU vereinbarten Stresstests, die nach der Katastrophe in Fukushima vereinbart worden waren. Diese Ergebnisse werden allerdings nicht vor Mitte November vorliegen. Zudem muss den Ergebnissen von ASN nun auch die französische Regierung zustimmen. Das dürfte allerdings klappen, da die Entscheidungen der Behörde meist kommentarlos von der Regierung übernommen werden. Die Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet erklärte allerdings im Interview mit dem Figaro, dass es noch keine endgültige Entscheidung gebe und man die Ergebnisse der Nach-Fukushima-Untersuchungen abwarten wolle. Vor November wird es deshalb auch keine Entscheidung geben.
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