Atomsteuer? Kein Problem, siehe Schweden!
Schwarz-Gelb will im Rahmen seines "Sparpakets" eine Steuer auf Akw-Brennelemente. Die Atomlobby zetert: Geht nicht! Doch in Schweden gibt es seit langem eine ähnliche Abgabe. Und nicht nur dort.
Aus Stockholm Reinhard Wolff
Zeter und Mordio riefen die deutschen Akw-Betreiber, als Schwarz-Gelb vor ein paar Wochen eine Brennelementesteuer beschloss. Eine solche Atomabgabe sei diskriminierend und verstoße gegen EU-Recht, hieß es - doch das EU-Land Schweden hat eine vergleichbare Steuer. Seit zehn Jahren schon. Im Parlament in Stockholm gibt es eine breite Mehrheit dafür. Und auch die Stromkonzerne haben sich inzwischen mit ihr abgefunden.
Auch das Akw Krümmel soll nach den Plänen der Bundesregierung bald Steuern zahlen - doch Betreiber Vattenfall ist dagegen. In seiner Heimat Schweden aber hat er sich an entsprechende Abgaben gewöhnt
Zum 1. Januar 2008 wurde – unter der jetzigen konservativ-liberalen Regierung – die Akw-Steuer um 24 Prozent erhöht. Sie beläuft sich derzeit auf 12.648 Kronen (umgerechnet etwa 1.270 Euro) pro Megawatt thermischer Leistung. Das ergab beispielsweise für das Jahr 2008 ein Steueraufkommen von 3,97 Milliarden Kronen, umgerechnet rund 400 Millionen Euro. Was übrigens etwa den Einnahmen des schwedischen Fiskus aus der Kfz-Steuer entsprach.
Nach Angaben des schwedischen Stromkonzerns Vattenfall, dessen deutsche Tochter hierzulande die Brennelementesteuer ablehnt, macht die Akw-Steuer etwa ein Drittel der Herstellungskosten für schwedischen Atomstrom aus. Unabhängige Berechnungen halten das für übertrieben - sie schätzen, dass 5,5 Öre der Gestehungskosten von rund 20 Öre (umgerechnet ca. 2 Cent) auf der Steuer beruhen.
Die schwedische Atomlobby beklagte sich in Brüssel über die Steuer - ohne Erfolg
Als die Steuerpläne der Regierung Merkel bekanntwurden, drohten die hiesigen Stromriesen mit einer Klage - die Brennelementesteuer verstoße gegen EU-Recht, so die Behauptung. Ähnliches versuchte die Atomlobby in Schweden. Vergeblich. Vor sechs Jahren hatte sich der liberale schwedische Europaparlamentarier Olle Schmidt zu ihrem Sprecher gemacht und sich bei der EU-Kommission beklagt, die schwedische Akw-Steuer diskriminiere gleich doppelt. Zum einen sei sie ein Nachteil gegenüber anderen schwedischen Stromproduktions-Technologien. Zum anderen stelle sie auch einen Konkurrenznachteil schwedischer Atomstromproduzenten gegenüber jenen etwa in Finnland oder Deutschland dar, die solche Steuer nicht zahlen müssten. Der Wettbewerb bei der Stromproduktion im Binnenmarkt werde also verfälscht, außerdem die europäische Strommarktliberalisierung und der grenzüberschreitende Stromhandel behindert.
Die Anfrage wurde abgeschmettert. Die EU-Energiesteuerrichtlinie 2003/96/EG, auf die sich die Konzerne beriefen, solle zwar das europäische Steuerniveau harmonisieren - aber gewissermaßen nur nach unten. Die Vorschrift lege lediglich ein Minimum für die Besteuerung von Energieprodukten fest, heißt es in der Antwort der damaligen Energiekommissarin Loyola de Palacio vom 23. März 2004: Jedes Mitgliedsland habe darüberhinaus die Freiheit höhere Steuern festzulegen. Das Gemeinschaftsrecht „verbietet auch keine umgekehrte Diskriminierung“ und mische sich nicht in die steuerliche Belastung einzelner Energiequellen durch die Mitgliedsländer ein.

"Abschöpfung wirtschaftlicher Privilegien" - zum Beispiel beim Akw Biblis (Fotos: Greenpeace)
Ähnlich argumentiert in Deutschland auch das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS). Es hat verschiedene Varianten einer Atomkraft-Steuer vorgeschlagen, im Auftrag von Greenpeace erstellten die Wissenschaftlicher kürzlich sogar ein detailliertes Konzept. Ziel müsse eine "wenigstens partielle Abschöpfung wirtschaftlicher Privilegien der Kernenergie" sein, die "bereits jahrzehntelang von diversen staatlichen Regelungen begünstigt wird", so das FÖS. Nicht nur auf das schwedische Beispiel verweisen die Experten bei ihrer Machbarkeitseinschätzung: Auch in den Niederlanden habe es von 1997 bis 2000 eine Brennstoffsteuer gegeben, in Belgien gebe einen Parlamentsbeschluss zur Einführung einer solchen. Außerhalb der EU existiere beispielsweise in den japanischen Provinzen Fukushima und Ishikawa lokale Abgaben (umgerechnet ca. 86 Euro pro Kilogramm Kernbrennstoff).
Die kommende Wahl in Schweden könnte eine weitere Erhöhung der Atomsteuer nach sich ziehen
Nach einem möglichen Wahlsieg der rot-rot-grünen Regierungsalternative im September könnte die AKW-Steuer erneut erhöht werden. Die Grünen sehen neben verschärften Sicherheitsbestimmungen und Auflagen für die Reaktorbetreiber, das Risiko ihrer Anlagen vollumfänglich versichern zu müssen, eine kräftig erhöhte „Kärnkraftskatt“ als einen Hebel für einen Atomkraftausstieg an. Im rot-rot-grünen Regierungsprogramm wird angekündigt, man wolle die Einnahmen aus der Steuer 2011 um rund eine Milliarde Kronen, also rund ein Viertel steigern.
Mitarbeit: Toralf Staud
Übrigens: Guter Journalismus kostet...
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto

Die Schlagzeilen um 10 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Kommentar
Die Öko-Energie boomt, aber nicht genugEin neuer UN-Report zeigt: Die Invesitionen in erneuerbare Energien gehen weltweit zurück. Doch der Schein trügt. Weil letztere immer billiger werden, sprießen immer mehr Windkraft-, Solar- und Biomasseanlagen aus dem Boden. Damit die Erneuerbaren aber in näherer Zukunft einen gewichtigen Teil der Energieerzeugung weltweit tragen können, muss der Boom beschleunigt werden. Die Bundesregierung sollte statt auf die Bremse aufs Gaspedal treten.
Ein Kommentar von Joachim Wille [mehr...]
Meinungen: Überraschung der Woche
Volkes Begehren, Brüderle und sehr viel WasserKalenderwoche 24: Nach dem Volksentscheid in Berlin: Die Erwartungen, die in der Öffentlichkeit an den Netzrückkauf bei vielen Menschen geweckt werden, sind nicht umzusetzen, sagt Gero Lücking, Vorstand des Ökostrom-Anbieters Lichtblick und Herausgeber von klimaretter.info [mehr...]
Ob Stromkosten, EEG-Reform oder Fracking – Energie- und Klima-Themen bestimmen den Wahlkampf mit. Damit Sie den Überblick behalten, begleiten wir Sie bis zur Bundestagswahl mit Kommentaren, Politiker-Interviews und aktuellen Nachrichten. Außerdem gibts ein paar Überraschungen. [hier gehts zum Wahl-Dossier...]
Die Debatte zur Zukunft des EEG Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Doch nun ist eine grundlegende Reform (über-)fällig. Die Frage ist nur – wie? klimaretter.info hat Fachleute um ihre Vorschläge gebeten. [mehr...] | Fossile Kraftwerke weltweit kartieren Klimaforscher bauen mit Hilfe der Netz- Gemeinde eine globale Datenbank über fossile Kraftwerke auf. Auch für Deutschland fehlen noch Angaben. Wer internationale Kontakte hat oder im Urlaub ein Kraftwerk sieht, ist ebenfalls gefragt. [mehr...] |
In eigener Sache
Unterstützen Sie guten Journalismus
Unabhängiger Journalismus braucht Förderer. Der Klimawissen e.V. unterstützt die Arbeit des Online-Magazins klimaretter.info. Werden Sie Fördermitglied oder spenden Sie für die Berichterstattung! [hier...]
Deutschlands nobelster Autobauer hat gerade eine neue Anzeigenkampagne gestartet. Mit dieser Darstellung: Na? Geht Ihnen eine Energiesparlampe auf? Nein, das abgebildete Ding ist nicht der neue Stern, der Daimlers Benzen vorne auf den Kühlergrill geschraubt wird. Es handelt sich auch[…]
[mehr...]
Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
EEG 2.0 - Die Debatte zur Zukunft des EEG
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E 10 und das Politikversagen - Wie es nun weitergeht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Die Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen-ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Was Doha wert ist - Meinungen und Analysen
Doha Dezember 2012 - COP18
Doha-Countdown - Die Welt vor Doha
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Durban-Countdown - Die Welt vor Durban
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Cancún-Countdown - Die Welt vor Cancún
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Kopenhagen-Countdown - Vor dem Supergipfel
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznań Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook-Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed



Satter Profit durch Nichtstun und Produktionsdrosselung: Der Energiekonzern Vattenfall stellte in Schweden zu Zeiten hoher Energie-Nachfrage seine Atomkraftwerke ab - und macht durch die Verknappung Strom teurer und satte Extragewinne.
Brasilien führt in Sachen Klimaschutz auch in diesem Jahr, Deutschland hält sich auf Platz sieben. Auf dem Klimagipfel in Cancún haben Germanwatch und CAN Europe den Klimaschutz-Index vorgestellt.
Ein vergessener Staubsauger verursacht einen Brand im Atomkraftwerk Ringhals. Und Schäden in Millionenhöhe. Es ist nicht die erste Panne in dem südschwedischen Reaktor. Schon seit 2009 steht die Anlage unter "verschärfter Aufsicht". Jetzt droht Vattenfall der Entzug der Betriebserlaubnis.
Atomkonzerne werden in der Vereinbarung zwischen den AKW-Betreibern und der Bundesregierung gut abgesichert. Zulasten des Fonds für Erneuerbare Energien: Die Beiträge sind auch an Kosten zur Sicherheitsnachrüstungen und die Brennelementesteuer gekoppelt. Opposition und Umweltschützer kritisieren einen "schmutzigen Deal",Transparency International sieht demokratische Grundregeln in Frage gestellt.
Schwedens Atomkraftwerke sollen zu mehr als 40 Prozent ausgelastet werden, um die Strompreise gering zu halten
Schwedens Atomkontrollbehörde stellt nach Schlampereien das größte AKW des Landes ab. Die Betreiber Vattenfall und Eon hatten Abfall in den Rohren des Notkühlsystems zwanzig Jahre lang nicht entdeckt. Damit sind nur noch drei von zehn schwedischen Atomkraftwerken mit voller Leistung am Netz. Greenpeace protestiert gegen den angeblich "sichersten Reaktor".
Die Bundesregierung will erst Ende September über die Brennelementesteuer entscheiden
Vattenfall will – wieder mal – grün und grüner werden. Bis zum Jahr 2020 soll der Kohlendioxidausstoß des schwedischen Staatskonzerns um ein Drittel sinken, neue Investitionen sollen nur noch in Erneuerbare fließen. Doch im Kleingedruckten sieht das ganz anders aus.
Kanzlerin Merkel wirbt in ihrer wöchentlichen Videobotschaft für das Energiekonzept der Bundesregierung. Atomkraftwerksbetreiber müssten 60 Prozent ihres Gewinns abgeben
Die vier Atomkonzerne wollen zahlen, wenn die Laufzeiten um zwölf Jahre verlängert werden
Der Atomausstieg soll jetzt doch stufenweise kommen. Jedes Atomkraftwerk erhält ein eigenes Abschaltdatum, ein AKW bleibt aber auf Reserve. Der Energiekonzern Vattenfall fordert Entschädigung.
Die Betreiber von Atomkraftwerken wollen keine Brennelementesteuer, sondern bevorzugen ihr eigenes Fonds-Modell, das erneuerbaren Energien zugute kommen solle. Ob das rechtlich möglich ist, ist allerdings fraglich. Und dazu: Der Staat soll die Gelder für den Fond vorfinanzieren. Die Opposition strebt nun eine Verfassungsklage in Karlsruhe an. Klarheit im Atomstreit will die Regierung bis September schaffen.
RWE und Eon klagen über "negativen Einfluss" des Atom-Moratoriums. Auch Greenpeace hat einen milliardenschweren Kostenplan für Moratorium und schnelleres Atom-Aus vorgelegt - und fürchtet einen Kampf "um jedes Jahr Laufzeit".
Die Bundesregierung lässt untersuchen, ob die deutschen Reaktoren gegen Flugzeugabstürze oder Erdbeben geschützt sind. Andere Risiken werden dabei außer Acht gelassen. Dabei zeigen die schweren Katastrophen der Vergangenheit, dass gerade die unerwarteten Fehler im Kleinen gefährlich werden können – oder auch menschliches Versagen.
Kohle ist Deutschlands einziger Energieträger, sagt Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers - und fordert einen Vorrang vor Atomkraft. In niedersächsischen Wilhelmshaven haben Erprobungen für die unterirdische Speicherung von CO2 begonnen. 

