Akw-Betreiber kassieren doppelt
Wie die deutschen Atomkonzerne die Verbraucher mit den Erneuerbaren Energien abzocken. Was das für die EEG-Umlage bedeutet - und warum Laufzeitverlängerungen das Ende der Energiewende sind.
Aus Berlin Nick Reimer
Im Mai 2009 war es soweit: Die regenerativen Kraftwerke lieferten in den Mittagsstunden am Himmelfahrt-Wochenende mehr Strom, als die deutschen Haushalte eigentlich brauchten. Am Pfingstwochenende 2009 wiederholte sich das, und dann Frohnleichnahm schon wieder: Dank der Sonnenkraft produzierten die grünen Kraftwerke mehr Strom, als in Deutschland verbraucht wurde.
Verbraucher müssen doppelt zahlen. (Foto: eon)
Dank des weiteren Ausbaus der Erneuerbaren wurden solche Situationen auf dem deutschen Strommarkt 2010 zur Normalität. Das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) hat im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe untersucht, was das eigentlich für die deutsche Stromwirtschaft bedeutet. "Wir stehen vor einem massiven Zielkonflikt", fasst IWES-Experte Carsten Pape das Ergebnis zusammen. Die regenerativen Stromproduzenten genießen nämlich einen so genannten "Einspeise-Vorrang": Decken Wind-, Wasser-, Biomasse-, Solar- oder Geothermie-Kraftwerke den Strombedarf, müssen alle anderen deutschen Kraftwerke abgeschaltet werden - also Kohlekraftwerke genauso wie Gas- oder Atomkraftwerke.
Das allerdings ist technisch gar nicht möglich: Atomreaktoren beispielsweise haben einen technisch komplizierten und deshalb langwierigen An- und Abfahrtsprozess. Selbst wenn die vier Atomkonzerne Deutschlands wollten: Sie haben gar keine Möglichkeit, die juristisch verbriefte Einspeisegarantie der Erneuerbaren umzusetzen. Weil aber im Stromnetz immer nur so viel Strom sein kann, wie von den Verbrauchern auch benötigt, müssen dann etwa Windparks abgeschaltet werden.
Wer nun glaubt, dies sei ein Skandal - schließlich wird Atommüll produziert, wo doch zur gleichen Zeit Windräder komplett müllfreien Strom liefern könnten - der irrt! Der Skandal nämlich ist, dass die Verbraucher dafür doppelt zahlen müssen. Zum Beispiel an Vattenfall im vergangenen Januar. "Im Netz war so viel Strom aus AKWs, dass ganze Windparks im Netzverantwortungsbereich von Vattenfall abgeschaltet werden mussten", erläutert Jürgen Quentin, Jurist bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Juristisch gedeckt sei dies durch einen Passus im Energiewirtschaftsgesetz.
Entschädigung für Windparkbetreiber. (Foto: Messina)
Allerdings muss der Netzbetreiber - in diesem Falle Vattenfall - dann den Windparkbetreiber für den nicht produzierten Strom entschädigen. "Und dies macht der Konzern über die Umlage nach Erneuerbarem-Energien-Gesetz", so jetzt Quentin. Bedeutet: Die Privathaushalte doppelt - einmal dafür, dass Vattenfall Atomstrom ins Netz lieferte, ein zweites Mal dafür, dass der Windparkbetreiber keinen Windstrom produzieren konnte und entschädigt werden muss.
Rainer Baake, Chef der DUH, prognostiziert, dass es immer häufiger zu dieser Form von Kundenabzocke kommen wird: "Das Märchen von der Harmonie der Erneuerbaren mit der Atomkraft ist entlarvt", so Baake. Klar sei, dass die Erneuerbaren noch Zeit brauchen, um zur tragenden Säule der deutschen Energieversorgung zu werden. Baake: "Um die Schwankungen der Regenerativen auszugleichen brauchen wir deshalb schnell einsetzbare Gaskraftwerke, statt solch schwerfälliger Erzeugungessysteme wie Atomreaktoren." Für ihn ist deshalb klar, dass wenn Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke beschlossen werden, dies "das Ende des Einspeise-Vorrangs für die Erneuerbaren nach sich ziehen muss". Und damit für den Ausbau der Erneuerbaren: Denn wer baut schon einen Windpark, wenn er dann keinen Strom ins Netz speisen kann?
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