"Eine Schweiz ohne Akw ist möglich"
Fritz Wochinger ist Student am Department of Development and Planning der Universität Aalborg in Dänemark. Gemeinsam mit den vier Mitstudierenden Jannis Klonk, Linda Romanovska, Aldo Ballistreri und Christopher Snyder hat er in der Studie "Designing a Sustainable Swiss Energy System" aufgezeichnet, wie die Schweiz bis zum Auslaufen des letzten Akw 2034 sich nur mit regenerativen Energien versorgen kann.
Herr Wochinger, am Wochenende stimmt der Kanton Bern über den Neubau des Akw Mühleberg ab. Eine Mehrheit scheint nicht unwahrscheinlich, ebenso wie eine Mehrheit in der gesamten Schweiz für den Neubau von zwei neuen Akw. Warum ist die Schweiz so konservativ – auch im Vergleich zu Deutschland?
Die Bevölkerung in der Schweiz ist eingeschüchtert. Die Konzerne, die dort in der Atomwirtschaft tätig sind, schüren die Angst, dass eine Stromlücke entstehen würde, sobald die jetzigen Akw nach ihrer Laufzeit von 50 Jahren abgeschaltet werden. Beziehungsweise, dass die Schweiz ihre Unabhängigkeit abgibt und von teuren Energieimporten abhängig wird, sodass die Preise extrem steigen. Aber das trifft nicht zu.
Dann lassen Sie uns Ihre Studie im einzelnen durchgehen. 40 Prozent des Strombedarfs in der Schweiz wird momentan durch Akw gedeckt, rund 55 Prozent durch Wasserkraft. Sie glauben, man kann dieses Wasserkraftpotenzial noch ausbauen.
Aber nur minimal. Wasserkraft ist sehr vorteilhaft, weil man es gerade in den Bergen gut speichern und dadurch die Fluktuation, die der Verbrauch und die anderen Erneuerbaren mit sich bringen, ausgleichen kann. Aber der Bau solcher Kraftwerke hat zu große Auswirkungen auf die Natur und den Menschen, wenn Sie an die Umsiedlung ganzer Dörfer denken. Daher ist es unwahrscheinlich, dass es demnächst noch große Staudammprojekte in der Schweiz geben wird.
Aber kleinere Wasserkraftprojekte könnte man machen.
Kleinwasserkraft ist auf jeden Fall ausbaufähig, wobei die Kapazitäten auch dort begrenzt sind. Und meist sind es Kraftwerke ohne Speicher, sogenannte Lauf- oder Flusskraftwerke, die von der verfügbaren Menge und Fließgeschwindigkeit des Wassers in einem Fluss oder Bach abhängen, wo also die Stromerzeugung nicht steuerbar ist. Dennoch empfehlen wir in unserem Bericht, dass bestehende Wasserkraftwerke modernisiert werden sollten, zum Beispiel durch neue Turbinen, um die Effizienz zu erhöhen und so die Ressourcen besser zu nutzen.

Das Schweizer Akw Leibstadt nahe der deutschen Grenze. (Foto: Nawi112/wikipedia)
Die Windenergie hat ja ein ähnliches Problem wie große Wasserkraftanlagen – aus landschaftsästhetischen Gründen wird sie in der Schweiz bisher kaum genutzt. Glauben Sie, dass dieses Problem nicht so groß ist, wie es momentan gesehen wird?
Wir haben die landschaftsästhetischen Gründe so weit wie möglich in die Studie mit einfließen lassen. In diesem Kontext haben wir auf bestehende Studien zurückgegriffen und diese Berechnungen renommierter Schweizer Wissenschaftler als Basis unserer Berechnungen genommen. Diese beziehen sowohl das physische Potenzial der Windkraft als auch weiche Faktoren wie Entfernung zu Siedlungen sowie zu kulturell oder landschaftlich wertvollen Orten, wie z.B. Naturschutzgebieten oder Seen, ein, um eine Überschätzung des Potenzials zu vermeiden.
In der Schweiz dürfte die Akzeptanz schwieriger sein, weil man die Windkraftanlagen aufgrund der Berglagen einfach weithin sieht.
Das wird auf jeden Fall ein Problem sein. Wobei meiner Meinung nach dies auch eine Frage von Betreibermodellen und Planungsabläufen ist. Ich schreibe gerade selbst eine weitere Studie über die Akzeptanz von Windkraft in Deutschland: Diese ist stark davon abhängig, wie die Leute damit konfrontiert werden. Wenn da ein Betreiber oder Projektentwickler kommt und sagt: „So wir bauen jetzt hier einen Windpark, die Details dazu stehen bereits fest und wir freuen uns über die Einigung mit den Landbesitzern und den anderen Partnern“, dann ist der Widerstand vorhersehbar – wie ich finde, auch zu Recht. Wenn die Haltung aber eher folgende ist: „Wir möchten eine Anlage planen, und ihr könnt euch dran beteiligen und sagen, wie und wo“, dann ist die Bereitschaft größer. Möglicherweise wollen die Bürger selbst mit investieren; zumindest einen Anteil der Investition an interessierte Bürger vor Ort abzugeben, sollte grundsätzlich möglich sein.
Wieviel Prozent der Stromversorgung soll die Windkraft abdecken?
Wir gehen davon aus, dass die Windkraft auch bei Berücksichtigung landschaftsästhetischer Fragen 2020 vier Prozent des Schweizer Strombedarfs decken kann, 2030 dann sechs Prozent. Dieses Szenario würde einen Ausbau der Photovoltaik auf 18 Prozent 2020 und 25 Prozent 2030 bedeuten. Allerdings ist auch denkbar, mehr Wind und im Gegenzug weniger Photovoltaik zu installieren; Fragen wie diese sollten im politischen Entscheidungsprozess geklärt werden.
Der Solarstrom ist in der Schweiz bisher kaum ausgebaut worden. Warum?
Aufgrund der Deckelung der Zubaus und eines komplizierten Verfahrens, in dessen Rahmen man sich bewerben musste. Dem potenziellen Betreiber ist bei der Bewerbung nicht klar, wann unter welchen Umständen er oder sie investieren kann. Deshalb haben wir in unserer Studie die Ausbauraten von Photovoltaik und auch der Windenergie aus Deutschland, wo es seit über zehn Jahren Erfahrungen mit dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) gibt, auf die Schweiz übertragen. Die Schweiz hat eine teilweise bessere Sonneneinstrahlung und sozioökonomisch ungefähr das gleiche Potenzial. Hinzu kommt: Die Modulpreise sind seit Einführung des EEG massiv gefallen. Deshalb haben wir angenommen, dass dieselben Wachstumsraten, die wir in den letzten zehn Jahren in Deutschland beobachtet haben, auch bis 2020 in der Schweiz möglich sein müssten.

Noch eine Ausnahme in der Schweiz: Das Berner Wankdorfstadion mit Solarmodulen. (Foto: energiebüro, Schweiz)
Also dem Zeitpunkt, wenn die Laufzeit der ersten Atomkraftwerke zu Ende geht …
Wenn man für Wind und Photovoltaik ähnliche, teilweise sogar leicht geringere Wachstumsraten wie in Deutschland annimmt, entsteht keine Lücke in der Stromversorgung.Wir haben eine stündliche Modellierung eines ganzen Jahres vorgenommen. Wir haben Verbrauchsdaten von 2008 genommen und die Wetterdaten aus dem Jahr darübergelegt, und analysiert, wann wir Sonne und Wind haben. Das waren 8786 Datenpunkte, um zu sehen: Kommen wir irgendwann in einen Engpass, können wir genug produzieren beziehungsweise gleichzeitig importieren? Und wir haben festgestellt: Das Problem gibt es nicht – und zwar auch nicht annähernd für den Fall, dass sich Wetter- und Verbrauchsdaten in Folgejahren anders entwickeln.
Wenn ich zusammenfassen darf, sagen Sie: Die Akw sollen so lange weiterlaufen wie geplant, also bis 2020 bzw. 2034, wenn das letzte Atomkraftwerk Leibstadt vom Netz geht, und bis dahin können wir den noch zur Wasserkraft fehlenden Strombedarf vollständig durch Solar und Wind decken.
Ja. Was in Bezug auf Windenergie und eventuell auch Photovoltaik auf jeden Fall nötig sein wird, um die Akzeptanz zu steigern: Es muss einen ordentlichen Planungsrahmen geben, der die Bürger vor Ort einbezieht. Man könnte etwa fordern: Jeder Kanton bekommt die Auflage, für eine bestimmte Energieproduktion pro Jahr zu sorgen. Die Bürger werden aber in den Entscheidungsprozess eingebunden, wo und wie das zu schaffen ist.

Die Glorreichen Fünf: Jannis Klonk, Fritz Wochinger, Linda Romanovska, Aldo Ballistreri, Christopher Snyder (v.l.n.r.).
Die BKW, der Betreiber des Akw Mühleberg, sagt, der Umbau geht nicht so schnell, weil die Netze und Speicher fehlen. Deshalb brauche die Schweiz neue Akw.
Die Schweiz ist eines der Länder, die am besten in das europäische Stromnetz eingebunden sind. Die Schweiz handelt mit Strom von Nord nach Süd, von Ost nach West, die Übertragungskapazitäten über die Grenzen sind natürlich unterschiedlich, aber insgesamt unglaublich groß. Sicher müssten an dem einen oder anderen Punkt in der Schweiz oder auch der einen oder anderen Grenze Schwachstellen im Netz verbessert werden. Aber wir haben zehn Jahre Zeit, bis das erste Akw abgestellt werden soll, und ich bin sehr sicher, dass man bis dahin genug Zeit hat, dafür Lösungen zu finden.
Aufgrund der enormen bereits bestehenden Übertragungskapazitäten und der bestehenden Pumpspeicherkraftwerke erübrigt sich die Frage nach weiteren Stromspeichern, wie unsere Ergebnisse zeigen. Die Schweiz ist mit den momentanen Import- bzw. Exportkapazitäten so gut versorgt, dass zusätzliche Speicher zum Ausgleich von schwankender Produktion und Verbrauch nicht nötig sind.
Ihre Studie argumentiert, der Neubau von Akw würde den Umstieg auf Wind und Solar um 50 Jahre blockieren.
Ganz klar. Man macht sich ja dann von einer Technologie abhängig. Die Laufzeiten der einzelnen Technologien sind stark unterschiedlich: Bei Windkraft sind es um die 20 Jahre, bei Photovoltaik ebenso, bei Atom und Kohle, wo die Investitionen sehr hoch sind, müssen die Kraftwerke 50 Jahre und länger laufen, damit sich das Ganze lohnt. Wenn man jetzt ein Akw baut, das 2020 in Betrieb geht, würde man sich bis 2070 oder 2080 auf diese Technologie festlegen. Auf englisch heißt das sehr passend eine „Lock-in-Situation“. Und wenn man irgendwann feststellen sollte, wir wollen doch keinen Atomstrom, sondern Wind und Sonne, dann hat man unglaublich viel Geld verpulvert und sich in der Zwischenzeit von einer gefährlichen Technologie abhängig gemacht. Ich zähle jedoch auf die aufgeklärten Schweizer Bürger, die das trickreiche Spiel der Akw-Betreiber durchschauen und nicht auf die Panikmache hereinfallen.
Interview: Martin Reeh
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