"Plan N" für neue Stromnetze
Erdkabel, intelligente Netze und die Einbeziehung von Anwohnern: Das "Forum Netzintegration Erneuerbare Energien" legt einen Kompromissvorschlag beim Stromtrassen-Ausbau vor. Aber die Übertragungsnetzbetreiber zeigen sich zurückhaltend.
Aus Berlin Martin Reeh
Das "Forum Netzintegration Erneuerbare Energien" hat heute einen "Plan N" für einen zügigen Stromnetzausbau vorgestellt. In dem rund 80-seitigen Papier beschreiben Verbände, Bürgerinitiativen, Netzbetreiber und Unternehmen Maßnahmen, den Ausbau der Netze möglichst zurückhaltend und schonend für Menschen und Umwelt zu gestalten. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem mehrere Bürgerinitiativen gegen den Ausbau von Hochspannungsnetzen, der Bundesverband Erneuerbare Energie, der Netzbetreiber EWE, Germanwatch und der WWF, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und der Deutsche Bauernverband. Das Projekt entstand unter Federführung der Deutschen Umwelthilfe (DUH).
Das Land, wo Raps und Stromleitungen blühen? Das "Forum Netzintegration" würde lieber unter der Erde verkabeln. (Foto: Dirk Roettgen/pixelquelle)
Mit dem Papier liegt erstmals ein Kompromissvorschlag zum Ausbau der deutsche Stromnetze vor. Die Deutsche Energie-Agentur (dena) hatte in einer vor kurzem veröffentlichten Studie den Ausbaubedarf wegen der Umstellung auf Ermeuerbare Energien auf 3600 Kilometer neue Trassen beziffert. An vielen Orten, für die schon Ausbaupläne vorliegen, haben sich jedoch Bürgerinitiativen gegen die meist als Hochspannungstrassen geplanten neue Netze gebildet. Mit dem "Forum Netzintegration Erneuerbare Energien", das vom Bundesumweltministerium finanziert wurde, sollten erstmals die unterschiedlichen Seiten an einen Tisch geholt werden. Dies gelang nur bedingt: Unter den Unterzeichnern fehlen die vier Betreiber von Übertragungsnetzen (Tennet, 50Hertz, EnBW und die RWE-Tochter Amprion) sowie der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).
"Wer in einem großen Land wie der Bundesrepublik Projekte umsetzen will, muss sie plausibel und transparent erklären", sagte DUH-Geschäftsführer Rainer Baake bei der Vorstellung des Papiers. "Akzeptanz dafür zu schaffen heißt nicht, die Dinge lauter als in der Vergangenheit zu begründen", so Baake. Es werde keiner Bundesregierung gelingen, 3600 Kilometer Freileitungen auszubauen.
Im Einzelnen schlagen die Unterzeichner folgende Maßnahmen vor:
- die Erdverkabelung beim Bau von 110 kV-Hochspannungsleitungen. Diese sei bislang wegen "unzureichender rechtlicher und regulatorischer Rahmenbedingungen" nicht umgesetzt worden, die Gesetzesgrundlagen sollen nun geschaffen werden.
- bei Höchstspannungsleitungen (220 und 380 kV) fordern die Unterzeichner aufgrund der deutlich höheren Mehrkosten gegenüber Freileitungen keine grundsätzliche Erdverkabelung. Die derzeit laufenden Pilotvorhaben zur Teilerdverkabelung sollen aber genutzt werden, um zu prüfen, "ob und in welchem Umfang die Erdverkabelung auch auf andere Leitungsbauvorhaben übertragen werden kann". Dies beinhalte auch "die Prüfung einer kompletten Erdverkabelung".
- neue Freileitungen sollen entlang vorhandener Trassen oder Verkehrswege geplant werden.
- daneben soll über Stromspeicher, sogenannte intelligente Netze (smart grids), die sich flexibel an den Verbrauch anpassen, die Verschiebung von Spitzenlasten sowie Erneuerbare Kombi- und Hybridkraftwerke die Notwendigkeit von neuen Leitungen vermindert werden.

Netzausbau soll transparenter ablaufen, fordern Bürgeriniativen. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)
Peter Ahmels, Leiter Erneuerbare Energien bei der DUH, forderte eine veränderte Rolle der Bundesnetzagentur. Diese müsse in Zukunft auch für "akzeptable Stromleitungen" zuständig sein: "Stuttgart 21 muss sich nicht nicht zu Netz 21 entwickeln." Der Ausbau in Deutschland sei mit dem Netzausbauplan der EU abzustimmen. Klaus Rohmund von der "BI Keine 380 kV-Freileitung im Werra-Meißner-Kreis" wehrte sich dagegen, dass die Bürgerinitiativen "als Totalverweigerer" bezüglich des Netzausbaus hingestellt würden: "Die Gesellschaft muss Kritik aushalten." Schließlich sei unklar, ob der geplante Stromnetzausbau nur wegen der Integration Erneuerbarer Energien oder auch wegen des Zubaus von Kohlekraftwerken und dem europäischen Stromhandel notwendig werde. Rohmund regte zugleich an, Anwohner von neuen überidischen Stromtrassen zukünftig wegen der Wertminderung ihrer Häuser finanziell zu entschädigen.
Offen bleibt, inwieweit die Übertragungsnetzbetreiber für den Kompromiss gewonnen werden können. Drei der vier deutschen Unternehmen (Tennet, 50hertz, EnBW) legten dem Papier eine Stellungnahme bei, in der sie zwar die von der DUH "ergriffene Initiative begrüßten", sich ansonsten aber eher zurückhaltend äußerten. So unterstützen sie verbal zwar "die Stärkung der Beteiligungsrechte der betroffenen Anwohner", forderten aber zugleich "aufgrund der stetig steigenden installierten Leistung erneuerbarer Energien und des bisher stockenden Netzausbaus Beschleunigungsrechte im Verfahrensrecht". Die neuen Studien, die BI-Vertreter Rohmund über die Strahlungsfolgen von Freileitungen gefordert hatte, lehnten sie ab: "Auch nach jahrzehntelager intensiver Forschung liegen keine wissenschaftlichen Nachweise vor, die eine Kausalität von Krankheiten infolge elektrischer und magnetischer Immissionen unterhalb der 'Public Reference Levels' der EU-Empfehlung belegen."
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