In Reichwalde läuft es jetzt "normal"
Nach einjähriger Testphase läuft der Tagebau Reichwalde in der Oberlausitz nun wieder im Regelbetrieb. Jährlich sollen hier bis in das Jahr 2045 zehn Millionen Tonnen Kohle aus der Erde geholt werden. Die sächsische Regierung sieht in der Braunkohle noch immer die Zukunft.
Aus Leipzig Eva Mahnke
Der Tagebau Reichwalde bei Görlitz arbeitet wieder. Nachdem er 1999 nach fast zwanzigjähriger Betriebsdauer stillgelegt worden war, hatte die Vattenfall Europe Mining AG 2007 damit begonnen, das Gelände für einen erneuten Abbau von Braunkohle vorzubereiten. Nach einjähriger Testphase, in der Vattenfall die Anlagen auf ihre Funktionsfähigkeit überprüfte, läuft Reichwalde ab sofort im so genannten Regelbetrieb. In der Sprache der Kumpel läuft jetzt also alles "normal": Jährlich sollen hier 10 Millionen Tonnen Kohle abgebaggert werden.

Baggert jetzt im "Regelbetrieb": Ein Absetzer frisst sich in den Mutterboden. (Foto: Reimer)
Insgesamt will Vattenfall in den nächsten 30 Jahren rund 366 Millionen Tonnen fördern und im nahe gelegenen Kraftwerk Boxberg verstromen. Die Wiederinbetriebnahme kostete den Konzern nach eigenen Angaben 350 Millionen Euro.
Nachdem der Tagebau in den 80er und 90er Jahren einige Ortschaften verdrängt hatte, soll diesmal keine Gemeinde von der Landkarte verschwinden. Jedoch wird sich der Tagebau bis kurz vor die Ortschaft Rietschen erstrecken. Zur Absicherung der Gemeinde Rietschen sowie der angrenzenden Teichlandschaft wird eine unterirdische Dichtwand von 4,2 Kilometer Länge gebaut, die sich bis in 47 Meter Tiefe erstreckt. Sie soll verhindern, dass der Tagebau durch das Grundwasser der Umgebung geflutet wird und gleichzeitig die angrenzenden Gewässer und Feuchtgebiete schützen. Zusätzlich muss der Fluss Weißer Schöps umgeleitet werden. Rund zehn Kilometer bekommen ein neues Flussbett.
13 Milliarden Tonnen Braunkohle zwischen Elbe und Neiße
Insgesamt lagern im Gebiet zwischen Elbe und Neiße nach Angaben des Sächsischen Oberbergamtes noch rund 13 Milliarden Tonnen Braunkohle. Und die Pläne für den Abbau sind schon gemacht. So will Vattenfall den Tagebau Welzow-Süd (210 Millionen Tonnen Kohle nach Unternehmensangaben) und den Tagebau Nochten (300 Mio Tonnen) erweitern. Zusätzlich plant der Konzern weitere Aktivitäten in den Tagebauen Jänschwalde-Nord (250 Mio Tonnen), Bagenz-Ost (220 Mio Tonnen) sowie Spremberg-Ost (220 Mio Tonnen). Teilweise müssten für die Erschließung dieser Kohlevorkommen auch wieder Ortschaften abgebaggert werden.
Angesichts der Debatten um die Notwendigkeit einer Energiewende hält die sächsische Regierung derweil an einem überholten Energiekonzept von 2004 fest. Die Potenziale der sächsischen Braunkohle seien auch zukünftig unabdingbarer und notwendiger Bestandteil einer sicheren, preiswerten und umweltverträglichen Energieversorgung, heißt es darin. Die Kohlevorräte würden für weitere 120 Jahre ausreichen.
In Reaktion auf die Katastrophe von Fukushima beschwor die Regierung unter Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) erneut die "Zukunftsfähigkeit" der Braunkohle. "Die Energiewende in Deutschland", so die Regierung in ihrer Pressemitteilung vom 15. April, "kann nur unter Berücksichtigung der Nutzung der Vorteile der heimischen Braunkohle gelingen."

Das Vattenfall-Kraftwerk Boxberg an der Landesgrenze zwischen Sachsen und Brandenburg. (Foto: Reimer)
Die Fraktion der Grünen im Sächsischen Landtag forderte indessen am 26. April im Landtag ein neues Energieprogramm für das Land. Schon 2030 solle der gesamte Strom allein aus erneuerbaren Energien kommen. "Wenn wir die Klimaschutzziele ernst nehmen", sagte Johannes Lichdi, energie- und klimapolitischer Sprecher der Grünen gegenüber dpa, "müssen wir schnell aus der Braunkohle raus". Er hält einen Ausstieg aus der Kohle schon 2025 für möglich. Da die bestehenden Tagebaue schon jetzt eine Versorgung über 2030 hinaus sicherten, sei es verwerflich, neue Tagebaue zu planen.
Erst vor Kurzem war bekannt geworden, dass auch die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag) den Tagebau Vereinigtes Schleenhain im Süden von Leipzig erweitern will um dort auch nach 2020 noch Kohle abbauen zu können. Allein 2009 wurden in Sachsen 30,5 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert.
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