Mondlandung unter Krebsverdacht
Norwegen verschiebt erneut den Bau seiner ersten CCS-Anlage für das Kraftwerk Mongstad und will Gesundheitsrisiken aus der Rauchgaswäsche mit Aminen überprüfen.
Aus Stockholm Reinhard Wolff
Norwegen hat seine "Mondlandung" auf die lange Bank geschoben. Wieder einmal. Diesmal sind seit Jahrzehnten bekannte Gesundheitsgefahren mit der Technik die Begründung dafür. Geplant ist Norwegens erste Anlage zur Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid für Mongstad, ein grosses Gaskraftwerk an der Westküste. Und diese CCS-Anlage (Carbon Dioxide Capture and Storage) hätte eigentlich schon im vergangenen Jahr in Betrieb gehen sollen.

Am Kraftwerksstandort Mongstad wollte Norwegen eigentlich CCS-Geschichte schreiben. (Fotos: Statoil)
"Unsere Mondlandung": Reichlich voll hatte Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg in seiner Neujahrsansprache 2006 den Mund genommen. Das Land werde die CCS-Technik nicht erst lange testen, sondern gleich mit einem Großprojekt einsteigen. In Mongstad solle das Kohlendioxid abgetrennt und per Rohrleitungen in leergepumpten Öllagerstätten unter dem Nordseeboden "auf ewig" verschwinden. Entsprechende Anlagen an anderen Kraftwerken sollten Norwegens Energieproduktion gänzlich "CO2-frei" machen.
Mögliche Gesundheitsrisiken durch Rauchgaswäsche mit Aminen
Damit das alles reibungslos klappen werde, wollte man auf "erprobte" Technik bauen: Die CO2-Wäsche. Mit Hilfe von Aminen wird dabei das Kohlendioxid aus dem Rauchgas der Kraftwerke "herausgewaschen". In Absorbern bindet sich CO2 an Aminmoleküle und wird in einem zweiten Schritt, in Desorbern, von diesen wieder abgespalten. In der Gießereitechnik ist die Verwendung von Aminen als Katalysatoren eine altbekannte Technik. Und bekannt sind auch die Gesundheitsrisiken. Aromatische Amine sind nach Asbest und ionisierender Strahlung die dritthäufigste Ursache für beruflich bedingte Krebserkrankungen.

Ursprünglich sollte das CCS-Projekt am Standort Mongstad bereits 2010 in Betrieb gehen
Warnungen von Fachleuten vor dieser "Waschtechnik" wurden überhört. Die heimische "Aker Clean Carbon" versprach, die Probleme seien lösbar. Eine von der deutschen Siemens angebotene Alternativlösung mit Einsatz von Aminosäuresalz wurde als unerprobt abgelehnt. Diese wird derzeit im Eon Kohlekraftwerk Staudinger beim hessischen Großkrotzenburg in kleinerer Skala getestet. Laut Siemens mit guten Ergebnissen und ohne die Gesundheitsgefahren, die mit dem Einsatz von Aminen verbunden sind. Vattenfall erprobt bei seiner CCS-Pilotanlage beim Kraftwerk Schwarze Pumpe mit dem Oxyfuel-Verfahren wiederum eine andere CCS-Technik.
Investitionsentscheidung soll bis 2016 getroffen werden
In Norwegen sollen nun erst einmal weitere Erkenntnisse über mögliche negative Gesundheitsauswirkungen der "Aminen-Wäsche" auf Umwelt und Menschen gesammelt werden. Schon jetzt ganz aus dieser Technik aussteigen will man laut Eli Aamot, Forschungschefin bei Statoil, der Betreiberin des Kraftwerks Mongstad, nicht, "da auch Alternativtechniken noch zu wenig entwickelt sind". Weil es damit nach Einschätzung des Betreibers keine sowohl funktionierende wie unbedenkliche CCS-Technik gibt werde man eine mögliche Investitionsentscheidung erst bis 2016 treffen, teilte das Energieministerium mit. Eine mögliche Inbetriebnahme wäre dann kaum vor 2020 möglich.

Zu teuer und zu wenig ausgereift - das war die Begründung für den ersten Aufschub der norwegischen CCS-Mondlandung
Je nach grundsätzlicher Einstellung zur CCS-Technik führte diese Entscheidung Oslos zu unterschiedlicher Kritik. Die norwegische "Bellona", eine der weltweit wenigen Umweltschutzorganisationen die die CCS-Technik befürwortet, sprach von einer "völlig unnötigen Verzögerung". Statoil übertreibe die Gesundheitsgefahren, meint "Bellona"-Vorsitzender Fredric Hauge. Ständig finde man neue Vorwände, um die Verwirklichung des Projekts weiter zu verzögern. Das gehe auf Kosten des Klimas und der Umwelt. Tatsächlich wolle man sich ganz einfach die Kosten sparen.
Grundsätzliche CCS-Skeptiker wie die Umweltschutzorganisation "Miljøvernforbundet" sehen dagegen ihre von Anfang an geäußerten Bedenken bestätigt: Man solle sich endgültig vom Einsatz fossiler Brennstoffe für die zukünftige Energieproduktion verabschieden.
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