Windkraft hinkt Offshore-Plänen hinterher
2010 enstanden neun neue Offshore-Windfarmen in Europa mit einer Gesamtkapazität von 883 Megawatt. Klingt gut. Ist aber gar nichts gegen die einstigen Vorhersagen der Branche.
Von Johanna Treblin und Nick Reimer
Im vergangenen Jahr wurden in Europa mehr neue Windräder im Meer installiert als jemals zuvor. Neun neue Windfarmen mit einer Gesamtkapazität von 883 Megawatt entstanden in den Küstengewässern fünf europäischer Länder, vermeldete der Europäische Windenergie-Verband (EWEA) am Donnerstag. Insgesamt sind in Europa damit Anlagen mit 2.964 Megawatt im Meer installiert.

Sonnenaufgang, Regenbogen, Windräder. In der Idylle vor der Küste Dänemarks zeigt sich der Eon-Windpark Rödsand 2. Er hat mit dazu beigetragen, dass 2010 ein Offshore-Rekordjahr wurde. (Foto: J. Treblin)
Die 2010 installierten 1.136 Windräder können rund 11,5 Terawatt Energie liefern und damit rund 2,9 Millionen durchschnittliche EU-Haushalte mit Strom versorgen, schlüsselte der Verband auf. Das entspricht nach Verbandsangaben der Bevölkerung Berlins und Brüssels zusammen. Den größten Anteil an Offshore-Windkraft in Europa verzeichnet zurzeit England mit 1.341,2 Megawatt installierter Leistung. Dänemark steht mit 853,7 Megawatt an zweiter Stelle.
Allerdings verschweigt der Branchenverband, dass die Offshore-Branche weit hinter den Erwartungen zurück liegt. So weist der Branchenreport "Fascination Offshore" aus dem Jahr 2003 aus, dass 2010 allein im Projekt "Borkum West" 208 Windkraftwerke mit einer Leistung von 1.000 Megawatt installiert sein werden. Die Genehmigung für Borkum West war am 3. Mai 2002 vom Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie erteilt worden. Bis heute dreht sich dort kein einziges Windrad.
Der Bürgerwindpark Butendiek sollte dem Branchenreport "Fascination Offshore" nach bereits 2006 Energie liefern: Installiert werden sollten den Prognosen zu Folge bis dato 240 Megawatt Leistung. In der Ostsee sollte das Projekt Baltic-I längst realisiert sein genau so wie der Windpark "Kriegers Flak" mit knapp 300 Megawatt - installiert nordwestlich der Halbinsel Wittow. Nichts davon ist eingetreten.
Einschließlich einigen kleineren Projekte müssten sich derzeit Windräder mit einer Leistung von über 2.000 Megawatt in deutschen Hoheitsgewässern drehen. Tatsächlich sind jetzt 92 Megawatt Offshore-Leistung installiert. Damit liegt Deutschland an sechster Stelle im Ranking. Danach folgen in der Statistik nur noch Irland, Finnland und Norwegen.
Schuld an der enttäuschenden Offshore-Historie haben sowohl die Politik wie auch die großen Stromkonzerne. Der Bürgerwindpark Butendiek etwa scheiterte, weil sich Netzbetreiber Eon weigerte, die Windkraftwerke ans Netz anzuschließen. "Die Finanzierung stand - nur die Leitung für den Strom nicht", erinnert sich Hermann Albers, einer der Macher des Bürgerwindpark Butendieks: Netzbetreiber Eon hätte sie ausbauen müssen. Aber der Stromkonzern hatte natürlich kein Interesse, einen Konkurrenten anzuschließen. Zudem haben viele großen Stromkonzerne reihenweise Planungsprojekte aufgekauft - um sie dann erst einmal in der Schublade verschwinden zu lassen.

Windpark Alpha ventus in der deutschen Nordsee. (Foto: Paul Langrock)
Die Politik wiederum hat viel zu lange geschlafen, die Netzbetreiber gesetzlich mit einer Anschlusspflicht zu belegen: Erst im Herbst 2009 beschloss die Bundesregierung mit der so genannten Offshore-Verordnung eine Novelle, die den reibungslosen Ausbau regelt.
2009 war der Windpark Alpha ventus ans Netz gegangen: Die zwölf Anlagen mit einer Nennleistung von je fünf Megawatt stehen 45 Kilometer nördlich der Insel Borkum. Als nächster Windpark kam das Projekt Baltic-I in der Ostsee ans Netz - derzeit laufen die letzten Arbeiten zur Netzsynchronisation. Derzeit im Bau befindet sich zudem rund 100 Kilometer nordwestlich vor der Insel Borkum der Windpark Bard 1: Hier sollen sich ab Herbst 80 Windräder drehen.
DONG ist in Europa der größte Windkraftwerks-Inhaber: 26 Prozent der installierten Leistung ist in den Händen des staatlichen dänischen Energieunternehmens. Der schwedische Konzern Vattenfall besitzt 21 Prozent der installierten Leistung an Windkraft. Der Düsseldorfer Konzern Eon hält 16 Prozent. Im vergangenen Jahr eröffnete Eon an Dänemarks Küste den Windpark Rödsand 2.
Weltweit wurden bereits in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres neue Kapazitäten in Höhe von insgesamt 16.000 Megawatt installiert. Die Gesamtkapazitäten summierten sich damit auf 175.000 Megawatt.
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