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Die Chance des Turbo-Ausstiegs

Die Nutzung der Atomkraft könnte eher beendet werden als sich das SPD und Grüne gedacht haben. Dazu werden bereits waghalsige Kostenrechnungen angestellt – doch am Ende wird auch ein schnellerer Ausstieg bezahlbar bleiben

Von Felix Werdermann

Als SPD und Grüne im Jahr 2001 den Atomausstieg beschlossen, sollte es noch 20 Jahre dauern, bis das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet würde. Nun wird erneut über einen Ausstieg diskutiert, und jetzt soll alles viel schneller gehen: Bereits in weniger als zehn Jahren könnte Schluss sein mit der kommerziellen Kernspaltung. Wie kann das sein? Hat Rot-Grün gar nicht den schnellstmöglichen Ausstieg beschlossen?


Atomkraftwerke können auch als sanfte Bauten in der Landschaft fotografiert werden - wenn es denn dem eigenen Zweck nutzt.  (Foto: Eon)

Dass die derzeitige Bundesregierung Grüne und Sozialdemokraten in Sachen Ausstiegsgeschwindigkeit überholen kann, hat verschiedene Gründe. Erstens wurden seit dem Ausstiegsbeschluss mit Stade und Obrigheim bereits zwei Kraftwerke abgeschaltet – allerdings zwei sehr kleine.

Zweitens müssten eigentlich hätten auch schon weitere Uralt-Anlagen abgeschaltet sein sollen – die Betreiber haben es jedoch mit allerlei Tricks geschafft, die Kraftwerke über die letzte Bundestagswahl zu retten. Das lag am Konstruktionsfehler des rot-grünen Ausstiegsgesetzes. Dort wurden keine festen Abschalttermine vereinbart, sondern den Atomreaktoren bestimmte Strommengen zugestanden, die noch produziert werden dürfen, bevor die Anlagen vom Netz müssen. Wenn etwa ein Atomkraftwerk mit niedriger Leistung gefahren wird oder lange stillsteht, verzögert sich das Abschaltdatum.

Drittens orientiert sich die Atompolitik nicht nur an technischen Möglichkeiten, sondern auch an politischen Überlegungen. Rot-Grün gestand den AKW-Betreibern längere Laufzeiten zu, aus Angst, andernfalls Schadenersatzforderungen und Klagen an den Hals zu bekommen. Technisch wäre auch ein schnellerer Ausstieg möglich gewesen. Und er ist es heute noch.

Öko-Institut rechnet Ausstieg für jeden einzelnen Reaktor vor

Der Umweltverband BUND fordert nun, dass in vier Jahren der letzte Reaktor vom Netz genommen wird. Die Deutsche Energieagentur Dena ist immerhin für eine Rücknahme der Laufzeitverlängerungen. Dabei hatte sie in der Vergangenheit mit ihren ständigen Warnungen vor einer Stromlücke eher den Atomkraftfans in die Hände gespielt. Ihre Arbeit wird übrigens zu großen Teilen von der Energiewirtschaft finanziert.

Das Öko-Institut hat vergangene Woche vorgerechnet, wie der Atomausstieg so beschleunigt werden kann, dass Deutschland schon vor dem Jahr 2020 ohne die Hochrisikotechnik auskommt. Insgesamt müssen 17 Atomkraftwerke stillgelegt werden. Acht Reaktoren könnten auf die Schnelle abgeschaltet werden, weil Deutschland im Moment zuviel Strom produziert (und ihn exportiert), obwohl gleichzeitig noch Kraftwerke stillstehen. Zwei weitere AKW-Blöcke könnten durch die sogenannte "Kaltreserve" ersetzt werden. Das sind (fossile) Kraftwerke, die im Prinzip einsatzbereit sind und derzeit nicht angeschaltet werden, weil ohnehin genug Strom produziert wird.

Weil momentan trotzdem neue Kraftwerke gebaut werden, kommen noch Kapazitäten hinzu, die zwei weitere Reaktoren überflüssig machen. Durch Maßnahmen zum so genannten Lastmanagement können noch zwei Blöcke stillgelegt werden. Dabei geht es darum, den Stromverbrauch über die Zeit etwas gleichmäßiger zu verteilen, um den Spitzenwert zu senken. Schließlich muss soviel Leistung installiert sein, dass auch in Zeiten mit dem höchsten Verbraucht genug Strom da ist. All diese 14 Reaktoren könnten laut Öko-Institut bereits 2013, also in zwei Jahren, abgeschaltet sein. Die letzten drei Blöcke könnten in den folgenden Jahren, aber noch vor 2020, durch neue Biomasse- oder Gaskraftwerke ersetzt werden.

BMU-"Leitstudie" zeigt: Ausstieg bis 2020 problemlos möglich

Dass Deutschland im Jahr 2020 bereits atomkraftfrei sein kann, lässt auch die "Leitstudie 2010" erahnen, die das Bundesumweltministerium (BMU) in Auftrag gegeben hat. Dort werden verschiedene Szenarien durchgespielt, unter anderem, was passiert, wenn es beim rot-grünen Atomausstieg bliebe. Dann wäre Atomstrom bis 2020 auf etwa ein Fünftel seines heutigen Anteils geschrumpft, die Kapazitäten lägen bei vier Gigawatt. Zum Vergleich: Die Erneuerbaren kämen auf über 110 Gigawatt. Michael Sterner, einer der Autoren, sagt: "Wenn man die BMU-Szenarien nur geringfügig anpasst, ist ein Ausstieg aus der Kernenergie schon bis 2020 problemlos möglich."


Wann gehört die Zukunft den Erneuerbaren? (Foto: Paul Langrock)

Inzwischen lässt sich das nur schwer leugnen. Mit dem vorläufigen Abschalten der ältesten Reaktoren ist selbst für bislang unbelehrbare Atomkraftfans offensichtlich geworden, dass die Laufzeitverlängerungen überflüssig waren. Um nicht ganz auf verlorenem Posten zu stehen, bemühen Atomlobbyisten nun das Kostenargument. "Ein schnellerer Umbau unserer Energieversorgung hin zu den Erneuerbaren ist nicht zum Nulltarif zu haben", sagt etwa Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). Konkrete Zahlen nennt er nicht.

Waghalsige Rechnung kommt auf 170 Milliarden Euro Kosten

Die liefert jedoch Spiegel Online mit einer waghalsigen Rechnung. "Turbo-Ausstieg würde 170 Milliarden Euro kosten", ist der Artikel überschrieben, der sich auf die BMU-Leitstudie bezieht. "Turbo" meint hier einen Ausstieg bis 2020 und fast die gesamten Kosten ergeben sich aus den erwarteten Investitionen in die regenerative Stromproduktion. Die werden allerdings ohnehin früher oder später getätigt, und sie sind auch keine Folge des Atomausstiegs, sondern notwendig für den Übergang von fossil-nuklearen hin zu erneuerbaren Energieträgern. Zuvor kam Spiegel Online gar auf 230 Milliarden, in einer älteren Version des Artikels wurden auch die Investitionen in erneuerbare Wärme mitgerechnet.

Interessant wären die Kosten eines schnellen Abschaltens im Vergleich zum rot-grünen Atomausstieg und zu den schwarz-gelben Laufzeitverlängerungen. Eine solche Berechnung wäre allerdings mit vielen Unsicherheiten behaftet: Würden die AKW durch fossile oder erneuerbare Energieträger ersetzt? Wie entwickelt sich der Preis für die Kohlendioxid-Zertifikate? Inwieweit entfallen Nachrüstungen für die Reaktoren?

Strompreis dürfte sich höchstens um wenige Prozent erhöhen

Trotz aller Unwägbarkeiten wird auch ein zügiger Ausstieg bezahlbar bleiben. In den umstrittenen Energieszenarien für die Bundesregierung lassen längere AKW-Laufzeiten die Strompreise sinken. Bei zwölf Jahren mehr für alle Reaktoren sparen Privathaushalte demnach bis zu 0,7 Cent pro Kilowattstunde, das entspricht etwa drei Prozent des Strompreises. Kehrt die Politik nun wieder um zum rot-grünen Atomausstieg, müssten die Verbraucher womöglich diesen Aufpreis zahlen. Die Auswirkungen dürften jedoch überschaubar bleiben, wenn zusätzlich die drei oder vier letzten Reaktoren fünf Jahre früher abgeschaltet werden. Und viel mehr ist gar nicht nötig für einen "Turbo-Ausstieg".

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