Thais wollen keine Atomkraft mehr

Die Welt nach Fukushima: Auf keinem Kontinent sind so viele Atomkraftwerke im Bau wie in Asien. Während in Thailand die Regierung aber nun auf Distanz zu den Bauplänen geht, halten die meisten Länder weiter an der Nukleartechnik fest.

Aus Bangkok Christian Mihatsch

Der thailändische Ministerpräsident Abhisit Vejjajiva lässt mitteilen, er sei schon vor dem Atomunglück in Japan gegen Atomkraftwerke gewesen. Das erstaunt, denn der Plan der thailändischen Regierung sah bislang vor, fünf Atomkraftwerke zu bauen. Zur Zeit hat das südostasiatische Königreich keinen einzigen Atomreaktor, aber der AKW-Bauboom in Asien hat auch bei den thailändischen Stromerzeugern den Appetit auf Atomstrom geweckt. Und so begannen die Planungsarbeiten.


Notstand im japanischen Atomkraftwerk Fukushima kurz nach einer Explosion am Montag. (Foto: DigitalGlobe-Imagery)

Doch nun spricht ein Regierungsmitarbeiter gegenüber klimaretter.info schon vom Plan B: "Der Alternativplan sieht vor, 13 Kohlekraftwerke statt nur neun und ein zusätzliches Gaskraftwerk zu errichten. Das wird die Stromgebühren erhöhen. Noch wichtiger ist aber: Es gibt auch Widerstand gegen Kohlekraftwerke." Und diesen Widerstand fürchtet die Regierung. Denn langanhaltende Demonstrationen gegen große Infrastrukturprojekte wie Dämme und Pipelines haben in Thailand Tradition.

Anders sieht es derweil beim großen Nachbarn Indonesien aus: Die dortige Regierung will vorerst an ihren Atomplänen festhalten. Das Inselreich plant trotz Vulkanen, Erdbeben und Tsunamis den Bau von zwei Anlagen. Aber auch hier lässt sich der Chef der staatlichen Atomenergiebehörde ein Hintertürchen offen: "Wenn die Menschen den Bau ablehnen, dann können wir den Plan nicht erzwingen."

Diese Befürchtungen gibt es in Vietnam nicht: "Ich glaube nicht, dass das Ereignis in Japan Folgen für die Nuklearpläne in Vietnam hat." sagt der Chef der vietnamesischen Atombehörde gegenüber dem Dow Jones Newswire. Das Land will acht Atomkraftwerke errichten.

China: 27 Atomkraftwerke im Bau und 50 in Planung

Ausschlaggebend für die Zukunft der Atomindustrie in Asien sind aber nicht die eher kleinen südostasiatischen Länder, sondern China, Indien, Japan, Südkorea. In China sind 27 Anlagen im Bau und 50 weitere in der Planungsphase. "Der Plan und der Wille zu dessen Durchsetzung werden sich nicht ändern", sagt Zhang Lijun, der Vize-Umweltminister. Der größte Energieverbraucher der Welt verkündete ausgerechnet an diesem Montag, dass die Volksrepublik in jedem Fall an ihren ehrgeizigen Pläne festhalte.

Und der südkoreanische Präsident streicht heraus, dass Atomkraftwerke auch ein wichtiges Exportprodukt sind: "Südkoreanische Kraftwerke werden ein gutes Modell für den Mittleren Osten sein", sagte Lee Myung-Bak während eines Aufenthalts in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dort haben die Scheichs gerade vier Atomkraftwerke südkoreanischer Bauart geordert.


Greenpeace-Aktivisten protestieren gegen Atomkraft in Thailand. (Foto: Roengchai Kongmuang / Greenpeace)

Einzig in Indien ist der Ton etwas nachdenklicher. Dort will man die Sicherheit der bestehenden zwanzig Atommeiler überprüfen. Was mit den Plänen für zwanzig weitere Kraftwerke geschehen soll, ist aber noch unklar.

Alle Länder der Region stehen dabei vor einem ähnlichen Dilemma: Der Stromverbrauch steigt rasant, doch der Bau von Kohlekraftwerken verschlimmert die Luftverschmutzung und vergrößert die Abhängigkeit von Energieimporten. Außerdem befeuern Kohlereaktoren den Klimawandel. Und so schien Atomenergie die perfekte Lösung.

Ob das so bleibt, ist aber fraglich: "Alle halten die Japaner für die sorgfältigsten Menschen in Asien. Wenn nun selbst die Japaner nicht für die Sicherheit ihrer Reaktoren sorgen können, dann wird dies die Sicherheitsbedenken in der Region verschärfen", sagt Simon Tan, der Chef des Singapore Institute of International Affairs, ein außenpolitischer Think Tank des Landes.

 

Die Welt nach Fukushima - bislang erschien in unserer Serie:

Atom-Umfrage: Umdenken, weltweit - von Felix Werdermann
Atombehörde: Japan am Pranger
- aus Berlin Nick Reimer
Frankreich: "Areva hau ab"
- aus Paris Susanne Götze
Ukraine: Tschernobyl - war da was?
- aus Kiew Nick Reimer
Japan: Der Widerstand wächst
- aus Tokyo Suvendrini Kakuchi

Afrikas atomare Träume - aus Nairobi Marc Engelhardt
Arevas Atomgeschäfte - S. Götze (Paris), F. Werdermann (Berlin)
Warten auf das Glühwürmchen Nr. 3
- aus Porto Alegre Gerhard Dilger
Finnland, das Japan des Nordens
- aus Stockholm Reinhard Wolff

In Russland ändert sich nichts
- aus St. Petersburg Angelina Davydova

Schwedens AKW sind keine Japaner
- aus Stockholm Reinhard Wolff

Stars und Stripes und die Atomkraft
- aus Washington Arne Jungjohann
Thais wollen keine Atomkraft mehr
- aus Bangkok Christian Mihatsch
Frankreichs Atomgegner wittern ihre Chance
- aus Paris Susanne Götze

100.000 halten Mahnwache
- aus Berlin Nick Reimer

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