"The Big Mo" fürs Klima
Fukushima läutet die zweite industrielle Revolution ein: Mit Ausnahme der USA setzen die großen Industrieländer auf Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Damit kommt Bewegung in den Kampf gegen den Klimawandel.
Aus Bangkok Christian Mihatsch
Eigentlich ist alles ganz einfach und McKinsey hat es auch schon durchgerechnet: Um das Klimaproblem zu lösen, müssen wir die CO2-Produktivität verzehnfachen. Das heißt pro Tonne Kohlendioxid-Emissionen müssen zehnmal mehr Produkte oder Dienstleistungen hergestellt werden. Eine derartige Produktivitätssteigerung gab es schon einmal: In der industriellen Revolution wurde die Arbeitsproduktivität verzehnfacht. Für die Unternehmensberatung McKinsey ist die Klimarettung deshalb auch "die zweite industrielle Revolution".

Hier stand der erste mit Koks befeuerte Hochofen und damit die Wiege der industriellen Revolution: Das britische "Coalbrookdale bei Nacht", festgehalten 1801 von Philipp Jakob Loutherbourg
Doch irgendwie schien diese Revolution bislang nicht so richtig in Gang zu kommen. Was fehlte, war das auch in internationalen Klimaverhandlungen so oft beschworene Momentum, die Wucht, Widerstände zu überwinden. Doch genau dieses große Momentum, "The Big Mo", liefert nun ausgerechnet die Atomkatastrophe in Fukushima.
Energiesparen wird in Japan zur nationalen Mission werden, glaubt die Großbank UBS. Denn wenn das Land auf Kohle oder Gas zurückgreifen würde, um den Atomstrom zu ersetzen, wüchse damit auch die Abhängigkeit von Importen. Aber noch ein zweites großes Land mit viel Industrie geht in die gleiche Richtung: Deutschland. Die "hysterische" (Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle, FDP) Reaktion der Deutschen auf das Atomunglück hat zu einer radikalen Kehrtwende in der Energiepolitik geführt. Statt die Laufzeiten für Atomreaktoren zu verlängern, sollen diese nun so schnell wie möglich abgeschaltet werden.
Nationale Mission Energieeffizienz
Dabei spielt es keine Rolle, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) diese Energiewende für sachlich gerechtfertigt hält oder nicht. Ihr scheint plötzlich klar geworden zu sein, dass sie politisch keine andere Wahl hat. Und eine erneute Kehrtwende scheint nach den Landtagswahlen in Süddeutschland nahezu ausgeschlossen. Denn dann würde Merkel den letzten Rest an energiepolitischer Glaubwürdigkeit verspielen und einen gesellschaftlichen Großkonflikt riskieren.
Kurz, Deutschland und Japan, die beiden größten Hightech-Exporteure der Welt, setzen nun verstärkt auf Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Und sie sind nicht allein: Einige kleinere, hochindustrialisierte Länder wie Dänemark oder Südkorea haben schon vor Fukushima ihre eigene Energie-Revolution angestoßen. Und schließlich hat sich auch China, die "Werkbank der Welt", in seinem neuesten Fünf-Jahres-Plan ehrgeizige Energieeffizienz-Ziele gesetzt. Von den Ländern mit viel Industrie sind somit fast alle auf Seiten der CO2-Revolutionäre.

Tokio bei Nacht: Die Großbank UBS glaubt an Energiesparen als neue nationale Mission Japans. (Foto: LuxTonnerre /Wikipedia)
Dazu kommt, dass sich diese Industrie-Länder einen harten Verdrängungswettbewerb liefern. Eine Studie der Pew-Stiftung "Wer gewinnt das Rennen um saubere Energien?" zeigt, dass Deutschland die USA im vergangenen Jahr bei den Investitionen in erneuerbare Energien auf den dritten Platz verwiesen hat. Im Jahr zuvor war bereits China an den USA vorbeigezogen und belegt seither Platz eins.
Weltweit wuchs der Markt um 30 Prozent auf 243 Milliarden Dollar. Mittlerweile nähert sich die Produktionskapazität der erneuerbaren Energien 400 Gigawatt und liegt gleichauf mit der Atomenergie. Aber erneuerbare Energien sind nur die Angebotsseite der CO2-Revolution. Auf der Nachfrageseite stehen Energieeffizienz, Elektrofahrzeuge, schlaue Stromnetze und anderes. Erst wenn alle industriellen Branchen mitziehen, erhält die Revolution die nötige Durchschlagskraft.
Aber genau das ist zu erwarten, wenn Deutschland, Japan, China und viele kleinere Industrie-Länder in dieselbe Kerbe schlagen. Abseits stehen nur die USA: "Die US-Wettbewerbsposition ist in Gefahr", schreibt die Pew-Stiftung. "Die USA dominieren weiterhin beim Wagniskapital für junge Unternehmen und bei den Forschungsausgaben, aber bei der industriellen Fertigung hinken die USA hinter den anderen her."
Fukushima könnte so nicht nur der Startschuss für die CO2-Revolution sein, sondern auch der Anfang vom Ende der USA als Industriemacht. Dem Klima ist letzteres egal - solange es "The Big Mo" auf seiner Seite hat.
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