Norwegen landet doch nicht auf dem Mond
Der weltweit größte Versuch zur Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid wird erst einmal nicht verwirklicht. Gründe sind technische Probleme und die mangelnde Wirtschaftlichkeit. Vattenfall will aber trotzdem in Brandenburg mit den Erkundungsarbeiten beginnen.
Aus Stockholm REINHARD WOLFF
"Ein umweltpolitischer Skandal ist das und das schlimmste, was ich in den letzten 10 Jahren norwegischer Umweltpolitik erlebt habe", schimpft Marius Holm, stellvertretender Vorsitzender der Umweltschutzorganisation Bellona. Am Wochenende wurde der Beschluss der norwegischen Regierung bekannt, ihr klimapolitisches Prestigeprojekt auf den Sankt-Nimmerleinstag zu verschieben. Die CCS-Anlage (Carbon Dioxide Capture and Storage) beim Gaskraftwerk in Mongstad wird vorerst nicht gebaut.

Dort sollte der weltweit bislang größte Versuch der Abscheidung von Kohlendioxid und der unterirdischen Lagerung dieses Klimagases eigentlich bereits in diesem Jahr in Betrieb gehen. Ein zweites Projekt am gleichen Standort, ein kleineres Gaskraftwerk zur Stromversorgung, war bereits im Spätsommer letzten Jahres gekippt worden. Das Projekt, um das es jetzt geht, ist ein kombiniertes Strom- und Wärmekraftwerk, dass seit 2007 gebaut wird und noch in diesem Jahr in Betrieb geht - nun aber ohne CCS.
Die CCS-Technik werde für Norwegen vergleichsweise das werden, was das Mondlandeprojekt einmal für die USA war, hatte Norwegens sozialdemokratischer Ministerpräsident Jens Stoltenberg vor drei Jahren stolz verkündet. Die Kohlendioxid-Lagerung galt als Kernpunkt auf dem Weg zum "ersten Null-Emissions-Staat der Welt", der Norwegen bis spätestens 2050 werden will. Und um das zu erreichen versprach die Regierung auf der Klimakonferenz in Bangkok eine Reduktion um 40 Prozent bis 2020 - sozusagen als Zwischenetappe.
Norwegischer Stromkonzern: CCS ist weit teurer, als bislang angenommen
Nach Problemen bei der Umsetzung der Technik zur Kohlendioxid-Abscheidung wurden die ursprünglichen Pläne schon vor zwei Jahren erstmals revidiert. "Die CCS-Technik erwies sich als weit teurer als bislang angenommen und würde mehr kosten als das gesamte Kraftwerk", begründet der norwegische Stromkonzern BKK bereits im vergangenen Spätsommer ein Abrücken von CCS. Das neu gebaute Gaskraftwerk sollte nun auch ohne diese Technik betrieben werden dürfen und damit jährlich zusätzlich 1,3 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen. Aber nur bis 2014, dann hätte nachgerüstet werden müssen.
Nun gilt auch diese zeitliche Beschränkung nicht mehr. Oslo will in der bis 2013 laufenden Legislaturperiode über die bereits verbrauchten rund 1 Milliarde Euro an Entwicklungskosten hinaus überhaupt keine neuen Gelder für das CCS-Projekt zur Verfügung stellen und nicht einmal einen entsprechenden Investitionsbeschluss fassen. Darüber solle erst danach das neu gewählte Parlament entscheiden.

Die Mongstad-Reinigung könnte dann frühestens 2018-2020 in Betrieb gehen. Wenn überhaupt. Begründung: Die Technik sei nicht fertig, die mutmasslichen Investitionskosten hätten sich vervielfacht und es müssten erst einmal andere Prioritäten gesetzt werden. "Alles ist viel komplizierter, als wir das vor vier Jahren angenommmen hatten", sagt Cathrine Torp, Informationschefin des staatlichen Ölkonzerns Statoil, der federführend für die Umsetzung des Projekts ist.
"Ein Dolch in den Rücken" ist das für Marius Holm. Im Gegensatz zu den meisten anderen Umweltschutzorganisationen glaubte Bellona bislang an die Möglichkeiten der CCS-Technik: "Wir haben viel Energie darauf verwendet, diese Politik zu verteidigen." Kurt Oddekalv, Vorsitzender der Naturschutzorganisation "Miljøvernforbundet", von Anfang an ein CCS-Skeptiker: "Solange ich lebe, wird diese Technik nicht verwirklicht. Kohlendioxid-freie Gaskraftwerke sind eine Unmöglichkeit. Da bin ich sicher." Kurt Oddekalv ist jetzt 52.
Norwegen verspricht Treibhausgase einzusparen, produziert aber immer mehr
Die politische Opposition wirft der rot-rot-grünen Koalition "Betrug" vor und Ola Elvevold von der Umweltorganisation "Natur og Ungdom" meint, diese Regierung produziere vorwiegend heiße Luft. In der Klimapolitik habe das Land jetzt zwei Legislaturperioden verschleudert. Es gebe eigentlich kein klimapolitisches Versprechen, das man nicht gebrochen habe.
Statt seinen Kohlendioxid-Ausstoß zu senken, hat Norwegen diesen im Vergleich zu 1990 nun um 11 Prozent gesteigert. Öl- und Energieminister Terje Riis-Johansen kündigte an, anstelle der jetzt gestrichenen Reduktionsbemühungen durch das CCS-Projekt werde Oslo in entsprechendem Umfang auf dem Zertifikatemarkt Verschmutzungsrechte kaufen.

Im Landkreis Oderspree formiert sich der Widerstand. (Fotos: Reimer)
Unterdessen hat der Brandenburger CDU-Bundestagsabgeordneten Jens Koeppen gefordert, dass Vattenfall in Brandenburg jene Kommunen entlohnen müsse, deren Untergrund künftig als Speicher für Kohlendioxid genutzt werden soll. Vattenfall hat vom Landesbergamt die Genehmigung erteilt bekommen, östlich von Berlin im Raum Neutrebbin sowie im Landkreis Oderspree bei Beeskow den Untergrund auf Eignung für Kohlendioxid-Endlager zu untersuchen. Die Betreiber der Speicher müssten in die Pflicht genommen werden, betonte Koeppen in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Es sei nur fair, da Grund und Boden nicht umsonst in Anspruch genommen werden dürfen.
Pro gespeicherter Tonne Kohlendioxid sollen die Kommunen einen Euro erhalten - Inflation sowie steigende Zertifikatpreise im Emissionshandel werden angepasst, sagte Koeppen, Berichterstatter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für das CCS-Gesetz. Vattenfall will trotz anhaltender Proteste in den betroffenen Regionen noch in diesem Jahr mit den Erkundungsarbeiten anfangen.
Mitarbeit: NICK REIMER
Die Schlagzeilen um 03 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Kommentar
Frostiges Missverständnis Erderwärmung und sibirische Kälte - wie passt das zusammen? Leider viel zu gut.Ein Kommentar von Joachim Wille [mehr...]
Meinungen: Kommentar
Die gute Nachricht Die EU-Kommission zeigt, dass ein ambitioniertes Klimaschutzziel möglich ist - aber Deutschland sträubt sich noch.Ein Kommentar von Joachim Wille [mehr...]
Jahresrückblick
2011: Das Jahr der Rekorde
Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, Bundeskanzlerin Angela Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Hamburger Mucken auf. Neuer Schmelzrekord in der Aktis, neuer Emissionsrekord in der Atmosphäre und so viel Flugpassagiere wie noch nie - der Jahresrückblick 2011. [mehr]
Aktion des Monats In den USA formieren sich Lobbyisten nachdem US-Behörden dem Gitarrenbauer Gibson die Einfuhr von illegalen Tropenhölzern nachweisen konnten. Vorn dabei: Die rechtskonservative Tea Party. Gemeinsam wollen diese das Lacey-Gesetz, dass den Import der Tropenhölzer für illegal erklärt, kippen. [mehr] | Durban 2011 Was war die 17. UN-Klimakonferenz - eine weitere Pleite der Diplomatie oder der Startschuss für das bitter nötige globale Klimaabkommen? Alle Berichte unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten aus Südafrika können Sie im Durban-Dossier nachlesen. [mehr] |
Neue Klimaretter-Serie
Die Gesetze der Energiewende
Diesmal soll sie gelingen, die Energiewende. Die schwarz-gelbe Regierung hat dafür umfangreiche Gesetze verabschiedet - oft mit Stimmen der Opposition. In einer Serie analysiert klimaretter.info, was drin steht in den Gesetzen. Und was von ihnen zu halten ist.
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | In eigener Sache Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann unterstützen Sie uns, denn unabhängiger Journalismus kostet Geld. Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
INSM: Der Schwindel vom grünen Wachstum
Die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) ist eine Lobbyorganisation, die vor gut zehn Jahren vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall gegründet wurde. Mit einem Jahresetat von – nach eigenen Angaben – derzeit gut sieben Millionen Euro versucht sie Stimmung zu machen für eine[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed



Gemeinde Barnim-Oderbruch gibt Gutachten für Kohlendioxid-Speicherung in Auftrag. Erhöhter Druck könnte Trinkwasser in 100 Kilometer Entfernung versalzen.
Noch immer gibt es keine Einigung zum umstrittenen CCS-Gesetz: Bundeskanzlerin Angela Merkel macht Druck und will einen neuen Vorschlag. Umweltschützer warnen unterdessen mit einem geologischen Gutachten vor "enormen Risiken" der CO2-Einlagerung.
Vor dem Roten Rathaus versammelten sich Bürgerinitiativen aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein zum Protest. Der Bundesrat entscheidet am Freitag über das geplante Gesetz zur Endlagerung von Kohlendioxid.
Die Stadt Beeskow in Brandenburg wehrt sich gegen Probebohrungen des Energiekonzerns Vattenfall
Brandenburg: CCS-Gegner halten wenig von dem von Wirtschaftsminister Christoffers (Die Linke) gegründeten CCS-Beirat. Das 18-köpfige Gremium sei einseitig besetzt worden
Wenn CCS, dann bundesweit: Die Linkspartei in Brandenburg möchte, dass ein Gesetz zur Abscheidung und Verpressung des Kohlendioxids für andere Bundesländer gleichermaßen gilt. Das könnte möglicherweise das gesamte Gesetzesvorhaben auf Bundesebene verhindern. Die Verantwortung schieben die Linken nun der Bundesregierung zu.
Sollte bis zum 25. Juni kein CCS-Gesetz verabschiedet sein, droht Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren



