Vattenfalls Plan zur Rettung der Welt
Zwei Jahre CCS in Schwarze Pumpe: In 8.000 Betriebsstunden wurden 4.700 Tonnen Kohlendioxid aus der 30-Megawatt-Pilotanlage abgeschieden. Ein feines Ergebnis, sagt Vattenfall und feiert sich selbst. Erhebt sich die Frage: Wohin damit? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung DIW jedenfalls kommt zu einem vernichtenden Ergebnis.
Von Nick Reimer
Mehr als 8.000 Betriebsstunden - das ist die Betriebsbilanz der Pilotanlage zu Carbon Capture and Storage (CCS) von Vattenfall am Standort Schwarze Pumpe. Seit dem 8. September 2008 wird dort die Technologie zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid erforscht, und da ein Jahr mehr als 8.000 Stunden hat, stand also die Anlage die Hälfte der Zeit still. Trotzdem hat Vattenfall natürlich jede Menge Erkenntnisse am alten DDR-Braunkohle-Kraftwerksstandort gewonnen: Rund 4.700 Tonnen Kohlendioxid wurden bislang aus dem kleinen Pilotkraftwerk abgeschieden und verflüssigt. Die Abscheiderate der 30-Megawatt-Anlage liegt bei mehr als 90 Prozent. Zum Vergleich: Ein normales Kohlekraftwerk hat 500 Megawatt Leistung. Zehn Windräder à 3 Megawatt Leistung weisen so viel auf wie die Pilotanlage.

Technisches Schema der Anlage. Vattenfalls Plan zur Rettung der Welt. (Darstellung: Vattenfall)
Die Erwartungen an die Technologie sind riesig: Vattenfall verspricht sich davon nichts Geringeres als die Rettung der Menschheit. "Die Welt hat ein Klimaproblem, und als Braunkohleverstromer ist Vattenfall ein Teil des Problems." Diese Aussage stammt nicht etwa von Greenpeace, sondern von Vattenfalls Chef Tuomo Hatakka. Der hatte 2008 zum Startschuss der Pilotanlage erklärt: Vattenfall müsse für den Klimaschutz seinen Kohlendioxidausstoß bis 2030 halbieren. Hatakka: "Das geht nur durch CCS."
"Was wir hier lernen, fließt unmittelbar in die nächste Stufe des Projektes, den Bau eines Demonstrationskraftwerkes in Jänschwalde, ein", sagt Hubertus Altmann, Kraftwerksvorstand von Vattenfall. Ab 2014 soll in Jänschwalde ein 500-Megawatt-Kraftwerk mit dem sogenannten Oxyfuel-Verfahren gebaut werden. Beim "Oxyfuel-Verfahren" von Vattenfall wird Kohle nicht in Luft, sondern in reinem Sauerstoff verbrannt, weshalb deutlich weniger Abgas aus Kohlendioxid und Wasser entsteht. Der Wasserdampf wird auskondensiert, übrig bleibt ein bis zu 90 Prozent konzentriertes Kohlendioxid-Gas, das unter Druck verflüssigt wird.
Es gibt auch schon Erfahrungen, wie Kohlendioxid unterirdisch gespeichert werden kann. In Ketzin bei Potsdam untersucht ein Team um Frank Schilling, Professor am Geoforschungszentrum Potsdam, mit 20 Millionen Euro im Projekt "CO2Sink", wie sich Kohlendioxid im Endlager verhält. "Die Leute werden die unterirdische Lagerung nur akzeptieren, wenn wir nachweisen, dass davon keine Gefahren ausgehen", sagt Schilling.
In Ketzin hat sein Team einen "salinen Aquifer" angebohrt, eine 650 Meter tiefe, poröse Sandsteinformation, in die die Forscher 60.000 Tonnen Kohlendioxid pumpen. Und obwohl die Versuche in Ketzin längst nicht abgeschlossen sind, legt sich Schilling bereits fest: "Aus wissenschaftlicher Sicht spricht nichts gegen eine unterirdische Lagerung - hier in Ketzin."

Allerdings beginnt damit ein Teil des Problems: Schillings Team arbeitet mit lebensmittelreinem Kohlendioxid, die Pilotanlage liefert aber ein Kohlendioxid, das zu zehn Prozent verunreinigt ist. Wie aber reagieren die zehn Prozent Verunreinigungen im Boden? Verwandeln sie das Trägergestein? "Die Reinheit muss zum Reservoir passen", sagt Schillig. "Jede einzelne Lagerstätte muss untersucht werden."
Noch allerdings fehlen - darauf weist Vattenfall am Mittwoch ausdrücklich hin - mit dem so genannten CCS-Gesetz verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen, um die Technologie weiter voran zu treiben. Nicht nur das: Es fehlt für Vattenfall vor allem an Akzeptanz: In der Mark Brandenburg möchte der Konzern gern nahe Beeskow und im Oderbruch den Untergrund auf geologische Eignung erkunden. Die Bürger vor Ort laufen dagegen aber massiv Sturm.

Na denn: Kohlendioxid Marsch in die Erde! Das Versuchsfeld in Ketzin bei Potsdam. (Foto: Reimer)
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung DIW föllte am Mittwoch jedenfalls ein vernichtendes Urteil: Die CCS-Technologie habe sich "als sehr unsicher und gleichzeitig sehr teuer erwiesen", erklärte DIW-Forschungsdirektor Christian von Hirschhausen. Eine am Mittwoch vorgelegte Studie des DIW kommt zu dem Schluss, dass der von der Regierung bis 2025 erwartete Großeinsatz von CCS in der Praxis nicht durchsetzen werden.
Wegen der hohen Investitionskosten werden mit der CCS-Technologie die Stromerzeugungskosten steigen, heißt es in dem Gutachten. Schätzungen gehen von einer Zunahme zwischen 48 und 92 Prozent aus. Da über zukünftige Kohlendioxid-Preise jedoch kaum verlässliche Prognosen gemacht werden können, bleibt der wirtschaftliche Nutzen des CCS-Einsatzes unklar. Aus diesem Grund wiederum ist auch unklar, wie groß die Pipeline-Netze zum Transport sein müssten, um sie ökonomisch sinnvoll auszulasten, schreiben die Forscher
Das ganze Gutachten kann HIER eingesehen werden.
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