In Russland ändert sich nichts

Die Welt nach Fukushima: In einer kleinen Serie beleuchtet klimaretter.info, welche Auswirkungen das Reaktorunglück auf die Atompläne einzelner Länder hat. Heute: Russland, dass seine AKW für sicher erklärt.

Aus Moskau Angelina Davydova

Nichts Neues aus dem Kreml: Nach dem Atom-Unglück in Japan hält Russland an seinen Plänen zum Ausbau der Atomkraft fest. Ministerpräsident Wladimir Putin erklärte, Russland wolle weiterhin neue Kraftwerke im eigenen Land bauen. Russland plant außerdem Atomkraftwerke auf schwimmenden Plattformen im In- und Ausland. Während seines Besuchs in Minsk in der vergangenen Woche, erklärte Putin darüber hinaus, Russland werde auch für die weißrussische Regierung ein Atomkraftwerk bauen. Die nötigen Finanzmittel sollen in Form eines Kredits zur Verfügung gestellt werden.


Die Wiege aller AKW: Im russischen Obninsk ging 1954 das weltweit erste kommerzielle Atomkraftwerk in Betrieb. Hier ein Blick in die Schaltzentrale. (Alle Fotos: 28-300.ru)

Russland hat zehn Atomkraftwerke mit insgesamt 32 Reaktoren und einer Gesamtleistung von 24,2 Gigawatt am Netz. 16 Prozent der Elektrizität werden durch Atomkraft gedeckt, wobei der Prozentsatz im europäischen Teil mit 30 Prozent wesentlich höher liegt. Bis zum Jahr 2030 sollen allein in Russland 26 neue Atomreaktoren gebaut werden – der staatliche Atomkonzern Rosatom ist Europas zweitgrößter Atomenergie-Konzern nach EDF aus Frankreich.

Auch im Ausland hat Rosatom ambitionierte Pläne – zur Zeit sind fünf AKW im Ausland im Bau, Rosatom hat darüber hinaus weitere 30 Verträge mit verschiedenen Ländern – von Weißrussland und Bulgarien bis zur Türkei und Venezuela. Venezuela will seine Atompläne nun auf Eis legen, Bulgarien hat nach "mehr Sicherheit" in ihren AKW verlangt. Die übrigen Abkommen stehen außer Frage.

"Unsere Position ist klar: Die Technologie hat zahlreiche Sicherheitsüberprüfungen hinter sich und hat sowohl in allen Tests als auch in der Praxis gut abgeschnitten", sagte Rosatom-Sprecher Sergej Nowikov. Als Beispiele nannte er das von seinem Konzern gebaute Atomkraftwerk Kudankulam in Indien, das 2004 den Tsunami unbeschadet überstand, außerdem das Rosatom-AKW Medzamor in Armenien, das 1988 ein Erdbeben der Stärke 6,9 überstand, dem 25.000 Menschen zu Opfer gefallen waren.

Am vergangenen Dienstag erklärte Putin während seines Besuchs in der weißrussischen Hauptstadt Minsk, Russland werde auch ein Atomkraftwerk für die weißrussische Regierung bauen. Weißrussland soll dafür einen Kredit von seinem Nachbarland erhalten. "Die Kernenergie selbst wird sich natürlich weiter entwickeln", sagte Putin. Das russische Atomprogramm solle zwar im Laufe der kommenden vier Wochen einer Prüfung unterzogen werden. Die Atomkraftwerke sollen aber so konstruiert werden, dass "im Störfall keine Menschen mehr eingesetzt werden müssen".

"Wir fordern Russland und Weißrussland auf, vor dem Hintergrund dessen, was in Japan passiert, die Atompläne neu zu bewerten", sagt dagegen Wladimir Sliwjak von der Umweltorganisation Ekosaschtschita. "Obwohl es noch zu früh ist, die Ereignisse der japanischen Atomapokalypse zusammenzufassen, wird die Atomkraft weltweit bereits von Grund auf neu bewertet." In den 25 Jahren seit Tschernobyl habe die Atomlobby es geschafft, die Politiker rund um die Welt davon zu überzeugen, dass Atomenergie sicher ist. "Aber in nur vier Tagen in diesem März wurde dieser Mythos total zerstört. Die Pläne Russlands, mit der Atomenergie Geld zu scheffeln, liegen seit Fukushima in Ruinen."

Russische Pläne beziehen auch Atomkraftwerke auf schwimmenden Plattformen mit ein. "Ich habe die Hoffnung, dass die schockierenden Bilder aus Japan die russischen Atomspezialisten dazu bringen werden, die Pläne für schwimmende Atomkraftwerke abzusagen", sagt der russische Biologe und Umweltpolitiker Alexej Jablokow. Die schwimmenden AKW sollen voraussichtlich nicht in Russland, sondern in Indonesien, den Philippinen, Vietnam und anderen Pazifik-Ländern eingesetzt werden. "Reicht der japanische Tsunami nicht, um die heißen Atomköpfe zu kühlen?", fragt Jablokow. Dem Mitbegründer von Greenpeace Russland zufolge können die Folgen des Atom-Unglücks in Japan noch schlimmer ausfallen als bei der Tschernobyl-Katastrophe vor 25 Jahren. "In der Geschichte der Atomkraft ist es bisher noch nie passiert, dass gleichzeitig mehrere Reaktoren kurz vor dem GAU standen", sagt Joblokow.

 

 

Die Welt nach Fukushima - bislang erschien in unserer Serie:
Schwedens AKW sind keine Japaner
- aus Stockholm Reinhard Wolff

Stars und Stripes und die Atomkraft
- aus Washington Arne Jungjohann
Thais wollen keine Atomkraft mehr
- aus Bangkok Christian Mihatsch
Frankreichs Atomgegner wittern ihre Chance
- aus Paris Susanne Götze

100.000 halten Mahnwache
- aus Berlin Nick Reimer

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