Atomalarm in Japan ausgelöst

Havarie des Atomkraftwerks Fukushima: Am Samstag Vormittag kam es zu einer Explosion, die das Reaktorgebäude zerstörte. Die japanische Regierung hat eine Kernschmelze zunächst bestätigt, später jedoch wieder dementiert. Unklar ist zurzeit auch, wie der Zustand von vier weiteren AKWs und einer Wiederaufarbeitungsanlage ist, in denen ebenfalls Probleme gemeldet wurden.

Von Hanno Böck

Es begann gestern Mittag: Durch ein Erdbeben der Stärke 8,9 in Japan wurde die Stromversorgung zum Atomkraftwerk Fukushima 1 unterbrochen. Im Kraftwerk Onagawa wurde ein Turbinenbrand gemeldet, der jedoch schnell wieder gelöscht werden konnte. Brennzlig blieb die Situation in Fukushima. Im Normalfall springen bei einem Stromausfall Dieselgeneratoren ein, um den Kühlkreislauf aufrecht zu erhalten. Doch sämtliche Generatoren in Fukushima waren beschädigt – die Kühlung lief mit einer Notbatterie. Wenig später wurde gemeldet, im Kontrollraum des Reaktors sei eine tausendfach erhöhte Strahlung gemessen worden.
Bilder der Explosion in Fukushima. (Foto: Channel4)

Samstag früh dann die Hiobsbotschaft: Verschiedene Fernsehsender zeigten Bilder einer Explosion und Rauchschwaden, deren Ursache bislang unbekannt ist. Das Betongebäude um den Reaktorkern wurde zerstört. Nach Angaben der japanischen Behörden ist der Reaktordruckbehälter bislang nicht beschädigt. Doch die Vertrauenswürdigkeit japanischer Behördenaussagen ist zur Stunde sehr zweifelhaft – so wurde auch die Explosion zunächst dementiert, später behauptet, es sei nicht das Kraftwerksgebäude selbst betroffen gewesen – beides erwies sich als falsch.

Nach wie vor gibt es keine konkreten Angaben darüber, ob es in Fukushima zu einer Kernschmelze kam. Zurzeit wird versucht, den Reaktorkern mit Meerwasser zu kühlen. Inzwischen wurden 20 Kilometer um das Kraftwerk evakuiert und es werden Jodtabletten an die Bevölkerung verteilt.

Samstag früh gab es ebenfalls eine Meldung, dass es in insgesamt fünf Atomkraftwerken sowie in der Wiederaufarbeitungsanlage Rokkasho Probleme mit dem Kühlkreislauf gibt. Allerdings ist weder bekannt, um welche Standorte es sich handelt, noch, wie die Situation sich dort entwickelt.

Der Betreiber des Atomkraftwerks Fukushima, die Firma Tepco (Tokyo Electric Power Company), galt schon vor den Vorfällen als zwielichtig. Im Jahr 2003 wurde bekannt, dass in großem Maßstab Wartungsdokumente gefälscht wurden. Daraufhin wurden 17 Reaktoren von Tepco kurzzeitig abgeschaltet. Die Katastrophe in Fukushima 1 ist insofern besonders tragisch, da der Reaktor sowieso kurz vor dem Ende seiner Lebensdauer stand – er sollte Ende März stillgelegt werden.

Die UNO teilte am späten Sonntag mit, dass mittlerweile fast 600.000 Menschen evakuiert worden. Ds UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Hilfe OCHA bilanzierte am Sonntag  380.000 Japaner, die aus den Tsunami-Gebieten in mehr als 2.000 Notunterkünfte umgesiedelt sind, knapp 220.000 Menschen wurden wegen des ausgerufenen Atomalarms aus dem Umkreis der Fukushima-Atomkraftwerke umgesiedelt.


In Stuttgart, Berlin und anderswo fordern Demonstranten den Atomausstieg. (Foto: Böck)

Bundeskanzlerin Merkel erklärte am Abend, man werde die Katastrophe zum Anlass nehmen, die Sicherheit deutscher AKWs "zu überprüfen". Vor dem Kanzleramt protestierten unterdessen etwa tausend Menschen gegen Atomkraft. Hier wurden auch erste Stimmen laut, die forderten, man dürfe sich nicht wieder wie beim rot-grün Atomkonsens auf einen halbgaren Kompromiss einlassen. Jetzt müsse der Sofortausstieg auf die Tagesordnung, sagte ein Redner.

Weitere aktuelle Informationen: GreenpeaceIAEANHK (japanischer Sender)

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