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Schwarz-Gelb versagt beim Klimaschutz

Die Bundesregierung hat sich zwar ambitionierte Klima- und Energieziele gesetzt. Die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler kritisiert aber, dass sie diese mit ihrer Politik niemals erreichen kann.

Aus Berlin Johanna Treblin

Die Bundesregierung hat sich verirrt – sie hat die Laufzeiten für Atomkraftwerke verlängert, obwohl das sowohl unnötig als auch schädlich für die Energiewende ist, heißt es in einer Untersuchung der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW), die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Und dass, obwohl immer wieder Szenarien vorgelegt wurden, die zeigen, dass eine Zukunft mit 100 Prozent erneuerbaren Energien möglich ist. Neun davon hat der VDW auswerten lassen und kommt zum Schluss: Schwarz-Gelb mangelt an richtigen Umsetzungsstrategien.


Der VDW sieht die Bundesregierung mit der Verlängerung der AKW-Laufzeiten auf dem Holzweg. Gesagt hat er das bislang aber nicht - weshalb Bilder von "Sagern" wie der Klima-Allianz herhalten müssen. (Foto: Reimer) 

Im Herbst vergangenen Jahre hatte die Bundesregierung ihr Energiekonzept vorgestellt. Die Ziele, die sich die Regierung darin steckte, waren die "weitreichendsten und ambitioniertesten aller bisherigen Bundesregierungen", sagte VDW-Beiratsmitglied Peter Hennecke. Die Auswertung der neun Szenarien habe gezeigt, dass die Ziele auch umsetzbar seien. "Acht von neuen Szenarien stimmen darin überein, dass eine Reduktion von 80 bis 95 Prozent der deutschen Kohlendioxidemissionen bis 2050 machbar ist." Sowohl ohne Atomkraft als auch mit einem "Auslaufen von Kohlekraft". In Deutschland müsse dazu auch nicht auf die umstrittene Technologie zur Abspaltung und Speicherung (CCS) von Kohlendioxid zurückgegriffen werden.

Bisland ist das Energiekonzept nicht mehr als "Symbolpolitik"

Allerdings, fragt sich Studien-Autor Hennecke, "war das Energiekonzept nur Symbolpolitik?" Die Maßnahmen, die Schwarz-Gelb nun plane, seien vollkommen unbrauchbar, um die im Energiekonzept festgeschriebenen Ziele zu Energieeinsparung und Kohlendioxidreduktion zu erreichen. Größter Kritikpunkt: Mit Zustimmung des Bundestags verlängerte die Bundesregierung die Laufzeiten der Atomkraftwerke im Schnitt um zwölf Jahre. Nicht nur eine unnötige Maßnahme, kritisiert Hennecke, ehemaliger Präsident des Wuppertal Instituts, sondern auch eine schädliche: Atomkraftwerke seien ungeeignet, um auf die flexible Einspeisung von Sonnen- und Windstrom zu reagieren, weil sie schwer regulierbar sind.

Um ständiges Hoch- und Runterfahren zu vermeiden, versuchten die Betreiber nun, "das Netz so voll wie möglich mit Atomkraft zu machen", so Hennecke. Die Verlängerung der Atomlaufzeiten schwäche letztlich den Ausbau der erneuerbaren Energien ab und festige "die ohnehin marktbeherrschende Stellung der großen Strombetreiber". Wissenschaftlich begründen lasse sich eine Verlängerung der Atomlaufzeiten nicht einmal mittels der Energieszenarien, die Grundlage für das Energiekonzept waren.


Da solls hingehen, zumindest theoretisch. In der Praxis "vertragen" sich Erneuerbare Energien und Atomkraft nicht wirklich. (Foto: Bundesverband Windenergie)

Auch die Ziele der Bundesregierung zum Anteil der regenerativen Energien an der Energieversorgung werden von den untersuchten Szenarien bestätigt oder sogar übertroffen: Fast einstimmig prognostizieren sie, dass bis 2050 eine Energieversorgung mit 80 bis 100 Prozent Erneuerbaren möglich ist. Wie das zu erreichen ist, wird in den meisten Szenarien dabei allenfalls nebenbei erwähnt. Energieimporte und Großtechnik wie Offshore-Windkraft, das Wüstenstromprojekt Desertec und beispielsweise Windkraft aus Nordafrika seien notwendig, ist unter anderem der Sachverständigenrat für Umweltfragen in seinem aktuellen Gutachten überzeugt. Als Alternativen nennt die Untersuchung Speichertechnologien, intelligente Netze und eine erhebliche Reduzierung von Kühlenergie.

Das immense Potenzial der Energieeffzienz soll als "Brückentechnologie" verstanden werden

Statt die Atomlaufzeiten zu verlängern, fordern die Autoren der VDW-Untersuchung, nicht auf Atomkraft zu setzen, sondern Energieeffizienz als "Brückentechnologie" zu verstehen. Innovationen in der Energieeffizienz würden immer wieder durch die gleichzeitige Entwicklung von High-Tech-Luxusgeräten zunichte gemacht, die immer mehr Energie benötigen. "Wir brauchen eine Kultur der Genügsamkeit", sagte Hennecke. Denkbar seien Mengenbegrenzungen für Energie nach Vorbild des Emissionshandels, eine Energiesteuer oder die sogenannte Toprunner-Strategie, die etwa in Japan bereits üblich ist. Dabei werden beispielsweise die Hersteller von Kühlschränken verpflichtet, innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens alle Geräte auf das Effizienzniveau des aktuell sparsamsten Modells zu bringen.

Letztlich muss es also auch dem traditionellen Wachstumskonzept an den Kragen gehen, hieß es am Donnerstag vom VDW. Und das sei keine leichte Aufgabe. Die Frage ob man das Prinzip des Größer-Schneller-Weiter beschränken könne, indem man etwa die Leistungskraft von Autos per Gesetz begrenzt, beantwortete Hartmut Grassl, VDW-Beiratsmitglied und Mit-Herausgeber von Klimaretter.info, am Donnerstag jedenfalls mit Skepsis: Das würde  "das Testosteron der Männer" schon zu verhindern wissen.

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