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Japan: Der Widerstand wächst

Die Welt nach Fukushima: Japan versucht beim Ostasiengipfel seine Nachbarn China und Südkorea zu beruhigen. Tatsächlich aber wächst der Unmut der Japaner über die Art des regierungsamtlichen Katastrophen-Managements.  

Aus Tokio Suvendrini Kakuchi (IPS)

Als die Tsunami-Welle kam, lebte Uno 50 Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima entfernt. Manchmal habe sie die Nähe zu dem Atomreaktor beunruhigt, räumt sie ein. Dass man ihr und den anderen Anwohnern ein falsches Gefühl von Sicherheit vorgegaukelt habe, mache sie heute wütend. "Dafür gibt es keine Entschuldigung." Wie Uno denken inzwischen viele Japaner, seit ihnen mitgeteilt wurde, dass die Reaktorschmelze in der Fukushima-Anlage bereits kurz nach dem Erdbeben vom 11. März eingesetzt hatte. Das Beben und der folgende Tsunami forderten 15.000 Todesopfer in 18 ostjapanischen Präfekturen.

Der Tsunami sorgte am 11. März für unvorstellbare Verwüstungen. (Foto: US-Navy)

Für Japaner, die den Behörden aus alter Tradition großen Respekt entgegenbringen, sind die jüngsten Offenbarungen ein Schock. Die Erkenntnis, dass Informationen über das Ausmaß der Tragödie zurückgehalten wurden, hat sich inzwischen in Wut verkehrt. Am 17. Mai, mehr als zwei Monate nach dem Erdbeben, gestand Japans höchster Regierungssprecher Yukio Edano, dass das Tokioter Elektrizitätsunternehmen Tepco versäumt habe, die Regierung zeitnah zu informieren, dass das Kühlsystem des Reaktors am Tag des Erdbebens manuell abgestellt worden war.

"Fukushima hat nur noch mehr Menschen von dem überzeugt, was wir seit langem sagen", meint Hideyuki Kojima, ein ehemaliger Professor für Ingenieurswesen an der Osaka-Präfektur-Universität. "Die Sicherheit von Atomanlagen war bei Konzernen und Regierung keine Priorität. Nur eine Bürgerbewegung kann das ändern."

Kojima ist Sprecher des Netzwerks Mihama, einer Gruppe von Atomkraftgegnern, die sich für die Stilllegung der Mihama-Anlage im Westen Japans einsetzt. Der Reaktor wird von dem Elektrizitätsunternehmen Kansai betrieben, dem zweitgrößten Energiekonzern, der den Westen Japans mit Strom versorgt. Eine jüngste Umfrage des japanischen Medienkonzerns NHK ergab, dass fast 70 Prozent aller Japaner einen Ausstieg aus der Atomkraft und die Suche nach alternativen Energien begrüßen würden. Analysten zufolge geht der wachsende Widerstand weit über eine simple Atomstromdebatte hinaus und wird für das Land weit reichende Konsequenzen haben.

"Die unendliche Nukleartragödie hat dazu geführt, dass sich die Menschen nach dem Verlust ihres Vertrauens in die Regierung einer Gewissensprüfung unterziehen", sagt der Jurist Osamu Mikiya. Seiner Meinung nach sollte die Regierung zur Verantwortung gezogen werden. Mikiya war Anwalt einer Gruppe von Arbeitern, die den Staat nach dem Strahlenunfall in der japanischen Wiederaufarbeitungsanlage Tokaimura in der östlich von Tokio gelegenen Präfektur Ibaraki den Staat verklagt hatte. Bei dem Unfall war es infolge einer Spaltung von Uran zu einer unkontrollierten Kettenreaktion gekommen, die große Mengen Energie freisetzte. Dadurch trat starke radioaktive Strahlung aus.

Um den Volkszorn zu bändigen, hat die Regierung jetzt einen Hilfsplan für die Opfer der radioaktiven Verstrahlung durch den Atom-GAU in Fukushima vorgestellt. Der sieht unter anderem Auflagen für Tepco vor, etwa Einsparungen und Entschädigungszahlungen in Höhe von mehr als 49 Milliarden Dollar.

Außerdem besuchten Südkoreas Präsident Lee Myung Bak und der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao am Samstag das Katastrophengebiet um Fukushima. Bevor sie in Tokio mit dem japanischen Ministerpräsidenten Naoto Kan zu einem Gipfeltreffen eintrafen, wollten sie sich ein Bild vor Ort machen.

Das umstrittene AKW Hamaoka. (Foto: Wikipedia)

Yoshika Shiratori, ein langjähriger Gegner des Hamaoka-Atomkraftwerks in der Shizuoka-Präfektur, das auf Anweisung von Regierungschef Naoto Kan kürzlich geschlossen wurde, steht an der Spitze einer ersten Gruppe von Bürgern, die den Hamaoka-Betreiber, das Stromunternehmen Chuo, verklagt hat. Der seit sieben Jahren andauernde Streitfall wird nun vor dem Tokioter Bezirksgericht verhandelt. Die Kläger verlangen, den erdbebengefährdeten Reaktor unverzüglich und endgültig vom Netz zu nehmen. Im ersten Verfahren 2007 fiel das Urteil zugunsten des Stromriesen aus. Angestrengt hatte den Prozess das von Shiratori geleitete Netzwerk Hamaoka. Shiratori: "Trotz der beispiellosen Entscheidung von Ministerpräsident Naoto Kan, die Hamaoka-Anlage abzustellen, läuft das Verfahren weiter".

Die Welt nach Fukushima - bislang erschien in unserer Serie:

Afrikas atomare Träume - aus Nairobi Marc Engelhardt
Warten auf das Glühwürmchen Nr. 3
- aus Porto Alegre Gerhard Dilger
Finnland, das Japan des Nordens
- aus Stockholm Reinhard Wolff

In Russland ändert sich nichts
- aus St. Petersburg Angelina Davydova

Schwedens AKW sind keine Japaner
- aus Stockholm Reinhard Wolff

Stars und Stripes und die Atomkraft
- aus Washington Arne Jungjohann
Thais wollen keine Atomkraft mehr
- aus Bangkok Christian Mihatsch
Frankreichs Atomgegner wittern ihre Chance
- aus Paris Susanne Götze

100.000 halten Mahnwache
- aus Berlin Nick Reimer

 

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