Wie man Stromausfälle an die Wand malt
Bleiben die acht abgeschalteten Reaktoren auch nach dem "Atom-Moratorium" vom Netz, könnte der Strom im Winter knapp werden. Das behaupten die Übertragungsnetzbetreiber, die teilweise den Atomkonzernen selbst gehören.
Von Felix Werdermann
Stromausfälle gab es nicht, als der Energiekonzern RWE am Wochenende sein Atomkraftwerk Emsland in Lingen zur routinemäßigen Sicherheitsüberprüfung abgeschaltet hatte. Auf einmal lieferten in ganz Deutschland nur noch vier der insgesamt 17 Atomreaktoren Strom.

Hier läuft derzeit nix mehr: Das Atomkraftwerk Biblis in Hessen.
Die Praxis hat damit die Unkenrufe der Atomindustrie widerlegt: Die deutschen Reaktoren sind nicht zwingend notwendig für die Energieversorgung. Weil die großen Konzerne mit ihnen aber trotzdem gerne weiter Geld verdienen möchten, malen sie nun ein Schreckensszenario für den Winter an die Wand.
"Defizit an gesicherter Erzeugungsleistung"
Wenn die derzeit abgeschalteten Reaktoren auch nach dem von der Bundesregierung verhängten "Moratorium" stillstünden, "könnte sich an einigen sehr kalten Wintertagen mit geringer Windeinspeisung in Norddeutschland ein Defizit an gesicherter Erzeugunsleistung ergeben", heißt es in einer Mitteilung der vier großen Übertragungsnetzkonzerne, von denen zwei zu den großen Energieunternehmen gehören, die die deutschen AKW betreiben. Die EnBW Transportnetze AG gehört zum EnBW-Konzern, der Netzbetreiber Amprion ist eine Tochtergesellschaft von RWE.
Unter ungünstigen Umständen sei an manchen Wintertagen "eine ausreichende Versorgungssicherheit im Süden Deutschlands nicht mehr gewährleistet", schreiben die Netzbetreiber. Deutschland wäre dann auf Stromimporte angewiesen, "deren grundsätzliche Verfügbarkeit nicht gesichert ist".
"Politik mit der Angst"
Atomkraftgegner halten die Befürchtungen jedoch für übertrieben. Jochen Stay von der Initiative "Ausgestrahlt" sagt, die Prognosen seien "interessengeleitet und mit Vorsicht zu genießen". Selbst wenn es zu Engpässen komme, könnte Deutschland zusätzlichen Strom aus dem Ausland beziehen, der europäische Verbund sei "genau dafür" ausgelegt. Den Netzbetreibern warf er vor, sie würden "Politik mit der Angst vor fehlender Weihnachtsbeleuchtung in den Einkaufsmeilen" machen.

Fließt duirch diese Leitung bald nicht mehr genug Strom? (Foto: Reimer)
Auch die Bundesnetzagentur gibt Entwarnung: In einem Bericht aus dem letzten Monat heißt es, im kommenden Winterhalbjahr bestehe nach ersten Analysen "ein ausreichend erzeugunsseitiges Versorgungssicherheitsniveau" - auch ohne zusätzliche Importe. "Ein etwaiger Puffer für zusätzliche Stilllegungen von Kraftwerkskapazitäten besteht derzeit jedoch nicht." Weitere Abschaltungen sollten daher mit einem "planerischen Vorlauf versehen" werden.
Welche Kraftwerke ersetzen die Reaktoren?
Unklar ist, ob bei einer dauerhaften Stilllegung der acht abgeschalteten Atomreaktoren auch Kohlekraftwerke einspringen, die derzeit stillstehen. "Der vorhandene Kraftwerkspark könnte Teile der atomare Produktionsleistung problemlos auffangen", sagt Holger Krawinkel, Energieexperte des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. In Frage kämen etwa Gas- oder Steinkohlekraftwerke, die nicht ständig am Netz sind, sondern als so genannte Regelkraftwerke "in Bereitschaft" stehen.
Diese Anlagen spielen auch im Ausstiegsszenario des Öko-Instituts eine Rolle. Sie sollen zwei Atomkraftwerke ersetzen, acht weitere Reaktoren ließen sich direkt stilllegen, weil Deutschland bislang deutlich mehr Strom exportiert als importiert. Insgesamt können nach Angaben des Insituts 14 der 17 Reaktoren bis zum Jahr 2013 stillgelegt werden, ohne dass es zu Stromausfällen kommt.
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