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Geldverschlinger Kernfusion

Das Kernfusionsprojekt ITER hat Finanzierungsprobleme, wieder einmal. Die EU will das Prestigeprojekt retten und leitet dafür 1,4 Milliarden Euro zusätzliches Geld aus anderen Projekten um. Dienstag und Mittwoch treffen sich im französischen Cadarache nahe Marseille die Mitglieder des ITER-Rates, um darüber abzustimmen. Kritiker zweifeln, dass das Projekt jemals umgesetzt wird - und warnen, dass es knappe Fördergelder aus der Erneuerbaren-Energie-Forschung absorbiert 

Von Johanna Treblin

Es ist eine wahrhaft unendliche Geschichte mit völlig unsicherem Ausgang: Dienstag und Mittwoch trifft sich im französischen Cadarache in der Nähe von Marseille der ITER-Rat. Dessen Mitglieder wollen darüber abstimmen, ob sie die Vorschläge der Europäischen Union vom 20. Juli zur kurzfristigen Finanzierung des internationalen Kernfusionsprojekts annehmen. Die EU hat unter anderem weitere 1,4 Milliarden gebilligt.

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Beim ITER hapert es an der Umsetzung, Wendelstein 7-X ist schon fast einsatzbereit. (Fotos: EFDA)

Die 1,4 Milliarden Euro sind die Finanzlücke, die sich allein für 2012 und 2013 aufgetan hatte. Obwohl sechs weitere Partnerländer an dem Projekt beteiligt sind, hat sich die EU nach langwierigen Beratungen bereiterklärt, den Fehlbetrag allein zu tragen.

Die Vorgeschichte reicht 25 Jahre zurück, bis in die Zeit des Kalten Krieges. Im November 1985 einigten sich auf einem Gipfeltreffen die damaligen Supermächte USA und UdSSR auf ein gemeinsames Kernfusionsprojekt zu rein friedvollen Zwecken. Beteiligt sind heute auch die Europäische Union, Japan, China, Südkorea und Indien – damit haben sich quasi die Stellvertreter von 50 Prozent der Weltbevölkerung für die gemeinsame Forschung zusammengetan.

Eine unerschöpfliche Energiequelle?

Der International Thermonuclear Experimental Reactor, kurz ITER,  soll Wasserstoff-Atomkerne zu Heliumkernen verschmelzen und dabei Energie freisetzen. Die Hoffnung: ohne hohe Risiken eine praktisch unerschöpfliche Energiequelle zu erschließen. Vorbild ist dabei die Sonne, deren Energie durch ähnliche Kernfusionsmechanismen entsteht.

Mit der Kernfusion soll "aus einem Liter Meerwasser so viel Energie wie aus einem Liter Erdöl oder einem Kilogramm Kohle gezogen werden können", sagte der französische Präsident Jacques Chirac bei der Vertragsunterzeichnung für das ITER-Abkommen. Das war im November 2006. Die ITER-Wissenschaftler arbeiten "im Interesse der ganzen Menschheit zusammen", sagte er weiter. Und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso: "Mit dem ITER stellen sich die Partner der doppelten Herausforderung der Energiesicherheit und des Klimawandels."

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Der Joint European Torus ist bisher der weltweit größte Kernfusionsreaktor. ITER soll doppelt so groß werden

Der Weg dahin ist allerdings lang. Ein Vierteljahrhundert nach der Initialzündung haben sich die Projektteilhaber gerade einmal auf einen Standort festgelegt. Der Bau soll 2012 in Cadarache in Südfrankreich starten, der Reaktor dann 2018 betriebsbereit sein und 20 Jahre lang der Erforschung der Zukunftsenergie dienen. Eine kommerzielle Stromgewinnung ist erst in fünfzig Jahren vorgesehen. Dann, so die hochfliegenden Pläne, soll die Wundermaschine zehnmal mehr Energie liefern, als hineingesteckt wird.

Ursprünglich hatte es mal geheißen, der Testreaktor solle rund fünf Milliarden Euro kosten. Nun schätzt die EU-Kommission die Gesamtkosten bereits auf etwa 15 Milliarden Euro. "Kostensteigerungen bei Forschungsprojekten sind normal, aber eine Preissteigerung von 300 Prozent ist ungewöhnlich und nicht akzeptabel", sagt dazu Forschungsministerin Anette Schavan. Eigentlich unterstützt die schwarz-gelbe Regierung das Projekt, neues Geld wollte Deutschland trotzdem nicht bewilligen. Auch der jetzt von der EU vorgeschlagene Kompromiss ist für Berlin inakzeptabel: "Es darf nicht sein, dass die Umschichtung neue Projekte wie etwa den Europäischen Forschungsrat in ihrer Arbeit gefährdet."

Andere Versuchsprojekte sind schon in Betrieb

ITER ist nicht das einzige Versuchsprojekt. Andere Fusionsreaktoren zu Forschungszwecken sind schon längst im Bau oder werden sogar schon genutzt. Das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik steht in Greifswald kurz vor der Fertigstellung des Baus von Wendelstein 7-X, im kommenden Jahr soll die im Vergleich zu ITER eher kleine Anlage in den Testbetrieb gehen. Unter anderem in China, Japan, England und der Schweiz sind Funsionsreaktoren bereits im Versuchsbetrieb. Bisher allerdings liefern die Reaktoren keine Energie - sondern schlucken große Mengen. Im Mai behauptete Nordkorea, Energie aus Kernfusion zu gewinnen. Südkoreanische Forscher bezweifelten dies aber.

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So soll ITER einst aussehen - irgendwann einmal

Das Gemeinschaftsprojekt ITER wird zu 45 Prozent von der Europäischen Union finanziert. Einen großen Teil der Kosten übernimmt Frankreich, wo der Reaktor auch stehen soll. Kritiker gehen davon aus, dass die Kosten noch weiter steigen werden.

Für die Jahre 2012 bis 2013 hat die Europäische Union nun jedenfalls weitere 1,4 Milliarden Euro zugesagt. "ITER ist eine sichere, saubere und unerschöpfliche Energiequelle", meinen die EU-Kommissare für Haushalt und für Forschung, Janusz Lewandowski und Maire Geoghegan-Quinn. Der spätere Energiegewinn mache jede Investition wieder wett. "Besonders, wenn man bedenkt, dass Europa im Jahr 2008 Energie für fast 400 Milliarden Euro einführen musste." Der ITER-Rat, der aus je vier Vertretern der sieben Projektteilnehmer besteht, will die Vorschläge zur Finanzierung in dieser Woche absegnen. Unter Vorbehalt, denn noch fehlt die Zustimmung von Europäischem Parlament und dem EU-Ministerrat (also den zuständigen Fachministern der Mitgliedsstaaten).

Erneuerbare können EU schneller vollversorgen als ITER

"Ausgerechnet in Zeiten härtester Haushaltskürzungen beschließt die Kommission Milliarden für eine Technologie, die zumindest für viele Jahrzehnte keine Lösung für die drängenden Probleme der Energieversorgung bietet", kritisiert Grünen-Fraktionschefin Rebecca Harms. "Mehrere Studien haben allein in diesem Jahr gezeigt, dass erneuerbare Energien bis 2050 den gesamten Energiebedarf der EU decken können." Die Atomfusion werde bis dahin nicht kommerziell betrieben und sei somit irrelevant für die europäische Energiezukunft. Das Beharren auf ITER gleiche mehr dem Bekenntnis einer Glaubens- denn dem einer Forschungsgemeinschaft.

Stop ITER, ein Netzwerk aus französischen Nichtregierungsorganisationen, darunter regionale Ableger von Attac und Friends of the Earth, hält das Fusionsprojekt für technisch nicht umsetzbar. Darüber hinaus schlucke es Unmengen an Geld, das entsprechend den erneuerbaren Energien vorenthalten werde. Die Sicherheit sei nicht garantiert und schließlich werde auch bei der Kernfusion radioaktive Strahlung freigesetzt. "Fasziniert von der Fusion", heißt es in einer Erklärung des Netzwerks, "verlieren die Entscheidungsträger jeglichen Sinn zur Realität."

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