"Wir haben da gut verdient"
Profit durch Nichtproduktion: Energiekonzern Vattenfall stellte in Schweden zu Zeiten hoher Nachfrage Atomkraftwerke ab - und macht durch die Verknappung satte Extragewinne.
Aus Stockholm Reinhard Wolff
Im vergangenen Winter, zur Zeit besonders hoher Stromnachfrage, ließ der Konzern Vattenfall seine schwedischen Atomreaktoren nur mit einem Teil ihrer Kapazität laufen - und verdiente ordentlich daran. Die Verknappung des Angebots führte auf dem nordischen Strommarkt zu einem kräftigen Preisschub nach oben. Worauf Vattenfall einfach den Durchfluss bei seinen Wasserkraftwerken ein wenig mehr öffnete, um zu diesem erhöhten Preis den Strom dann auf den Markt bringen zu können.
Schwedisches Atomkraftwerk Forsmark (Foto: Robin-Root/CC BY-SA 2.0)
Das lohnte sich. Binnen der ersten drei Monate 2010 brachte es dem Staatskonzern einen Extraprofit von umgerechnet rund 100 Millionen Euro ein, zeigte eine TV-Dokumentation, die das öffentlich-rechtliche SVT in dieser Woche ausstrahlte. Torbjörn Wahlborg, Skandinavienchef des Konzerns bestätigt diesen Sachverhalt auch frank und frei: "Wir haben da gut verdient", erklärt er in einem Interview. Langfristig allerdings koste die mangelhafte Effektivität der Atomkraftwerke dem Konzern aber womöglich mehr als solche kurzfristigen Extragewinne.
Denn natürlich kann so ein staatliches Energieunternehmen Reaktoren nicht einfach grundlos abstellen, um Preise hochzutreiben. Aber es können ja Inspektionen fällig sein, Reparaturen sich verzögern und die jährliche Revision muss auch einmal stattfinden. Abgesehen davon haben die schwedischen Reaktoren seit einigen Jahren aber auch so massive technische Probleme und Stillstandzeiten, wie die in keinem anderen Land.
Laut einer Statistik der Internationalen Energieagentur IAEA die in der "Das Kernkraftfiasko" betitelten SVT-Dokumentation präsentiert wurde, betrieb weltweit kein Atomkraftland Reaktoren mit einem so hohen Anteil von Schnellabschaltungen, wie Schweden. Und passenderweise musste gleich am Mittwoch ein Reaktor beim Eon-Atomkraftwerk Oskarshamn mit der ersten Schnellabschaltung des Jahres 2011 vom Netz genommen werden.
"Betriebsprobleme sind immer auch Sicherheitsprobleme"
Mit einem Nutzungsgrad von 63 Prozent rangieren die mittlerweile sprichwörtlichen schwedischen "Pannenreaktoren" am Ende der – von Finnland mit 96 Prozent angeführten – Produktionsstatistik. "Mangelhaft" bewertet dies die IAEA. Und für einem Atomenergiemann wie dem Ex-Chef des finnischen Energiekonzerns TVO, Magnus von Bonsdorff, stellt sich bei einem solchen Szenario die Frage nach der Sicherheit der schwedischen Atomkraftwerken: "Betriebsprobleme sind immer auch Sicherheitsprobleme."

Aktivisten hatten sich im Juni 2010 "getarnt" als Sonnen, Wind- und Wasserkraft auf das Gelände des Atomkraftwerks Forsmark gemogelt um gegen den Ausstieg aus dem Atomausstieg in Schweden zu demonstrieren. (Foto: Greenpeace/Christian Aslund)
Dabei gab es einmal eine Zeit, in der gerade schwedische Reaktoren der IAEA als vorbildlich galten. 1993 kürte sie das AKW Forsmark zur weltbesten Anlage. 2006 gab es dort einen Beinahe-GAU. Dazwischen lagen Jahre, in denen der Unterhalt der Reaktoren sträflich vernachlässigt wurde, wie Experten bekundeten, die in "Das Kernkraftfiasko" zu Wort kamen. Zum Teil wird das auf die in Schweden schon 1996 durchgeführte Liberalisierung des Strommarkts geschoben. Mit der zunächst die sowieso niedrigen schwedischen Strompreise noch mehr sanken und Investitionen sich für die AKW-Betreiber nicht rechneten. Als sich dieser Trend umkehrte glaubten Vattenfall & Co. aus den teilweise über drei Jahrzehnten alten und vernachlässigten Reaktoren noch mehr herauspressen zu können. Und sie entschlossen sich zu einem umfassenden und bislang nirgendwo anders getestetem Umbauprogramm, um deren Leistung zu erhöhen. Eine Kombination, die im jetzigen Fiasko endete.
Der Strommarkt macht es möglich: Maschinen abstellen lohnt sich
Aber in Schweden könne man das wohl, meint in der TV-Doku ein Kritiker aus der Atombranche, der aus Angst um seinen Job anonym bleiben wollte: Die Atomindustrie sehe Schweden als ein Land, in dem man testen könnte, wie weit man gehen kann: Etwas was angesichts der atomkraftkritischen öffentlichen Meinung in anderen Ländern unmöglich sei.
War der Strommarkt des vergangenen Winters schon chaotisch, verspricht der jetzige nicht besser zu werden. An besonders kalten Tagen gab es Spitzenwerte bei den Strompreisen, die einige Unternehmen veranlasste, ihre Produktion einfach stillzulegen. Sie haben meist Stromabnahmeverträge, die eine bestimmte Menge zu Fixpreisen garantiert, während der Rest des Bedarfs zum Marktpreis dazu gekauft werden muss. Da lohnte es sich für sie, statt Plastikprodukte und Papiermasse herzustellen, die Maschinen abzustellen und ihr Stromkontingent mit kräftigem Gewinn auf dem Markt zu verkaufen.
Und wer bezahlt, wenn man mit Nichtproduktion Extragewinne macht? Jeden schwedischen Einfamilienhaus-Haushalt habe das im 1. Quartal 2009 Strommehrkosten zwischen umgerechnet 400 und 550 Euro beschert, rechneten Energieexperten aus.
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