Bundeswehr befürchtet Peak Oil
Eine interne Studie der Bundeswehr malt ein düsteres Szenario für die Zeit nach dem Ölfördermaximum. Deutschland könne gezwungen sein, verstärkt mit autoritären Regimes zu kooperieren. Die Ölknappheit werde in einigen Weltregionen zur Destabilisierung führen und könne rechte und nationalistische Parteien stärken.
Die Bundeswehr bereitet sich auf das Ende des Öls vor. Eine Studie des Dezernats Zukunftsanalyse im Zentrum für Transformation der Bundeswehr in Straußberg belegt, dass man sich innerhalb der deutschen Streitkräfte sehr ernsthaft mit der Möglichkeit einer baldigen Ölknappheit auseinandersetzt und dabei politisch brisante Schlussfolgerungen zieht.

Krieg um Öl: Hier US-Soldaten im letzten Irak-Krieg. (Foto: US Navy)
Als besonders wichtig erachtet die Studie zur Zeit Russland als wichtigsten Ölimporteur Deutschlands. Danach folgen in einigem Abstand Norwegen und Großbritannien. Alle drei Länder haben selbst jedoch das Ölfördermaximum bereits überschritten, somit könne es in Zukunft darauf ankommen, Importe aus dem Nahen Osten zu stärken. Dort sitzen vor allem Saudi-Arabien, der Iran und der Irak auf reichhaltigen Ölvorkommen.
"Eine durch das Ziel der Versorgungssicherheit motivierte Neujustierung deutscher Nahostpolitik zugunsten intensiverer Beziehungen mit Förderländern wie Iran und Saudi-Arabien mit den größten konventionellen Erdölreserven der Region, dürfte die deutsch-israelischen Beziehungen je nach Intensität des Politikwechsels entsprechend belasten," schreiben die Studienautoren. "Eine besondere Herausforderung stellt in diesem Zusammenhang das konkurrierende Engagement von Ländern wie China dar, die ihre Beziehungen zu den Staaten der Region eher frei von Werteorientierung und politischer Konditionalität gestalten und daher als Partner präferiert werden."
Langfristig sieht die Bundeswehr große Probleme auf die Weltwirtschaft zukommen: "Der Peak Oil kann dramatische Konsequenzen für die Weltwirtschaft haben. Das Ausmaß dieser Konsequenzen wird sich – nicht nur, aber eben auch – durch einen Rückgang des Wachstums der Weltwirtschaft messen lassen."
Eine Fokussierung auf das Wirtschaftswachstum hält man allerdings für alternativlos: "In diesem Fall wäre eine Kettenreaktion die Folge, die das Wirtschaftssystem destabilisiert und damit allen weiteren sicherheitspolitischen Ableitungen den analytischen Rahmen entzieht." Zu Rechnen sei mit Staatsbankrotten, Massenarbeitslosigkeit und dem Zusammenbruch kritischer Infrastruktur.
Bereits 1992 wurde erstmals die "Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt" in den verteidigungspolitischen Richtlinien der Bundeswehr festgeschrieben – damals ein entscheidender Schritt weg von einer reinen Verteidigungsarmee. Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler trat Anfang des Jahres zurück, nachdem er sich in einem Interview ähnlich geäußert hatte. Wörtlich hatte Köhler im Deutschlandfunk gesagt: "Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Weg sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unserer Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen."
Beobachter aus der Friedensbewegung gehen davon aus, dass der Bundeswehreinsatz 2006 im Kongo wesentlich deswegen geführt wurde, um die dortigen Ölressourcen zu sichern.
In der deutschen Politik ist das Stichwort "Peak Oil" bislang ein Tabu. Viele Wissenschaftler, die sich etwa in der ASPO (Association for the Study of Peak Oil and Gas) zusammengeschlossen haben, warnen seit langem davor, dass die globalen Ölvorräte zur Neige gehen und die Ölförderung bald ihren Höhepunkt erreichen könnte. Einige gehen auch davon aus, dass der "Peak Oil" bereits erreicht ist. An einer Konferenz der ASPO im Mai nahmen auch einige der Autoren der jetzt aufgetauchten Studie teil.
Lesen Sie auch den Kommentar Kein Krieg für Öl unseres Redakteurs Felix Werdermann.
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