Kohle steht vor Superzyklus
Kohle ist zwar dreckig, aber billig und fast unbegrenzt verfügbar. In China geht Versorgungssicherheit vor Klimaschutz. Einerseits werden zwar erneuerbare Energien massiv ausgebaut, andererseits entstehen auch neue Atom- und Kohlekraftwerke. Und damit ist China nicht allein. Kohle ist der fossile Energieträger, dessen Ausbau am schnellsten wächst.
Aus Bangkok Christian Mihatsch
China ist Windkraftweltmeister. Das Land produziert mittlerweile mehr Windturbinen und Solarkraftanlagen als jedes andere. Im vergangenen Jahr hat China doppelt soviel Geld in erneuerbare Energien investiert wie die USA. Chinesische Unternehmen drängen mit Macht in den Markt für grüne Technologien. Dabei geht es der chinesischen Regierung aber weniger um Klimaschutz oder Industriepolitik, sondern in erster Linie um eine Verbesserung der Versorgungssicherheit. Das schnelle Wirtschaftswachstum geht einher mit einem immer größeren Energiehunger, der aber zu einem immer kleineren Teil aus einheimischen Quellen gesättigt werden kann. Während China noch in den 90er Jahren Öl exportierte, ist das Land mittlerweile der größte Kunde des ölreichen Staats Saudi Arabien.

Doch Importe aus dem Persischen Golf sind problematisch. Der Iran droht immer wieder mit einer Schließung der Straße von Hormuz, vor der afrikanischen Küste lauern somalische Piraten und die Malakkastraße wird von den USA kontrolliert. Daher sollte "die Energieversorgung dort sein, wo man seinen Fuß draufsetzen kann" zitiert die New York Times den chinesischen Energiespezialisten Li Junfeng. Ein möglichst großer Teil des Energieverbrauchs soll also im Inland produziert werden.
Davon profitieren allerdings nicht nur die erneuerbaren Energien sondern auch Atom- und Kohlekraft. China will in den nächsten zehn Jahren mehr Atomkraftwerke bauen als jedes andere Land. Und jede Woche gehen zwei neue Kohleblöcke ans Netz. Denn Kohle hat das Reich der Mitte im Überfluss. Nach den USA und Russland sitzt es auf den drittgrößten Reserven. Zwei Drittel des Stroms wird mit Kohle erzeugt, weswegen China mittlerweile mehr CO2 ausstößt als die USA. Aber nicht nur in China wächst der Kohleverbrauch unablässig. Kohle ist weltweit der am schnellsten wachsende fossile Energieträger. Der Kohleverbrauch steigt doppelt so schnell wie der Verbrauch von Erdgas und viermal schneller als der Ölverbrauch.

Der weltweite Kohlekonsum von 2008 (Grafik: Internationale Energieagentur)
Peabody Energy, der größte Kohleproduzent der Welt, sieht die Industrie denn auch vor einem "langfristigen Superzyklus". "Es ist erstaunlich, dass ein altbekannter Rohstoff wie Kohle in zehn Jahren um fast 50 Prozent wachsen kann. Dies spricht für große Verfügbarkeit und niedrige Kosten", sagt Gregory Boyce, der Chef des Unternehmens. Die Zahlen untermauern seine Sicht der Welt: Seit 1970 hatte Kohle nie einen höheren Anteil am Welt-Energiemix als heute, schreibt der Ölkonzern British Petroleum in seinem Energiestatistikjahrbuch. Und dieses Jahr gehen neue Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von 94 Gigawatt ans Netz. Diese verfeuern 375 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr. Bis ins Jahr 2030 wird der Kohleverbrauch so um 48 Prozent auf knapp zehn Milliarden Tonnen zunehmen, schätzt die Internationale Energie Agentur IEA.
Dabei ist die Wahrscheinlichkeit klein, dass in naher Zukunft ein Großteil der von Kohlekraftwerken produzierten Kohlendioxid-Emissionen abgesondert und unterirdisch verpresst wird. Die auf englisch als Carbon Capture and Storage, kurz CCS, bekannte Technologie befindet sich noch im Stadium der Versuchsanlagen. Um die CCS-Entwicklung voranzutreiben, wurde auf dem G8-Gipfel 2005 in Gleneagles beschlossen, sie weltweit zu fördern. Regierungen versprachen 26 Milliarden Dollar an Fördermitteln. Dennoch dürften selbst im Jahr 2030 nur drei bis fünf Prozent der Kohlekraftwerke mit CCS ausgestattet sein, schreiben David Victor und Richard Morse im Boston Review. Das Hauptproblem ist der Preis. CCS verteuert die Stromproduktion um rund ein Viertel. Außerdem verbraucht der CO2-Abscheidungsprozess selbst Energie, wodurch der Kohlehunger weiter steigt. Und so steht nicht nur die Kohleindustrie vor einem neuen "Superzyklus", sondern wohl auch das Weltklima.
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