EU biegt sich Agrosprit-Studien zurecht
Agrosprit ist ein Bombengeschäft für Europas Bauern. Damit das so bleibt, haben EU Beamte offenbar an Studien gedreht, die zeigen, dass Agrosprit dem Klima auch schaden kann.
Aus Bangkok Christian Mihatsch
Europas Bauern sind im Agrospritrausch. In der EU wurden 2008 knapp zehn Millionen Tonnen Agrodiesel und Agrobenzin hergestellt. Doch andernorts führt diese Art der Bodennutzung zur Abholzung der Regenwälder und Agrosprit ist damit oft klimaschädlicher als Treibstoffe aus Erdöl. Doch davon wollte das Agrar-Ressort der EU-Kommission offenbar nichts wissen - und wenn möglich sollte wohl überhaupt niemand davon erfahren: Wie die Nachrichtenagentur Reuters am Ende einer langen Recherche berichtet, wurde beispielsweise eine Studie des deutschen Fraunhofer-Instituts entsprechend gekürzt; das gehe jedenfalls aus Dokumenten hervor, die Reuters vorliegen. Vertreter des Landwirschaftsressorts haben demnach eine Textstelle zensiert, die besagte, dass Biosprit aus Sojabohnen viermal klimaschädlicher sein kann normales Benzin aus Erdöl.
Agrosprit ist nicht per se klimafreundlicher als konventioneller Sprit. Es kommt darauf an was drinsteckt - zum Beispiel beim Agrodiesel, der nicht nur aus Raps, sondern auch aus Palmöl hergestellt wird. (Foto: Martin Sieber)
Bei einer anderen Studie wurde nicht der Abschlussbericht verfälscht, sondern die EU-Beamten hätten den Autoren unsinnige Annahmen vorgegeben, so der Bericht der Nachrichtenagentur. Die Studie des International Food Policy Research Institutes (IFPRI) kam denn auch zu einem für Agrosprit vorteilhafteren Ergebnis als die bereits erwähnte Fraunhofer-Studie. Doch das Ergebnis hängt, wie jeder Wissenschaftler weiß, erheblich von den zugrundeliegenden Annahmen ab. So hätten die EU-Beamten den IFPRI-Forschern gesagt, sie erwarteten, dass vom gesamten Agrospritverbrauch 55 Prozent auf Agrodiesel und 45 Prozent auf Agrobenzin entfällt. In Wirklichkeit dürften 80 Prozent auf Agrodiesel entfallen, wie einer der Autoren der Studie selbst sagt. Dies klingt wie ein kleines Missverständnis, hat aber für das Studienergebnis wichtige Folgen: Agrodiesel ist nämlich klimaschädlicher als Agrobenzin - wird also ein zu geringer Agrodiesel-Anteil vorausgesetzt, dann verbessert sich insgesamt die Klimabilanz der Agrotreibstoffe.
Aber die EU-Agraradministration verfälscht nicht nur Studien zugunsten der Agrospritlobby, sondern berät diese gar, wie sie am besten gegen die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse vorgeht. Dies behauptet zumindest Reuters und beruft sich dabei auf zwei EU-Quellen. Die Agrospritlobby versucht derweil zu relativieren: "Niemand spricht über die indirekten Effekte der Ölförderung. Schauen Sie sich mal an, was im Golf von Mexiko passiert", sagt der Chef der europäischen Agrodiesellobby Raffaello Garofalo.

Vor Palmöl Agrodiesel und "Urwald im Tank" warnen auch Umweltorganisationen wie Greenpeace. (Foto: Greenpeace Schweiz)
"Ich finde es skandalös, dass die EU-Kommission die wissenschaftlichen Studien versteckt, auf der die Klimapolitik beruht", sagt Tim Grabiel, von der auf Umweltrecht spezialisierten Anwaltskanzlei ClientEarth. "Wenn die Leute ihren Tank mit Agrosprit füllen, haben sie ein Recht darauf zu wissen, ob sie so die Entwaldung auf der anderen Seite des Planeten fördern."
Die Beamten im EU-Agrar-Ressorts aber meinen wohl, die Leute sollten das besser nicht wissen. Denn sonst droht der Agrospritrausch mit einem Agrospritkater zu enden.
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 02 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Reimers kleine Zahlenkunde
930 Euro für Angela Merkel Mehr Geld für die Kanzlerin ist gut und richtig. Jetzt sollten als nächstes die Bezüge der Abgeordneten angehoben werden! Vielleicht hilft das ja, die Qualität der angebotenen Politik zu verbessern. [mehr...]
Meinungen: Kommentar
Treffer Röttgen - aber nicht versenkt Er wollte Karriere über den Umweg der Provinz machen - und ist gescheitert. Nun fordert die Opposition seinen Rücktritt. Der aber wird nicht kommen.
Ein Kommentar von Nick Reimer [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Vattenfall: Einfach schlecht vorbereitet
Es gibt Werbekampagnen, die so schlecht sind, dass man sich fragt, wie sie jemals zustande kommen konnten. Ist die Agentur zu blöd? Wollen die Chefs, die die Kampagne abnehmen, ihre Firma bewußt schädigen? Ist das Produkt so miserabel, dass es[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed





Regenwald-Zerstörung über die Tankstelle: Für die Herstellung von Agrodiesel werden in Indonesien und Argentinien Urwälder gerodet
Die Biokraftstoffbranche trifft sich zu ihrer Jahrestagung in Berlin - und formuliert scharfe Kritik an der Bundesregierung und der EU. Die Diskussion über eine Einbeziehung der sogenannten indirekten Landnutzungsänderung bei der Treibhausgasbilanz gefährde die Ziele für erneuerbare Mobilität.
Peter Brabeck-Letmathe sprach sich in einem Interview für ein völliges Verbot von Energiepflanzenanbau aus, wenn dieser mit Nahrungsmittelproduktion konkurriert
Die Einführung von E10 scheint ein Flop: Die Mineralölwirtschaft zögert bei der Umstellung und verweist auf streikende Spritkunden. Umweltminister Norbert Röttgen kritisiert das "Durcheinander", Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) ruft zum Benzin-Gipfel.
Der Absatz von reinem Agrodiesel ist 2011 fast vollständig eingebrochen. Und auch die Markteinführung des Agrotreibstoffs E10 entpuppte sich als Flopp. Wo steht die deutsche Agrokraftstoffbranche zur Zeit? Die Verbände der Mobilität vom Acker ziehen Bilanz.
Der Agrosprit sorgt in Brasilien für große Schwierigkeiten: Sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse, Verdrängung von Kleinbauern und ökologische Probleme. Doch die Regierung gibt großzügig Kredite.
In Afrika nimmt die illegale Landnahme zu. Genutzt wird das Land vor allem von ausländischen Firmen, die Agrotreibstoffe für den europäischen Markt herstellen. Einer neuen Studie zufolge sind mindestens fünf Millionen Hektar Land betroffen
Die Lufthansa hat ihren Test zum Einsatz von Agrosprit bei Inlandsflügen mit einer positiven Bilanz beendet. Nun steht der interkontinentale Test an. Zwar kündigte der Konzern an, den Sprit im großen Maßstab erst dann einzusetzen, wenn dessen Nachhaltigkeit belegt ist. Entwicklungspolitische Organisationen kritisieren aber, dass Lufthansa schon jetzt zu den sozialen Auswirkungen der Agrospritgewinnung schweigt.
Forschungseinrichtungen, Fluglinien und Produzenten von Agrosprit gründen "Aviation Initiative for Renewable Energy in Germany"/Kritik von Umweltschützern
Autofahrer haben ab 2011 an der Tankstelle die Wahl: Auch Agrosprit mit 10-Prozent-Beimischung an der Zapfsäule
2010 ist die Produktion um 6,5 Prozent gestiegen, Industrieverband rechnet mit weiterer Zunahme
Bundesumweltminister kündigt Kabinettsbeschluss an: Nach dem Mittwoch sollen 10 Prozent Bioethanolanteil in den Tank - ab 2011
Öko-Institut: Nur wenige Agrokraftstoffe sind klimafreundlicher als Fossile. Landnutzungsänderung hat negative Auswirkungen für Klimabilanz der EU
Public Eye Award für Neste Oil: menschen- und umweltverachtende Geschäftspraktik "ausgezeichnet"
Bis 2020 will die EU den Anteil der erneuerbaren Energien im Verkehrssektor auf zehn Prozent erhöhen. Hierfür soll vor allem mehr Agrosprit in europäische Tanks fließen. Die Kommission hat heute sieben freiwillige Zertifizierungssysteme anerkannt, die garantieren sollen, dass die Herstellung der Treibstoffe keinen Schaden anrichtet. 


