Anzeige

Gundremmingen läuft, läuft und läuft

In Fukushima havarierten Siedewasserreaktoren, in Deutschland mussten alle baugleichen vom Netz. Alle, außer die beiden Blöcke in Gundremmingen. Wieso dürfen diese weiter laufen?

Von Nick Reimer

Eigentlich wollte die Union mit ihrem Atom-Moratorium Handlungswillen und Verantwortung demonstrieren. Acht deutsche Reaktoren gingen nach Regierungswillen am Wochenende zur Prüfung vom Netz – und ausgerechnet die beiden Siedewasser-Reaktoren in Gundremmingen dürfen weiter Atomkerne zur Stromerzeugung spalten. Die Technologie ist baugleich mit der im japanischen Fukushima. Und genauso wie heute in Fukushima kam es vor mehr als 30 Jahren in Gundremmingen zum bislang schwersten Reaktorunfall in der bundesrepublikanischen Atom-Geschichte.


Weihnachten im Atomkraftwerk: Hier die Schaltwarte von Gundremmingen. Das liegt übrigens zwischen Augsburg und Ulm. (Foto: Kernkraftwerk Gundremmingen)

Am 13. Januar 1977 hatte der Winter in Bayern jede Menge Raureif in die Landschaft gezaubert, so viel, dass die Stromleitungen zum Atomblock A in Gundremmingen unter der Raureiflast rissen. Der im Reaktor produzierte Strom konnte nicht mehr abfließen, es gab ja keine Verbindung zum Stromnetz mehr. Zwar schaltete sich Block A noch selbst korrekt ab. Dann aber versagte die Kette der sicherheitstechnischen Systeme: Die Energie, die der Reaktor weiter freisetzte, brachte den Reaktorkern zum Totalschaden. Nie wieder sollte Block A des Atomkraftwerks Grundremmingen ans Netz gehen können.

Es ist die Technologie, die Siedewasserreaktoren besonders anfällig macht: Im Gegenteil zu den moderneren Druckwasserreaktoren haben sie den Nachteil, dass ihr Kühlwassersystem nicht auf den radioaktiven Kreislauf im Sicherheitsbehälter beschränkt ist. Das bedeutet: Im Falle eines Störfalls im Reaktorkern ist der Austritt von Radioaktivität wahrscheinlicher als in einem moderneren Druckwasserreaktor. Da der Primärkreislauf eines Siedewasserreaktors den Sicherheitsbehälter verlässt und der gesamte Dampfkreislauf radioaktiv ist, kann etwa ein Defekt im Rohrleitungssystem zum Beispiel im Maschinenhaus Radioaktivität freisetzen.

Wegen dieser Gefahr wurden in Deutschland bislang viele Siedewasserreaktoren vom Netz genommen: Das Atomkraftwerk Lingen genauso wie das in Würgassen, die Versuchs-Reaktoren in Großwelzheim (Bayern) und Kahl (Hessen). Und seit dem Wochenende sind nun auch die Siedewasserreaktoren Philippsburg und Isar 1 vom Netz. Nur die beiden in Gundremmingen dürfen weiter laufen – ohne Prüfauftrag.


Diese Herren zeichnen verantwortlich für den alten Kasten und sind wahnsinnig stolz darauf, dass er nun schon 250.000.000.000 Kilowattstunden auf dem Buckel hat. (Foto: Kernkraftwerk Gundremmingen)

Es stimmt, die Gundremminger Reaktoren sind die modernsten der Siedewasserbaureihe, ihre Sicherheitssysteme wurden gegenüber der sogenannten Baulinie 69 verbessert, auf die Baulinie 72. Das bedeutet: In Gundremmingen herrscht ein Sicherheitskonzept auf dem Stand von 1972.

Es stimmt auch, dass es in Westbayern keine Tsunamis gibt. Dafür aber die Wetterlage Vb: Extrem wasserreiche Luftmassen aus dem Mittelmeerraum regnen sich immer häufiger in Mitteleuropa ab. Oderflut, Donauflut, Elbeflut oder zuletzt die Flut an Neiße und Schwarzer Elster – stets waren Vb-Wetterlagen verantwortlich. Und wegen der Erderwärmung – sagen Meteorologen voraus – wird sich die Intensität solcher Extremwetterereignisse spürbar verschärfen.

Der Kraftwerksstandort Gundremmingen liegt im Donautal, 500 Meter Luftlinie vom Fluss entfernt. Für das Unglück in Fukushima war eine riesige Tsunami-Welle verantwortlich, die die Notstromaggregate außer Gefecht setzte. Gleiches könnte eine Donauflut in Gundremmingen anrichten. Einziger Unterschied in der Ausgangslage zu Fukushima: Dort war es salziges Meerwasser.


Blick in den für den Brennelementwechsel gefluteten und geöffneten Reaktordruckbehälter von Block B des AKW Gundremmingen. (Foto: Kernkraftwerk Gundremmingen)

Die beiden Reaktoren im Überblick:

Reaktor Gundremmingen B

Reaktortyp/Baureihe: Siedewasserreaktor, Baulinie 72
Nennleistung: 1.344 Megawatt Brutto/1.284 Megawatt Netto
Inbetriebnahme: März 1984
Betreiber: RWE (Eon mit 25 % Minderheit) 

Reaktor Gundremmingen C

Reaktortyp/Baureihe: Siedewasserreaktor, Baulinie 72
Nennleistung: 1.344 Megawatt Brutto/1.288 Megawatt Netto 
Inbetriebnahme: Oktober 1984
Betreiber: RWE (Eon mit 25 % Minderheit) 

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen