Solarboom in Ontario
In der kanadischen Provinz Ontario hat sich die installierte Solarleistung im vergangenen Jahr verdreifacht. Immer mehr internationale Unternehmen siedeln sich in Kanada an - darunter auch deutsche Firmen.
Aus München Daniela Becker
Weite Flächen, wenig Menschen, Eishockey und Ahornsirup – so die gängige Assoziation zu Kanada. Solarenergie verbinden die wenigsten mit dem Land. Noch nicht. Denn die kanadische Provinz Ontario hat vor knapp fünfzehn Monaten eine Einspeisevergütung für Strom aus erneuerbaren Energien aufgelegt, die den Wirtschaftszweig der erneuerbaren Energien boomen lässt.

Erfolgsrezept für die Photovoltaik: Der Green Energy Act in Ontario. (Foto: Omniwatt)
Der kanadische Solarverband CanSIA schätzt, dass sich die insgesamt installierte Photovoltaik-Leistung in Kanada auf 270 Megawatt erhöht hat. Das ist freilich im Vergleich zu den sieben Gigawatt Neuinstallation in Deutschland nicht viel. Wird berücksichtigt, dass 2009 jedoch nur knapp ein Drittel der jetzigen Solarleistung existierte, ist die Entwicklung aber doch beachtlich.
Bisher 270 Megawatt - bei rasanter Wachstumskurve
Praktisch der gesamte Solarstrom wird in Ontario ins Stromnetz eingespeist. Der Andrang ist dem Green Energy Act geschuldet, den diese kanadische Provinz am 1. Oktober 2009 erlassen hat. Wichtigster Bestandteil ist eine Einspeisevergütung für Strom aus erneuerbaren Energien, die diesen Wirtschaftszweig in der Provinz boomen lässt. Mit Einspeisetarifen, die zwischen 44 und 62 Cent pro Kilowattstunde (in Eurocent: 32-58 Cent/kWh) liegen, werden Solarstromerzeuger üppig entlohnt. Die Vergütung wird wie in Deutschland über 20 Jahre gewährt und über die Strompreise finanziert.
Für dieses Jahr rechnet CanSIA erneut mit einem deutlichen Zuwachs, die Prognosen schwanken zwischen 450 und 700 Megawatt. Insbesondere viele deutsche Unternehmen fassen derzeit in der Provinz Fuß, um an dem neuen "Goldrausch" teilzuhaben und auch die günstige geografische Lage auszunutzen. Denn Ontario ist nicht nur die bevölkerungsreichste und nach Québec die flächenmäßig zweitgrößte Provinz in Kanada, sondern grenzt im Süden an fünf US-Bundesstaaten. Von hier aus lässt sich bequem der gesamte nordamerikanische Markt bedienen.
Nahe Toronto laufen SMA-Wechselrichter vom Band
Eines der Unternehmen, das diese Chance nutzen will, ist der deutsche Wechselrichterhersteller SMA. Seit Dezember laufen in einer neuen Produktionsstätte nahe Toronto SMA-Wechselrichter vom Band. Mittelfristig sollen dort 100 bis 200 Arbeitsplätze geschaffen werden. "Der Bundesstaat Ontario bietet hervorragende Rahmenbedingungen für die erfolgreiche Entwicklung eines nachhaltigen Photovoltaik-Marktes. Das Förderprogramm schafft in Kombination mit überdurchschnittlichen Einstrahlungsbedingungen starke Anreize für Investitionen in die Photovoltaik", begründet Jeanette Klockgether, Bereichsleiterin Vertrieb Übersee bei der SMA Solar Technology AG das Engagement ihres Unternehmens. Tatsächlich liegen die Werte der Sonneneinstrahlung auf dem Niveau von Süddeutschland.

Noch viel Potenzial: Photoltaik findet man in Ontario weniger auf Dächern als auf Freiflächen. (Foto:Flickr/SweetOne)
Diese Wirtschaftsmigration ist von den Macher des Green Energy Act beabsichtigt. Das Gesetz ist – anders als sein deutsches Pendant das Erneuerbare-Energien-Gesetz – klar als Wirtschaftsförderungsinstrument angelegt und soll die regionale Wertschöpfung erhöhen.
Jeder Betreiber einer Solarstromanlage muss nachweisen, dass ein Mindestanteil der Projektkosten in Ontario generiert wird. Der Anteil der "Domestic Content Compliance" liegt seit Anfang des Jahres bei 60 Prozent (vorher 40 Prozent). Dazu hat die Ontario Power Authority (OPA) für jede der verschiedenen Wertsschöpfungsebenen einer Solaranlage Kriterien aufgestellt, die erfüllt sein müssen, um die Anforderungen zu erfüllen. Jeder Ebene ist penibel ein fester Prozentwert zugeordnet. So können Anlagenplaner errechnen, ob sie mit den in Anspruch genommenen Komponenten und Dienstleistungen ausreichend "Local Content" erzeugt haben.
Ein Beispiel: Wechselrichter, die in Ontario montiert, verkabelt und getestet wurden, liefern in einer solchen Rechnung für eine Anlage aus kristallinen Modulen > 10 kW acht Prozentpunkte. "SMA hat sehr eng mit der OPA zusammen gearbeitet, um sicherzustellen, dass alle Domestic Content-Bedingungen erfüllt werden", sagt Klockgether. Der Projektierer kann also einen SMA-Wechselrichter verwenden und Module mit Zellen, die im Land gefertigt wurden (15 Prozentpunkte) und für die das Silizium in Ontario produziert wurde (11 Prozentpunkte), und die Anlage von kanadische Installateure errichten lassen (18 Prozentpunkte), dann sind die geforderten 60 Prozentpunkte erreicht. "Wichtig: Bei den bei den Prozentsätzen kann nicht gefeilscht werden, entweder man bekommt den vollen Prozentsatz oder man bekommt eben gar nichts, wenn die Kriterien nicht erfüllt werden", sagt Terrie Romano, Konsulin für Wirtschaftsangelegenheiten der Provinz Ontario.
Eine solche Subvention der heimischen Wirtschaft wäre in der EU nicht möglich. Der Protest bleibt nicht aus - verschiedene Länder haben bereits die Meinung geäußert, dass die Local-Content-Bedingung gegen die WTO und andere Wirtschaftsabkommen verstoße und versuchen Druck auf Ontario auszuüben, damit die Provinz die Regelung aufhebt.
Neben der Frage, ob die Regelung mit internationalem Wirtschaftsabkommen konform geht, sehen Kritiker in ihr auch einen möglichen Hemmschuh der weiteren Marktentwicklung, weil bei steigender Nachfrage möglicherweise nicht ausreichend Produkte zur Verfügung stehen, die im heimischen Markt erzeugt wurden.
Terrie Romano zeigt sich zuversichtlich. "Es ist wirklich erstaunlich, wie viel wir in so kurzer Zeit erreicht haben. Praktisch jede Woche bekommen wir neue Absichtserklärung für neue Ansiedlungen. Und der heimische Markt reagiert sehr schnell. Es gibt inzwischen sehr viele Solarinstallateure und vor allem auch Colleges die entsprechend unterrichten."
Nutzung von Hausdächern muss zunehmen
Der größte Teil der bisher in Ontario installierten Anlagen stehen auf Freiflächen – von denen Kanada mehr als genug hat. Kein Wunder also, dass auch die derzeit größte Solaranlage der Welt in Ontario steht. Die 80 Megawatt Anlage in Sarnia wurde von dem kanadischen Unternehmen Enbridge gemeinsam mit dem US-amerikanischen Unternehmen First Solar, von dem die verwendeten Module stammen, realisiert.
Die Nutzung von Hausdächern entspricht nur elf Prozent der beantragten Netzanschlüsse und findet vorwiegend auf öffentlichen und kommerziellen Gebäuden statt. Es gilt also, die Bevölkerung noch mit ins Boot zu holen. Das ist insbesondere wichtig, weil im Herbst in Ontario gewählt wird. In den Umfragen liegt die Liberale Regierungspartei, die den Green Energy Act eingeführt hat, hinten. Die Konservativen machen die Einspeisetarife für steigende Energiepreise verantwortlich. Die Diskussionen ähneln denen in Deutschland. Alle zwei Jahre – also erstmals dieses Frühjahr – soll die OPA die Einspeisetarife überprüfen. Eine jährlich festgelegte Absenkung der Tarife oder einen Deckel gibt es bisher nicht. Politik und Unternehmen erwarten mit Spannung die Ergebnisse der OPA.
Sicher ist: Für die ein oder andere Solaranlage ist in Ontario noch Platz vorhanden. Und vielleicht nicht nur dort - denn andere Provinzen beobachten genau, wie in Ontario in kürzester Zeit viele neue grüne Arbeitsplätze geschaffen wurden. Auch das Teersand dominierte Alberta soll schon Interesse an einem neuen solaren Saubermann-Image gezeigt haben.
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