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"Kohlekraftwerke könnten einspringen"

Irgendwo muss der Strom ja herkommen: Seit dem Wochenende sind acht Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz. Steigt jetzt die Kohlendioxid-Bilanz der Bundesrepublik, wenn etwa Kohlekraftwerke einspringen müssen? Energiegipfel im Kanzleramt soll heute Ökostrom- und Energiespar-Programm beschließen.

Von Nick Reimer

Die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen hat soeben ihre Daten für das Jahr 2010 vorgelegt. 1971 von der deutschen Energiewirtschaft gegründet, ermittelt die Arbeitsgemeinschaft alljährlich sämtliche Daten zum deutschen Stromverbrauch. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 621 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert.


RWE baut gerade sein Kohlekraftwerk in Hamm aus - um die Atomreaktoren zu ersetzen? (Foto: Michael Schulze von Glaser)

Die Atomkraftwerke trugen zu dieser Menge 140,5 Milliarden Kilowattstunden bei – 22,6 Prozent. Damit sind die 17 Atomreaktoren hinter den Braunkohle-Kraftwerken hierzulande die zweitwichtigsten Stromfabriken. Steinkohle trug als Rohstoff 18,7 Prozent bei, die regenerativen Kraftwerke lieferten 16,5 Prozent des Stromes. Fast ein Viertel des Stromes kommt also in Deutschland aus der Kernspaltung.

Wenn die acht ältesten Reaktoren nun vom Netz getrennt sind- wer springt dann für den zu produzierenden Strom ein? Und: Wie wirkt sich das auf die Klimabilanz aus?

"Der vorhandene Kraftwerkspark könnte Teile der atomare Produktionsleistung problemlos auffangen", sagt Holger Krawinkel, Energieexperte des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Gas- oder Steinkohlekraftwerke etwa, die nicht ständig am Netz sind, sondern als so genannte Regelkraftwerke "in Bereitschaft" stehen.

"Prinzipiell können Steinkohle- oder Gaskraftwerke einspringen, aber nicht sofort", urteilt dagegen Uwe Maaßen, Sprecher des Deutschen Braunkohle-Industrie-Verbandes. Steinkohle komme heutzutage überwiegend aus Australien, Südafrika oder Kolumbien, "allein der Anfahrtsweg nimmt ein, zwei Monate in Anspruch", so Maaßen. Zudem müssten Lieferverträge abgeschlossen werden, sowohl für Erdgas als auch für Steinkohle sind das langfristige Kontrakte, die entsprechende Vorbereitungszeit bräuchten. Maaßen sagt, dass sich Deutschland auf ein Steigen seiner Kohlendioxid-Emissionen einstellen müsste. Aber dazu meint Krawinkel: "Alles kann man nun mal nicht haben".

Bis 2012 muss die Bundesrepublik nach dem Kyoto-Protokoll ihren Ausstoß 21 Prozent unter die Marke von 1990 senken. Dem Ziel war man zuletzt schon sehr nahe. Gefährdet die abrupte Atom-Ausstiegspolitik der Regierung also das deutsche Kyoto-Ziel?

Zunächst: Es müssen gar nicht acht Atomkraftwerke vom Netz. Die Pannenreaktoren Krümmel und Brunsbüttel sind schon seit 2007 abgeschaltet. Damals war es in Krümmel zu einem Brand in den Notstromdieselaggregaten gekommen, was eine Schnellabschaltung nach sich zog. Mit verheerenden Folgen und bis heute ungeklärten Ursachen: Auch der Reaktor in Brunsbüttel war in Mitleidenschaft gezogen worden. Im Netz kam es zum Kurzschluss, der etwa in Hamburg über tausend Ampeln zerstörte und elektrische Türen von Einkaufszentren lahm legte.

Zudem hat die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen einen sogenannten "Stromüberschuss" berechnet. 2010 verkauften deutsche Stromproduzenten 17 Milliarden Kilowattstunden ins Ausland. Ein Trend, der seit Jahren anhält: Deutschland hat enorme Überkapazitäten, sich schon vor Jahren vom Stromimporteur zum -exporteur entwickelt. 17 Milliarden Kilowattstunden entsprechen etwa der Jahresnettostromproduktion der beiden Reaktorblöcke in Philippsburg. Block 1 soll nach Regierungsvorstellungen genauso für drei Monate vom Netz wie die beiden Blöcke in Biblis (Betreiber RWE), die Eon-Reaktoren Unterweser und Isar 1 sowie der von EnBW betriebene Block Neckarwestheim 1.


Das RWE-Braunkohlekraftwerk in Niederaußem - eine der größten Kohlendioxid-Quellen Europas. (Foto: wikipedia)

Faktisch also muss die Leistung von vier Atomkraftwerken kurzfristig ersetzt werden. Experten von "8 KU", einer Kooperation von acht kommunalen Energiekonzernen, glauben, dass dies mit erneuerbaren Energien und Kraft-Wärme-Kopplung sehr wohl machbar ist. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch ein Gutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen.

Allerdings muss dafür investiert werden: Olav Hohmeyer, Energieexperte des Rates für Umweltfragen, fordert deshalb eine komplette Rücknahme der Laufzeitverlängerung. Die Investoren bräuchten Planungssicherheit und diese sei mit dem Weiterbetrieb der AKW nicht vereinbar - weil nicht klar sei, ob regenerative Kraftwerke ihr Produkt - also den Strom - künftig auch verkauft bekämen. Das Netz ist voll mit Atomstrom, der Ausbau von Leitungsnetzen und Speichersystemen gilt als größte Herausforderung beim Übergang in das Zeitalter der regenerativen Stromversorgung.

Eine Studie des Ökoisntitutes kommt zu dem Schluss, dass das Abschalten wesentlich unproblematischer ist und mittelfristig auch ohne mehr Kohlekraft vollzogen werden kann. "Zehn Kernkraftwerke können sofort abgeschaltet werden, vier Kraftwerke bis 2013 und die verbliebenen drei Kernkraftwerke im zweiten Drittel der Dekade“, fasst Energieexperte Felix Christian Matthes das Ergebnis der Studie zusammen. Allerdings räumt auch Matthes ein, dass das "sehr kurzfristige" Abschalten nur mit dem Anschmeißen von fossilen Reservekapazitäten machbar ist. In nichtfossile Kapazitäten müsse erst investiert werden.

In ihrem Aktionsplan "Erneuerbare Energie" geht die Bundesregierung davon aus, dass im Jahr 2020 in Deutschland 38,6 Prozent des Stroms aus grünen Kraftwerken kommen. Die Branche selbst glaubt dann sogar deutlich über 40 Prozent ins Netz einspeisen zu können. Heute will die Bundesregierung ja auch noch ein Ökostrom- und Energiespar-Programm auflegen: Kanzlerin Angela Merkel hat für ins Kanzleramt die fünf Unions-Ministerpräsidenten geladen, in deren  Ländern Atomkraftwerke laufen. Anwesend sein werden auch  Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) und Umweltminister Norbert Röttgen (CDU). 

Es soll diesmal tatsächlich beraten werden, wie der Ausbau der regenerativen Stromwirtschaft beschleunigt werden kann. Wer hätte das vor einem halben Jahr gedacht.

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