Warten auf das "Glühwürmchen Nr. 3"

Die Welt nach Fukushima: In einer kleinen Serie beleuchtet klimaretter.info, welche Auswirkungen das Reaktorunglück auf die Atompläne einzelner Länder hat. Heute: Brasilien, dessen Präsidentin Dilma Rousseff sich "tief besorgt" von den Erdbebenfolgen zeigt.

Aus Porto Alegre Gerhard Dilger

In Brasilien ist die Atomdebatte wieder aufgeflammt. Ende März zogen Protestierende auf einem "Trauermarsch" durch den AKW-Standort Angra dos Reis westlich von Rio. Tags darauf fand in Brasília eine Anhörung über das brasilianische Atomprogramm statt, bei der Sicherheitsfragen im Vordergrund standen.


Atomkraftwerk in Angra dos Reis, Brasilien. Block 3 soll mit Hilfe einer deutschen Hermes-Bürgschaft gebaut werden. (Foto: Eletronuclear) 

Die Befürworter waren in der Überzahl. "Wir müssen mit aller Transparenz diskutieren, wie wir diese Energie verantwortungsvoll nutzen, anstatt auf Organisationen mit ausländischem Namen zu hören, die uns sagen, wie wir in unserem Land vorzugehen haben", sagte Othon Luiz Pinheiro da Silva, der Chef der staatlichen Atomfirma Eletronuclear.

Ricardo Baitelo von Greenpeace wies auf Sicherheitsmängel sowie Kontrolldefizite hin. "Brasilien kann warten", meinte der renommierte Physiker Luiz Pinguelli Rosa, ab 2020 gäbe es wahrscheinlich sicherere Atomkraftwerke der dritten und vierten Generation.

Vor der Katastrophe in Japan schienen die Weichen gestellt: 2006 hatte der damalige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva das Atomprogramm neu belebt, das bisher vor allem viel Geld gekostet hat: An einer malerischen Bucht zwischen Rio de Janeiro und São Paulo ist der überalterte Westinghouse-Reaktor Angra 1 mit dem Spitznamen "Glühwürmchen" in Betrieb, seit zehn Jahren das Siemens-AKW Angra 2. Der Zwillingsreaktor Angra 3, dessen Bauteile seit gut 30 Jahren dort lagern, wird seit 2010 fertiggebaut. Es handelt sich in allen Fällen um Druckwasserreaktoren.

Lula: Atomkraft wichtig für brasilianischen Energiemix

Proteste und Sicherheitsbedenken pflegte Lula unbekümmert zur Seite zu wischen. Die Atomkraft sei für die Diversifizierung von Brasiliens Energiemix notwendig, hieß es. Der südamerikanische Riese deckt drei Viertel seines Strombedarfs aus Wasserkraftwerken, die AKW in Angra sind für drei Prozent verantwortlich. Das Potenzial für Wind- und Solarkraft ist enorm, wird jedoch kaum genutzt.

Die nukleare Option hat auch geopolitische Gründe. Brasilien müsse die riesigen Erdölvorkommen vor der Atlantikküste mit Atom-U-Booten schützen, argumentiert Samuel Pinheiro Guimarães, Stratege im Außenministerium. Die Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags in den 90er Jahren sei ein Fehler gewesen, meint er.

Nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima am 11. März kamen widersprüchliche Signale aus der Regierung. Es gebe keinen Grund, von den eigenen Atomprojekten abzurücken, erklärte Energieminister Edson Lobão. Bis 2030 sind vier weitere AKW geplant, zwei im Nordosten, zwei im Südosten des Landes. Sprecher der Atomlobby wiesen auf die Unterschiede zwischen Japan und Brasilien hin und mokierten sich über die "emotionalen Maßnahmen" europäischer Regierungen.

Vorsichtiger zeigte sich Präsidentin Dilma Rousseff. Sie sei "extrem besorgt, auch über die Auswirkungen auf unsere Politik", erklärte Präsidentschaftsminister Gilberto Carvalho. Auch Forschungsminister Aloizio Mercadante schloss Änderungen an den Atomplänen nicht aus.

Am Bau von Angra 3 will die Regierung jedoch festhalten, das AKW soll 2015 ans Netz. Dieser Zeitplan werde sich aber wegen der neuen Atomdebatte kaum einhalten lassen, sagen selbst Befürworter voraus.

 
Greenpeace-Protest in Brasília. (Foto: Greenpeace Brasilien)

Im Januar 2010 genehmigte die deutsche Bundesregierung für Angra 3 eine Hermesbürgschaft über 1,3 Milliarden Euro, die Verhandlungen mit den Banken laufen, die Zusage könnte noch zurückgenommen werden. Ein Antrag von SPD und Grünen im Bundestag, die Hermesbürgschaft zurückzuziehen, wurde von der Koalition abgelehnt. "Der nationale Tellerrand bestimmt den atomaren Horizont der schwarz-gelben Koalition", sagte Ute Koczy, entwicklungspolitische Sprecherin der Grünen Bundestagsfraktion. "Die Fassade des 'neuen Atomkurses' der Bundesregierung bröckelt", kritisiert die Umweltorganisation urgewald.

Zuvor hatte das Wirtschaftsministerium angekündigt, mit der Regierung Brasiliens noch einmal darüber sprechen zu wollen, "inwieweit sich nach den Ereignissen in Japan Auswirkungen auf die weiteren Verfahren und die anzuwendenden Standards beim Kernkraftwerk Angra 3 ergeben".

Die Welt nach Fukushima - bislang erschien in unserer Serie:

Areva: Die Atomgeschäfte gehen weiter - aus Paris Susanne Götze, aus Berlin Felix Werdermann
Finnland, das Japan des Nordens
- aus Stockholm Reinhard Wolff
In Russland ändert sich nichts
- aus St. Petersburg Angelina Davydova
Schwedens AKW sind keine Japaner
- aus Stockholm Reinhard Wolff

Stars und Stripes und die Atomkraft
- aus Washington Arne Jungjohann
Thais wollen keine Atomkraft mehr
- aus Bangkok Christian Mihatsch
Frankreichs Atomgegner wittern ihre Chance
- aus Paris Susanne Götze

100.000 halten Mahnwache
- aus Berlin Nick Reimer

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